Wirkstoff, HIV-Infektion

Wirkstoff schĂŒtzt effektiv vor HIV-Infektion

28.11.2024 - 00:01:35

Seit einigen Jahren gibt es wirksame Mittel zum Schutz vor einer HIV-Infektion. Allerdings mĂŒssen sie tĂ€glich genommen werden. Das ist bei Lenacapavir anders - was ein immenser Vorteil sein kann.

  • Als Depotspritze schĂŒtzt Lenacapavir anhaltend vor einer Infektion mit HIV, eine Impfung ist nur alle sechs Monate nötig. (Archivbild) - Foto: Jerome Delay/AP/dpa

    Jerome Delay/AP/dpa

  • Frauen könnten von Lenacapavir Experten zufolge besonders profitieren. (Archivbild) - Foto: Sunday Alamba/AP/dpa

    Sunday Alamba/AP/dpa

  • In einigen LĂ€ndern birgt die tĂ€gliche Einnahme schĂŒtzender Tabletten das Risiko, im Umfeld als vermeintlich HIV-positiv abgestempelt zu werden. (Archivbild) - Foto: Ronald Kabuubi/AP/dpa

    Ronald Kabuubi/AP/dpa

  • Das Mittel soll prophylaktisch Menschen mit hohem HIV-Infektionsrisiko angeboten werden. (Archivbild) - Foto: picture alliance / Ben Curtis/AP/dpa

    picture alliance / Ben Curtis/AP/dpa

Als Depotspritze schĂŒtzt Lenacapavir anhaltend vor einer Infektion mit HIV, eine Impfung ist nur alle sechs Monate nötig. (Archivbild) - Foto: Jerome Delay/AP/dpaFrauen könnten von Lenacapavir Experten zufolge besonders profitieren. (Archivbild) - Foto: Sunday Alamba/AP/dpaIn einigen LĂ€ndern birgt die tĂ€gliche Einnahme schĂŒtzender Tabletten das Risiko, im Umfeld als vermeintlich HIV-positiv abgestempelt zu werden. (Archivbild) - Foto: Ronald Kabuubi/AP/dpaDas Mittel soll prophylaktisch Menschen mit hohem HIV-Infektionsrisiko angeboten werden. (Archivbild) - Foto: picture alliance / Ben Curtis/AP/dpa

Eine halbjĂ€hrliche Impfung mit dem Medikament Lenacapavir schĂŒtzt effektiv vor einer Infektion mit HIV. Das bestĂ€tigen Daten der zulassungsrelevanten Phase-3-Studie «Purpose 2», die im «New England Journal of Medicine» («NEJM») vorgestellt werden. Mit Lenacapavir sei ein echter Durchbruch gelungen, lobte Astrid Berner-Rodoreda vom UniversitĂ€tsklinikum Heidelberg.

Als Depotspritze schĂŒtzt Lenacapavir anhaltend vor einer Infektion mit HIV, alle sechs Monate ist eine Auffrischung vorgesehen - bisher verwendete Mittel zur HIV-PrĂ€expositionsprophylaxe (PrEP) wie Truvada mĂŒssen tĂ€glich als Tablette genommen werden. Sich zweimal jĂ€hrlich impfen zu lassen, sei wesentlich komfortabler als tĂ€glich an die Einnahme einer Tablette denken zu mĂŒssen, sagte Berner-Rodoreda.

Tabletten machen das Umfeld misstrauisch

Hinzu komme ein bestimmter Effekt: Gerade in einigen stark von HIV betroffenen LĂ€ndern gebe es bei der tĂ€glichen Einnahme von Tabletten das Risiko, im Umfeld als vermeintlich HIV-positiv abgestempelt zu werden. Eine nur zweimal jĂ€hrlich verabreichte Spritze lasse sich weitaus besser geheim halten. Darum stehe außer Frage, dass Lenacapavir eine «riesen Erleichterung» fĂŒr viele Menschen darstelle.

Wie schon die VorgĂ€ngerstudie «Purpose 1» wurde die Auswertung aufgrund der vielversprechenden Ergebnisse vorzeitig beendet, um das Medikament allen Probanden und Probandinnen zur VerfĂŒgung stellen zu können, wie es vom Hersteller Gilead hieß. FĂŒr Lenacapavir solle nun die Zulassung als HIV-Schutz in zahlreichen LĂ€ndern beantragt werden. Gezielt werde an einer Versorgung auch in Ă€rmeren LĂ€ndern gearbeitet.

Vergleichbar effizienter Schutz 

Das Mittel soll prophylaktisch Menschen mit hohem HIV-Infektionsrisiko angeboten werden. Es hemmt den Lebenszyklus des Virus in mehreren Stadien der Infektion. Von der Effizienz her sei Lenacapavir mit Truvada vergleichbar, erklÀrte Max von Kleist von der Freien UniversitÀt Berlin. Beide böten einen hervorragenden, nahezu kompletten Schutz.

