Ist das Funkloch weg?
11.09.2023 - 07:33:41Das frĂŒhere Funkloch, in dem der Chef der Bundesnetzagentur unterwegs ist, liegt in einem Landidyll. An den StraĂen werden Reitturniere und SchĂŒtzenfeste beworben, FachwerkhĂ€user sĂ€umen den Weg. Eine Katze geht in aller Ruhe ĂŒber die StraĂe.
Doch die entspannte AtmosphÀre hatte einen Preis: Bis vor kurzem war in Mehren im Westerwald (Rheinland-Pfalz) noch tote Hose in Sachen Handynetz - auf einer FlÀche von drei mal zwei Kilometern gab es keinen 4G-Empfang.
Inzwischen haben die drei Netzbetreiber gemeldet, dass das Funkloch Geschichte ist. Um das zu ĂŒberprĂŒfen, hat die Bundesnetzagentur einen Messwagen geschickt, und deren PrĂ€sident Klaus MĂŒller ist auf eine Stippvisite vorbeigekommen.
«Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser», sagt MĂŒller und bezieht sich dabei auf die Angaben der Deutschen Telekom, von Vodafone und TelefĂłnica Deutschland (O2). Die hatten die Pflicht, bis Anfang dieses Jahres 500 4G-Funklöcher zu schlieĂen. Das Dörfchen Mehren ist eins davon.
Mitten im Wald Funkmasten errichtet
Nur ein Teil der 500 Funklöcher wurde geschlossen, in anderen berufen sich die Firmen auf rechtliche oder tatsĂ€chliche Schwierigkeiten - dass beispielsweise kein GrundstĂŒckseigentĂŒmer zur Vermietung einer FlĂ€che bereit war. In Mehren hingegen hat es geklappt: Das Funkloch ist passĂ©, angeblich. Mitten im Wald wurden Funkmasten errichtet. Nun ist die Frage, ob sie auch gut senden.
Der Messingenieur Markus Busch ist vier Tage lang mit einem Kollegen in einem Transporter unterwegs, um die QualitĂ€t des Netzes zu analysieren. Es geht nicht nur ĂŒber StraĂen, sondern auch ĂŒber Feld- und Waldwege. «Ăberall da, wo wir fahren können, fahren wir.» Auf dem Dach des Wagens sind mehrere Antennen. Der Innenraum ist voll mit Technik, ob Scanner, Laptops oder spezielle Messinstrumente.
Langsam fĂ€hrt der Transporter durch die hĂŒgelige Landschaft - und zwar jede Strecke mehrfach, damit die Messungen eindeutig sind. Dabei wird ein «Pilotsignal» empfangen, das unabhĂ€ngig ist von der aktuellen Nutzung anderer Menschen. Es gibt also gewissermaĂen keine Ausrede, warum die Downloadrate gerade im Keller ist.
Auf Monitoren ist zu sehen, wie der Empfangspegel jedes Anbieters mal steigt, mal sinkt. Alles wird dokumentiert und spĂ€ter ausgewertet. Von Mehren geht es nach Ziegenhain und Hahn - eine Route, die im Internet auf Wanderkarten zu finden ist. «Liebhaber von Fachwerkbauten und NatursteinhĂ€usern kommen auf ihre Kosten», heiĂt es auf der Internetseite ich-geh-wandern.de. In Sachen Gastronomie hapere es allerdings, man mĂŒsse Mitgebrachtes verzehren.
Auch Wandersleute sollen zumindest mancherorts gutes Netz bekommen in Deutschland - so besagt es eine Auflage, zu der sich die Telekommunikationsanbieter bei der Frequenzauktion im Jahr 2019 verpflichtet haben. Eine Downloadrate von mindestens 100 Megabit pro Sekunde soll auch in 500 bisherigen 4G-Funklöchern («WeiĂen Flecken») möglich sein.
