Schaltsekunde vor dem Aus: Internationale Entscheidung soll am 15. Oktober fallen
Veröffentlicht am: 08.10.2026 um 04:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Die Schaltsekunde steht vor dem Aus: Die Generalkonferenz fĂŒr MaĂ und Gewicht (CGPM) will die zusĂ€tzliche oder abzuziehende Sekunde abschaffen und die Entscheidung am 15. Oktober im französischen Versailles endgĂŒltig bestĂ€tigen.
Ausgleich zwischen Atomzeit und Erdrotation
Die Koordinierte Weltzeit (UTC) basiert auf Atomuhren und lĂ€uft Ă€uĂerst konstant. Die astronomische Zeit (UT1) richtet sich dagegen nach der Erdrotation, deren Geschwindigkeit von Tag zu Tag, im Jahresverlauf und ĂŒber lĂ€ngere ZeitrĂ€ume leicht schwankt.
Damit beide Zeitskalen höchstens 0,9 Sekunden auseinanderliegen, wird bislang bei Bedarf eine Schaltsekunde eingefĂŒgt. Seit EinfĂŒhrung des Verfahrens 1972 geschah dies 27 Mal, zuletzt Ende 2016. Die zusĂ€tzliche Sekunde wurde am Ende des 30. Juni oder 31. Dezember eingeschoben, sodass eine Minute 61 Sekunden dauerte.
Technische Systeme sind besonders betroffen
FĂŒr Menschen bleibt eine Schaltsekunde meist unbemerkt. In Computersystemen kann die Anpassung jedoch Störungen verursachen. Auch Energieversorgung, Telekommunikation und Verkehr benötigen nach EinschĂ€tzung der CGPM eine möglichst konstante Zeit ohne sprunghafte Korrekturen.
Beschleunigte Erdrotation erhöht den Druck
Langfristig bremsen GezeitenkrĂ€fte von Mond und Sonne die Erdrotation. In den vergangenen Jahren hat sie sich allerdings leicht beschleunigt. Dadurch besteht erstmals die Möglichkeit, dass kĂŒnftig eine Sekunde abgezogen werden mĂŒsste, um UTC und UT1 wieder anzugleichen.
Eine solche Minus-Schaltsekunde hat es bisher nicht gegeben. Die Industrie befĂŒrchtet erhebliche technische Vorbereitungen und zusĂ€tzliche Kosten. Nach dem bisherigen Vorschlag soll die Schaltsekunde deshalb zum 20. Mai 2027 abgeschafft werden.
UTC darf sich stÀrker von Sonnenzeit entfernen
Geplant ist eine kontinuierliche UTC ohne sprunghafte Ein-Sekunden-Korrekturen. Die koordinierte Weltzeit dĂŒrfte kĂŒnftig bis zu 3.600 Sekunden, also eine Stunde, von der astronomischen Zeit abweichen. Eine konkrete Obergrenze ist vorgesehen, weil manche Software einen solchen Maximalwert benötigt.
FĂŒr den Alltag wĂ€re die zunehmende Abweichung von der Sonnenzeit zunĂ€chst ohne Bedeutung. Auswirkungen wĂ€ren vor allem fĂŒr Astronomen sowie Fachleute der GeodĂ€sie und der Vermessung der ErdoberflĂ€che zu erwarten.
Einheitliche Zeit fĂŒr vernetzte Systeme
Die geplante Abkehr von der Schaltsekunde betrifft vor allem technische Systeme, die weltweit dieselbe Zeitreferenz benötigen. FinanzmĂ€rkte, Telekommunikationsnetze, Satellitennavigation, Rechenzentren und Energieversorgung arbeiten mit hochgenauen Zeitstempeln. Eine sprunghafte Korrektur um eine Sekunde kann dabei zu Fehlinterpretationen fĂŒhren, wenn Software sie nicht einheitlich verarbeitet.
Die bisherige Regel verbindet zwei unterschiedliche Anforderungen: Atomuhren liefern eine gleichmĂ€Ăige Skala, wĂ€hrend die Erdrotation die astronomische Orientierung bestimmt. Mit der vorgesehenen gröĂeren zulĂ€ssigen Abweichung wĂŒrde UTC stĂ€rker zu einer stabilen technischen Zeit werden. Die Verbindung zur Sonnenzeit bliebe erhalten, wĂŒrde aber nicht mehr in kurzen Ein-Sekunden-Schritten nachgefĂŒhrt.
Folgen fĂŒr Alltag und Forschung
FĂŒr die meisten Menschen hĂ€tte die Ănderung zunĂ€chst keine spĂŒrbare Wirkung. Die gesetzliche Uhrzeit weicht schon heute wegen Zeitzonen, Sommerzeit und geografischer Lage von der lokalen Sonnenzeit ab. Anders ist die Situation fĂŒr Astronomie, GeodĂ€sie und Raumfahrt, die den Bezug zwischen Uhrzeit und Erdrotation prĂ€zise berĂŒcksichtigen mĂŒssen.
Die Entscheidung wĂ€re daher weniger eine Ănderung des Alltags als eine technische Weichenstellung. Sie soll das Risiko einer erstmals nötigen Minus-Schaltsekunde vermeiden und langfristig planbarere Zeitstempel schaffen. Zugleich mĂŒsste die Fachwelt Verfahren entwickeln, um die wachsende Differenz zwischen UTC und UT1 zuverlĂ€ssig auszugleichen.
