Schichtdienst-Reform: ZĂŒrichs Pilotprojekt kostet bis zu 110 Mio. Franken
Veröffentlicht am: 22.08.2026 um 07:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deStadtrat ZĂŒrich legt Weisung fĂŒr Pilotversuch im Schichtdienst vor
Der Stadtrat von ZĂŒrich verfolgt PlĂ€ne zur EinfĂŒhrung einer 35-Stunden-Woche bei gleichbleibendem Lohn. Eine entsprechende Weisung fĂŒr ein Pilotprojekt wurde nun vorgelegt, wobei der Fokus auf Schichtarbeitende bei der Polizei, den Verkehrsbetrieben ZĂŒrich (VBZ) sowie in der Pflege liegt. Die politische Grundlage fĂŒr dieses Vorhaben bildet eine Motion vom 15.03.2023, die im Stadtparlament mit 60 zu 57 Stimmen angenommen worden war.
Das Projekt steht jedoch vor regulatorischen und finanziellen HĂŒrden. Auf kantonaler Ebene stieĂ die Initiative bereits auf Widerstand: Im September 2024 lehnte der Kantonsrat eine Studie zu diesem Vorhaben mit 111 zu 57 Stimmen ab.
Berechnungen zur wirtschaftlichen TragfÀhigkeit deuten zudem auf erhebliche Kosten hin. Bei einer vollstÀndigen Umsetzung des Pilotprojekts drohen der Stadt Mehrausgaben von bis zu 110 Millionen Franken sowie ein Bedarf von etwa 1500 zusÀtzlichen Stellen, um die Dienstleistungen im gewohnten Umfang aufrechtzuerhalten.
Internationale Vergleiche und Erfahrungen aus Island
ZĂŒrich orientiert sich mit diesem VorstoĂ an internationalen Modellen zur Arbeitszeitreduktion. In Island wurde bereits im Jahr 2021 die Wochenarbeitszeit im öffentlichen Dienst von 40 auf 36 Stunden bei vollem Lohnausgleich gesenkt. Davon waren rund 30 Prozent der Arbeitnehmer betroffen, was etwa 70.000 Personen entspricht.
Analysen zu diesem GroĂversuch zeigen ein gemischtes Bild. WĂ€hrend die Polizei in Island KostenneutralitĂ€t erreichte, gelang dies im Gesundheitswesen nicht. Eine Studie von KPMG aus dem Jahr 2022 hielt fest, dass 77 Prozent der BeschĂ€ftigten ihre Arbeitszeit sofort reduzierten, was phasenweise zu einer EinschrĂ€nkung des Serviceangebots fĂŒhrte.
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Zudem Ă€uĂerten ArbeitgeberverbĂ€nde Kritik und warnten vor Wettbewerbsnachteilen durch die verkĂŒrzte Arbeitszeit. ErgĂ€nzend dazu zeigt eine Untersuchung des Internationalen WĂ€hrungsfonds (IMF), die 160 LĂ€nder umfasst, dass es keinen klaren Beleg fĂŒr einen automatischen RĂŒckgang der Arbeitszeiten bei steigendem Wohlstand gibt.
Wirtschaftlicher Gegenwind und Trendumkehr in der Industrie
WĂ€hrend öffentliche Verwaltungen mit Reduktionen experimentieren, fordert die Privatwirtschaft teilweise eine RĂŒckkehr zu lĂ€ngeren Arbeitszeiten. Der Vorstand von Mercedes-Benz plĂ€dierte im Sommer 2026 dafĂŒr, die tarifliche 35-Stunden-Woche auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich anzuheben. Dies entsprĂ€che einer Erhöhung der Arbeitszeit um 14,3 Prozent bei einer gleichzeitigen Reduktion des Stundenlohns um 12,5 Prozent.
Hintergrund dieser Forderungen ist ein strikter Sparkurs mit dem Titel âNext Level Performanceâ, der bis zum Jahr 2027 Einsparungen in Höhe von 5 Milliarden Euro vorsieht. Allein aus dem Personalbereich soll 1 Milliarde Euro beigesteuert werden.
Die wirtschaftliche Lage des Automobilherstellers ist angespannt; im Jahr 2025 fiel das Nettoergebnis um 49 Prozent auf 5,33 Milliarden Euro bei einem Umsatz von 132,2 Milliarden Euro. Zwischen April 2025 und MĂ€rz 2026 schieden bereits 5.500 Mitarbeiter ĂŒber Abfindungsprogramme aus dem Unternehmen aus.
Gegen diese PlÀne regt sich Widerstand. Die IG Metall mobilisierte beispielsweise am 03.07.2026 zu Protesten, an denen laut Gewerkschaftsangaben 33.000 Menschen teilnahmen, wÀhrend das Unternehmen von 16.000 Teilnehmern sprach.
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Effizienzsteigerung und technologische Assistenz als Alternativen
In der deutschen Wirtschaft wird die Debatte um Arbeitszeit und Kosten zunehmend auf politischer Ebene gefĂŒhrt. In einem Brandbrief an Bundeskanzler Merz vom 21.08.2026 forderten 17 Unterzeichner aus der Industrie, darunter Vertreter von Siemens, Audi und BMW, die SozialbeitrĂ€ge von 42 Prozent auf 40 Prozent der Arbeitskosten zu senken. Gleichzeitig verschĂ€rft der FachkrĂ€ftemangel den Druck; laut einer Ifo-Umfrage meldeten 23,2 Prozent der Unternehmen entsprechende EngpĂ€sse.
Anstelle einer pauschalen ArbeitszeitverlĂ€ngerung plĂ€dieren einige politische Akteure wie MinisterprĂ€sident Olaf Lies fĂŒr eine Steigerung der Arbeitseffizienz. Technologische AnsĂ€tze werden hierbei als SchlĂŒssel gesehen. So befasst sich das Projekt âPerspektiveArbeit Lausitzâ seit 2021 mit der Erprobung von Assistenzsystemen und Cobots in der Praxis.
Auch die Chronobiologie liefert AnsĂ€tze fĂŒr ProduktivitĂ€tsgewinne: Untersuchungen zeigen, dass die Ausrichtung der Arbeitszeiten an die innere Uhr â etwa durch die Verlegung von Meetings â die Mitarbeiterzufriendenheit massiv steigern kann, wie Beispiele aus der norwegischen Wirtschaft belegen.
Die kĂŒnftige Entwicklung der Arbeitszeitmodelle scheint somit zwischen den Polen der Entlastung im Schichtdienst und der notwendigen Kosteneffizienz in einem wettbewerbsintensiven globalen Markt zu schwanken.