Bei den Ergebnissen der beiden «Purpose»-Studien wirke es zwar so, als gebe es in den mit Tabletten versorgten Kontrollgruppen anteilig einige Infektionen mehr - die Daten tĂ€uschten aber, erlĂ€uterte der Leiter der Forschungsgruppe «Mathematics for Data Science». Vielfach seien die Tabletten nicht regelmĂ€ĂŸig oder gerade zum Ende des Untersuchungszeitraums auch gar nicht mehr genommen worden. Dass es dann zu Infektionen komme, verwundere nicht.

Lenacapavir ist in der EU bereits zur virushemmenden Behandlung bestimmter Patienten zugelassen, die schon infiziert sind. In Deutschland wurde das Medikament dafĂŒr bisher von Gilead nicht auf den Markt gebracht. Ob es als vorbeugendes Mittel hierzulande erhĂ€ltlich sein wird, sei unklar, sagte Berner-Rodoreda. Von großer Bedeutung sei es aber ohnehin vor allem fĂŒr Ă€rmere LĂ€nder, etwa fĂŒr Frauen in Afrika sĂŒdlich der Sahara.

Wird es bezahlbar sein fĂŒr die, die es am meisten brauchen?

Dabei gebe es ein Problem: Zur Behandlung bei bestehender Infektion eingesetzt koste Lenacapavir in den USA rund 42.000 Dollar pro Jahr - in dieser GrĂ¶ĂŸenordnung wĂ€re es fĂŒr Menschen in Ă€rmeren LĂ€ndern unbezahlbar. Es sei zentral, dass der Zugang fĂŒr solche Staaten ermöglicht werde, in denen das Mittel wirklich dringend gebraucht werde, betonte Berner-Rodoreda.

Bei wem und unter welchen LebensumstĂ€nden die Wahl auf Lenacapavir fallen sollte, mĂŒsse jeweils gut abgewogen werden, ergĂ€nzte von Kleist. Denn es gebe - wie generell bei solchen Wirkstoffen - das Risiko der Bildung von Resistenzen. Speziell bei Lenacapavir sei das Problem, dass der Wirkstoff nach einem Stopp der Impfungen noch etwa ein Jahr im Körper nachzuweisen sei. «Das fördert die Resistenzentwicklung.» Resistent kann ein Erreger werden, wenn die Dosis eines Wirkstoffes nicht ausreicht, ihn zu beseitigen, ihn aber unter Selektionsdruck setzt.

Absetzen nur mit Nachbehandlung?

Womöglich mĂŒsse nach dem Absetzen von Lenacapavir noch ein Jahr lang Truvada genommen werden, um die Bildung von Resistenzen bei einer Ansteckung in diesem Zeitraum zu verhindern, so von Kleist. Bei Truvada sei das entsprechende Risiko gering: Es verschwinde binnen einer Woche aus dem Körper, wenn es nicht mehr eingenommen werde.

«Purpose 2» umfasste knapp 3.300 HIV-negative Menschen, die hĂ€ufiger Sex hatten. Zwei Personen in der Lenacapavir-Gruppe (ca. 2.200 Probanden) und neun in der zum Vergleich mit Truvada behandelten Gruppe (ca. 1.100 Probanden) infizierten sich mit HIV, wie es im Fachjournal heißt. Lenacapavir reduzierte das Infektionsrisiko damit um 96 Prozent gegenĂŒber der Hintergrundinzidenz. Vertragen wurden beide Mittel im Allgemeinen gut.

Erst im Juli waren vielversprechende Ergebnisse der Phase-III-Studie «Purpose 1» auf der Welt-Aids-Konferenz in MĂŒnchen vorgestellt und im «NEJM» prĂ€sentiert worden. Daran waren rund 5.300 HIV-negative MĂ€dchen und junge Frauen in SĂŒdafrika und Uganda beteiligt. Bei den gut 2.100 Teilnehmerinnen, die zweimal im Jahr Lenacapavir gespritzt bekamen, gab es keine Infektion. In Kontrollgruppen mit rund 3.200 Teilnehmerinnen, die andere Medikamente zur PrĂ€vention eingenommen hatten, gab es 55 HIV-Infektionen.

Heilung nach wie vor nicht möglich

Das HI-Virus schwĂ€cht das Immunsystem und macht den Körper anfĂ€llig fĂŒr verschiedene Erkrankungen. Das Krankheitsbild heißt Aids. Bei frĂŒher Erkennung und Behandlung haben Infizierte praktisch eine normale Lebenserwartung. Komplett beseitigen lĂ€sst sich die Infektion in den meisten FĂ€llen allerdings nicht, darum ist die lebenslange Einnahme virushemmender Medikamente nötig.

Nach einem am Dienstag vorgestellten UN-Bericht steigt in 28 LĂ€ndern die Zahl der HIV-Ansteckungen. Weltweit leben 39,9 Millionen Menschen mit dem Virus, der Großteil in Afrika sĂŒdlich der Sahara, wie das UN-Programms UNAIDS mitteilte. 2023 seien 630.000 Menschen im Zusammenhang mit Aids gestorben, 1,3 Millionen Menschen hĂ€tten sich neu mit dem HI-Virus infiziert.

@ dpa.de