Subjektives Nutzererlebnis vs. Sendeleistung
Allerdings ist das quasi ein Idealwert - sind mehrere Menschen in einer Funkzelle unterwegs, teilen sie sich die NetzkapazitÀt. Das ist bis zu einem gewissen Grad unproblematisch. «Viele Menschen sind auch heute noch mit zwei Megabit pro Sekunde zufrieden», sagt Fachmann Busch.
Bei Veranstaltungen, wo viele Menschen hinkommen, kann es aber doch noch hapern, selbst wenn die Ausbauauflage erfĂŒllt wurde. «Zwischen dem subjektiven Nutzererlebnis und der Sendeleistung einer Funkstation ist immer eine Diskrepanz», sagt Behördenchef MĂŒller. Die Erwartungshaltung in der Bevölkerung steige - «Filme streamen, Handygames spielen und groĂe Dateien runter- oder hochladen, das wollen die Menschen auch unterwegs machen - egal wo.»
Das bedeutet aber auch, dass die Telekommunikationsanbieter viel Geld in Sendemasten stecken mĂŒssen, die relativ wenig genutzt werden. Ist es sinnvoll, bis an die letzte Milchkanne gutes Netz zu haben? Im Internetzeitalter ja, sagt MĂŒller. «Das ist die Erwartungshaltung der Menschen und der Politik und das streben wir an.»
Noch 2,6 Prozent der FlĂ€che weiĂe Flecken
Laut Zahlen der Bundesnetzagentur waren im April 2023 nur noch 2,6 Prozent der FlĂ€che weiĂe Flecken, ein Jahr zuvor hatte der Wert noch bei 3,7 Prozent gelegen - dort hatte also keiner der drei Netzbetreiber gesendet. Sogenannte graue Flecken - wo also nur einer oder zwei der Netzbetreiber gefunkt haben - waren im April 2023 auf 16,7 Prozent der LandesflĂ€che, ein Jahr zuvor waren es 24,7 Prozent.Â
Die Zahlen zeigen, dass es besser wird. Das betonen auch die Telekommunikationsfirmen, die auf hohe Investitionen verweisen. Seit der Auktion 2019 habe man rund 2900 Funkstation-Neubauten und mehr als 3800 Upgrades auf LTE-Technik angestoĂen, heiĂt es von Vodafone.
WĂ€hrend es bei den ĂberprĂŒfungen des Messwagens im Westerwald um Ausbaupflichten von 2019 geht, richtet Behördenchef MĂŒller den Blick nach vorne. Im kommenden Jahr will seine Behörde Auflagen fĂŒr die nĂ€chste Frequenzvergabe festlegen, ein erster Vorschlag hierzu soll in den kommenden Wochen publiziert werden.
Behörde macht nur Stichproben-Messungen
Wie fallen die Ergebnisse der Messwagen-Fahrten im Westerwald aus? Ingenieur Busch lĂ€chelt. «Es sieht gut aus: Der weiĂe Fleck ist nicht mehr weiĂ und nicht mehr grau - er ist gar kein Fleck mehr.» Die Angaben der Netzbetreiber seien richtig gewesen. Ob das in allen angeblich geschlossenen Funklöchern so ist, bleibt allerdings offen - die Behörde macht nur Stichproben-Messungen.
Allerdings sind die Verbindungen auf dem Land noch lĂ€ngst nicht ĂŒberall gut, wie ein Halt in dem Dörfchen Fiersbach zeigt, das unweit von Mehren liegt - auf diese Gegend bezog sich die WeiĂe-Flecken-Ausbaupflicht nicht. Nachfrage bei dem Fiersbacher Taxiunternehmen Uwe Bischoff: Wie ist Ihr Handynetz? Prokurist Jonas Otto schĂŒttelt den Kopf. «Welches Netz?», fragt er und zeigt sein Handy: null Balken. Manchmal gehe er zum Telefonieren auf einen HĂŒgel. «Da ist es besser.»


