Schulleistung: Deutsche 15-JĂ€hrige verlieren 7â15 Punkte in PISA 2025
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 18:33 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aktuelle Debatten ĂŒber den anhaltenden Leistungsabfall im deutschen Bildungssystem betonen die wachsende Notwendigkeit gezielter kognitiver Lernstrategien sowie verlĂ€sslicher Rahmenbedingungen fĂŒr SchĂŒlerinnen und SchĂŒler.
Angesichts historisch niedriger Kompetenzwerte und einer steigenden Zahl Jugendlicher ohne grundlegende FĂ€higkeiten verlangen Fachleute, Sozialpartner und Bildungsforscher eine Neuausrichtung des Unterrichts. Neben strukturellen Reformen rĂŒcken dabei die Förderung grundlegender kognitiver Werkzeuge, Sprachkompetenzen und die Selbststeuerung von Lernenden in den Hinterhalt.
Alarmierende Leistungsdaten im internationalen Vergleich
Die Ergebnisse internationaler Vergleichsstudien verdeutlichen das AusmaĂ der Defizite. Laut PISA 2025 fielen die deutschen Durchschnittsergebnisse in Mathematik und Lesekompetenz noch niedriger aus als im Jahr 2022. Deutschland nimmt seit dem Jahr 2000 an der Erhebung teil und verzeichnete nun die schlechtesten Werte ĂŒberhaupt. Die Leistungen deutscher 15-JĂ€hriger sanken je Schulfach um 7 bis 15 Punkte gegenĂŒber 2022.
Besonders drastisch zeigt sich die Situation in den Basiskompetenzen: Ăber ein Drittel der 15-JĂ€hrigen erreicht in Mathematik nicht die Grundkenntnisse, beim Lesen liegt dieser Anteil bei 32 Prozent und in den Naturwissenschaften bei 27 Prozent.
Sehr gute Ergebnisse erzielen hingegen lediglich 8 Prozent in Mathematik, 7 Prozent im Lesen und 9 Prozent in den Naturwissenschaften. Seit 2015 stieg der Anteil leistungsschwacher Jugendlicher in Mathematik um 17 Prozentpunkte, im Lesen um 15 Prozentpunkte und in den Naturwissenschaften um 10 Prozentpunkte.
Auch nationale Erhebungen bestĂ€tigen den AbwĂ€rtstrend. Der Bildungsmonitor 2026 des Instituts der deutschen Wirtschaft im Auftrag der INSM zeigt, dass das Bildungsniveau in allen 16 BundeslĂ€ndern sinkt. Zwar fĂŒhrt Sachsen erneut das BundeslĂ€nderranking vor Bayern, Hamburg, Baden-WĂŒrttemberg und dem Saarland an, das Schlusslicht Bremen verzeichnete jedoch den stĂ€rksten RĂŒckgang.
Der IQB-Bildungstrend 2024 wies bei den Mathematik-Kompetenzmittelwerten der Sekundarstufe I eine Spanne von 436 Punkten in Bremen bis 511 Punkten in Sachsen aus und belegte ebenfalls RĂŒckgĂ€nge in fast allen LĂ€ndern.
Soziale Folgen und LĂŒcken bei kognitiven Kernkompetenzen
Die schulischen Probleme setzen sich beim Ăbergang in Ausbildung und Beruf fort. Wie Zahlen des Statistischen Bundesamtes fĂŒr das Schuljahr 2023/2024 zeigen, verlieĂen rund 62.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss, was einer Abbrecherquote von 7,8 Prozent entspricht.
Zudem waren im Vorjahr zehn Prozent der 20- bis 24-JĂ€hrigen ohne BildungsmaĂnahme und BeschĂ€ftigung. Laut Berufsbildungsbericht 2026 verfĂŒgen rund 2,76 Millionen junge Erwachsene im Alter zwischen 20 und 34 Jahren ĂŒber keinen Berufsabschluss.
Aus der Praxis berichten Bildungsexperten ĂŒber tiefgreifende VerĂ€nderungen der Denk- und Arbeitsweisen von Jugendlichen. Markus Maienschein, Schulleiter der John-F.-Kennedy-Schule in Bad Vilbel, beobachtet die gröĂten Defizite beim Abstrahieren und beim kognitiven Transfer.
