Sarkopenie: Forscher wollen künftig Gehirn und Nerven mitdiagnostizieren
Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 22:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Diagnose und das Verständnis von Sarkopenie stehen vor einem grundlegenden Wandel. Forscher um Lucas B. R. Orssatto von der University of Queensland und dem US National Institute on Aging plädieren in einer Veröffentlichung in der Fachzeitschrift The Lancet Healthy Longevity dafür, den altersbedingten Zustand nicht mehr rein als isolierte Muskelkrankheit zu betrachten.
Stattdessen schlagen die Wissenschaftler vor, Sarkopenie als eine Erkrankung des gesamten alternden motorischen Systems zu definieren. Dieses Konzept umfasst neben den Muskeln explizit auch das Gehirn, das Rückenmark, periphere Nerven sowie die neuromuskulären Verbindungen.
Diskrepanz zwischen Muskelmasse und funktioneller Kraft
Bestehende Daten verdeutlichen die Relevanz des Phänomens: Sarkopenie betrifft bis zu 29 Prozent der zu Hause lebenden älteren Erwachsenen, wobei die Raten in Krankenhäusern, Pflegeheimen sowie bei Multimorbidität und Gebrechlichkeit noch höher liegen.
Wie die Autoren darlegen, erklärt der reine Verlust an Muskelmasse nur einen bescheidenen Teil des altersbedingten Kraftverlusts. Zwei Personen mit identischer Muskelmasse können über vollkommen unterschiedliche Kraft- und Mobilitätswerte verfügen.
Dieser Umstand spiegelt sich auch in therapeutischen Beobachtungen wider. Medikamentöse Ansätze oder reine Ernährungstherapien, die auf eine Vermehrung von Muskelgewebe abzielen, führen laut der Auswertung nicht zwangsläufig zu funktionellen Verbesserungen im Alltag.
Ab dem 50. Lebensjahr verliert der Körper kontinuierlich an Muskelmasse, was weitreichende Folgen für die Mobilität im Alltag haben kann. Dieser kostenlose Ratgeber zeigt Ihnen, wie Sie mit nur 6 einfachen Übungen für zuhause effektiv gegensteuern. Kostenlosen PDF-Ratgeber für Krafttraining ab 50 sichern
Umgekehrt vermag körperliche Bewegung die Kraft sowie die Mobilität auch ohne nennenswerte Zunahme der Muskelmasse signifikant zu steigern. Dementsprechend stützt sich die klinische Diagnose in der Praxis zunehmend auf funktionelle Marker wie die Griffkraft, die Gehgeschwindigkeit und das Aufstehen vom Stuhl anstelle reiner Massemessungen.
Erweiterte Diagnosekriterien und klinische Praxis
Um motorische Einbußen künftig präziser zu erfassen, schlagen die beteiligten Forscher der University of Queensland und des US National Institute on Aging eine Fünf-Punkte-Agenda für künftige Diagnosekriterien vor.
Zu den Parametern, die künftig standardmäßig bewertet werden sollten, zählen das Bewegungstempo, Instabilitäten bei anhaltender Kraftausübung, feine Handbewegungen sowie Veränderungen des Gangbilds bei kognitiven oder motorischen Doppelaufgaben.
Für das medizinische Fachpersonal ergebe sich daraus die Empfehlung, neben Kraft und Gehgeschwindigkeit auch die Aufstehgeschwindigkeit, die Stabilität und das Handgeschick genauer zu prüfen. Zudem wird eine sorgfältige Überprüfung der Medikation angeraten, insbesondere im Hinblick auf verordnete Sedativa und Anticholinergika.
Wer sich mit dem Erhalt der körperlichen Kraft im Alter befasst, findet in diesem Leitfaden eines erfahrenen Sportmediziners wertvolle Unterstützung. Erfahren Sie, wie gezieltes Training den Alterungsprozess verlangsamen kann und welche Übungen besonders wirksam sind. Gratis-Report: Kraft und Beweglichkeit im Alter erhalten
Die Autoren betonen als methodische Einschränkung ihrer Arbeit, dass bislang keine kontrollierten Studien vorliegen, die eine Überlegenheit dieses systemischen Ansatzes gegenüber etablierten Screenings belegen. Es handle sich bei der Publikation um eine systematische Neubewertung der vorhandenen wissenschaftlichen Evidenz und nicht um eine neue klinische Primärstudie.
Relevanz für das Gesundheitssystem
Die Debatte über präzisere Diagnosen gewinnt vor dem Hintergrund steigender Belastungen für die Gesundheitssysteme an Bedeutung. In Australien wurden für den Zeitraum 2024-25 insgesamt 253.800 sturzbedingte Krankenhausaufenthalte verzeichnet; im Vorjahr gab es 6.722 Todesfälle in Folge eines Sturzes. Die damit verbundenen Kosten beliefen sich auf rund 5,4 Milliarden Australische Dollar.
Bereits Anfang 2026 hatte das Royal Australian College of General Practitioners (RACGP) einen Algorithmus für das Sarkopenie-Screening in der Primärversorgung herausgegeben. Eine ganzheitliche Betrachtung des neuromuskulären Netzwerks könnte künftig dazu beitragen, funktionelle Risiken frühzeitiger zu erkennen und gezielter zu adressieren.