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Ursachen sieht er primĂ€r im familiĂ€ren Umfeld und im frĂŒhen Technikkontakt. An Hochschulen machen sich diese VersĂ€umnisse ebenfalls bemerkbar. Prof. Dr.-Ing. Dietmar Wolff, VizeprĂ€sident Lehre der Hochschule Hof, verweist auf eine wachsende HeterogenitĂ€t der StudienanfĂ€nger, denen bereits grundlegende mathematische Fertigkeiten fehlten.
Die stĂ€rksten negativen VerĂ€nderungen zeigten sich bei der Selbststeuerungskompetenz. Wolff plĂ€diert dafĂŒr, kĂŒnstliche Intelligenz als Lernbegleiter, nicht aber als reinen Aufgabenlöser einzusetzen.
Kritik kommt zudem an bisherigen didaktischen Konzepten auf. Volker Ladenthin beanstandet, dass PISA als Steuerungsinstrument fĂŒr einen zentralistischen Umbau gescheitert sei; das Prinzip der Kompetenzorientierung habe wissenschaftsfundierten Fachunterricht verdrĂ€ngt, sodass UniversitĂ€ten inzwischen StĂŒtz- und Wiederholungskurse anbieten mĂŒssten.
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Forderungen von Sozialpartnern und Forschung
Angesichts dieser Entwicklung formulierten die Bundesvereinigung der Deutschen ArbeitgeberverbÀnde (BDA) und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in einem gemeinsamen Impulspapier zur Bildungskonferenz der Sozialpartner in Berlin zentrale Handlungsfelder. Bis 2035 soll die zahl junger Menschen ohne Basiskompetenzen, Schulabschluss oder Berufsabschluss deutlich reduziert werden.
Der Bildungserfolg dĂŒrfe nicht von sozialer Herkunft, Wohnort oder Finanzen der Eltern abhĂ€ngen. Beide VerbĂ€nde fordern unter anderem, die Schulpflicht zu sichern, eine Roadmap von Bund und LĂ€ndern umzusetzen, den Digitalpakt 2.0 zu realisieren und KI-Kompetenzen verbindlich zu vermitteln.
Zudem mĂŒssten der Kita-Ausbau und die Ganztagsbetreuung mit festen QualitĂ€tsrahmen priorisiert werden. Auch Holger Schwannecke, GeneralsekretĂ€r des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, mahnte an, dass zu viele junge Menschen die Schule ohne Grundkompetenzen fĂŒr eine Lehre verlieĂen.
Der Bildungsforscher Ulrich Trautwein hob hervor, dass sprachliche Förderung die entscheidende SchlĂŒsselmaĂnahme darstelle. Er fordert ein sprachlich bereicherndes Umfeld spĂ€testens ab einem Alter von drei Jahren, verbindliche Diagnostik, strukturierte Sprachförderung, Juniorklassen, feste Lesezeiten und eine Begrenzung der Handynutzung wĂ€hrend der Lernzeit.
Die G9-Reform bezeichnete Trautwein als Fehlentscheidung, da sie dreistellige MillionenbetrĂ€ge binde, die fĂŒr die Sprachförderung dringender gebraucht wĂŒrden.
Reformschritte in Praxis und LehrkrÀftebildung
Auf politischer Ebene zeichnen sich erste Anpassungen ab. In Bayern stellten Kultusministerin Anna Stolz und Wissenschaftsminister Markus Blume einen Masterplan zur Neuaufstellung der LehrkrÀftebildung vor. Das Konzept sieht unter anderem ein intensives Praxisjahr vor, bei dem die Praxiszeit an Schulen um rund 50 Prozent auf 300 Stunden mit mindestens 20 Unterrichtsversuchen steigt.
Gleichzeitig setzen die BundeslĂ€nder auf gezielte fachdidaktische Initiativen. Die Amtschefs der Bildungsministerkonferenz stimmten der Fortsetzung des Programms âQuaMathâ bis Ende 2033 zu, wofĂŒr die LĂ€nder rund 26 Millionen Euro bereitstellen. Das vom Deutschen Zentrum fĂŒr Lehrerbildung Mathematik unter Leitung des Leibniz-Instituts fĂŒr die PĂ€dagogik der Naturwissenschaften und Mathematik koordinierte Vorhaben erreichte in den ersten Phasen bereits 3.082 Schulen und 10.923 LehrkrĂ€fte; langfristig soll es auf bis zu 10.000 Schulen ausgeweitet werden, um mathematische Lernprozesse nachhaltig zu verbessern. Erste Ergebnisse zu den Lernfortschritten werden fĂŒr Ende 2027 erwartet.
