Hornissen, Wespen

Wird es ein gutes Hornissen-Jahr?

30.07.2023 - 07:32:11

Sie sind nĂŒtzlich und entgegen ihrem Ruf nicht gefĂ€hrlich: Hornissen sind faszinierende, aber scheue Insekten. Dieses Jahr scheinen viele in MenschennĂ€he unterwegs zu sein. Was steckt dahinter?

Sie ist auffallend gelb gestreift und beim Fliegen gibt sie ein tiefes Brummen von sich. Dass eine Hornisse manchen Menschen Angst einjagt, kann die Insektenexpertin Tarja Richter verstehen. «Sie ist groß, summt laut, und das klingt auch sehr bedrohlich.»

Und dann ist da noch der verbreitete Irrglaube, dass sieben Hornissenstiche ein Pferd töten könnten und drei einen Menschen. Dabei sind Hornissen nicht nur sehr friedfertig, sondern auch viel scheuer als ihre lÀstigen Wespen-Verwandten, die im Sommer oft beim Grillen oder Eisessen stören.

Trotzdem wurden in diesem FrĂŒhsommer deutlich mehr EuropĂ€ische Hornissen (Vespa crabro) bei der Mitmachaktion «Insektensommer» gesichtet. Der bayerische Naturschutzverband LBV und der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) hatten dafĂŒr die Menschen in Deutschland aufgerufen, in einem Zeitraum von zehn Tagen im Juni die Insekten in ihrer Umgebung zu zĂ€hlen. Im Vergleich zum Vorjahr flog die Hornisse 19 PlĂ€tze nach vorne und landete auf Rang 11 der am hĂ€ufigst beobachteten Insekten. Aber ist sie tatsĂ€chlich hĂ€ufiger? Und wenn ja, warum?

Im Vergleich zur Gemeinen und zur Deutschen Wespe sei die ebenfalls zu den Faltenwespen zĂ€hlende Hornisse seltener, erlĂ€utert die LBV-Expertin Richter in Hilpoltstein. «Die BestĂ€nde haben sich im Vergleich zum vergangenen Jahrzehnt aber erholt.» Das bestĂ€tigt der MĂŒnchner Bienen- und Wespenkundler Leander Bertsch, der gerade mit anderen Fachleuten die Roten Liste fĂŒr Wespen ĂŒberarbeitet. «Hornissen sind besonders geschĂŒtzt. GefĂ€hrdet sind sie aber mittlerweile nicht mehr.»

Hornissen ziehen vermehrt in Siedlungen

Dass man die großen Brummer hĂ€ufiger zu sehen bekommt, könnte nach Ansicht von Richter auch daran liegen, dass Hornissen aus ihrem natĂŒrlichen Lebensraum vermehrt in Siedlungen ziehen. Normalerweise nisten sie in Baumhöhlen in lichten WĂ€ldern und an WaldrĂ€ndern. Weil aber natĂŒrliche Baumhöhlen selten geworden seien, suchten sie andere NistplĂ€tze, von denen es in der NĂ€he des Menschen reichlich gibt: zum Beispiel in RollladenkĂ€sten, alten Schuppen, zwischen WĂ€nden oder in Nischen auf dem Dachboden.

Mit GlĂŒck konnte man im FrĂŒhsommer - also wĂ€hrend der ZĂ€hlaktion - die bis zu 3,5 Zentimeter große Königin dabei beobachten, wie sie die Umgebung nach einem geeigneten Nistplatz erkundet und weiches Holz als Baumaterial sammelt. Aus den ersten Eiern schlĂŒpfen Arbeiterinnen, die dann den weiteren Nestbau und die Pflege der Larven ĂŒbernehmen, wie Richter berichtet. SpĂ€ter schlĂŒpfen aus den Eiern Jungköniginnen und MĂ€nnchen, Drohnen genannt.

«Die ausgewachsenen Hornissen sind Vegetarier. Sie ernĂ€hren sich von Nektar und PflanzensĂ€ften», erlĂ€uterte Richter. Die Larven werden dagegen mit Insektenfleisch gefĂŒttert. Etwa ein halbes Kilogramm Insekten vertilgt ein Hornissenvolk dem Umweltbundesamt zufolge am Tag - und hĂ€lt den Menschen damit auch Plagegeister wie Stubenfliegen, Bremsen und Wespen vom Leib. Hornissen sind deshalb Ă€ußerst nĂŒtzlich und keinesfalls so gefĂ€hrlich, wie der Volksmund ihnen nachsagt: Ihr Stich ist nach Angaben der Fachleute nicht giftiger als der einer Biene oder Wespe.

Hornissen sind nĂŒtzlich und ungefĂ€hrlich

Entdeckt man ein Nest im Garten oder am Haus, mĂŒsse man im Prinzip nichts unternehmen, meint der Wildbienen- und Wespenexperte Christian Schmid-Egger von der Deutschen Wildtier Stiftung in Berlin. «Hornissen sind relativ friedlich. Wenn man ein bis zwei Meter Abstand zum Nest hĂ€lt, ist das kein Problem.»

Ohnehin stehen die Tiere unter Artenschutz und dĂŒrfen nicht getötet werden. Nester dĂŒrfen Fachleute nur im Ausnahmefall nach RĂŒcksprache mit den Naturschutzbehörden umsiedeln. Normalerweise erledige sich das Problem im Herbst aber von alleine, erlĂ€utert Schmid-Egger. Denn dann sterben alle Hornissen im Nest. Nur die jungen Königinnen ĂŒberwintern in einem Unterschlupf und bauen im nĂ€chsten Jahr in der Regel ein neues Nest an einer anderen Stelle.

Dass mehr Hornissen beim diesjĂ€hrigen «Insektensommer» gezĂ€hlt wurden, könnte auch an einer Verzerrung liegen, meint Schmid-Egger. «Hornissen sind gerade massiv in den Medien.» Das liegt vor allem an einer invasiven Art, der Asiatischen Hornisse (Vespa velutina). Diese habe sich in Rheinland-Pfalz und teilweise in Hessen und Baden-WĂŒrttemberg ausgebreitet. Einzelne Vorkommen gebe es auch in Hamburg. Der Ökologe geht davon aus, dass sich die Art in den nĂ€chsten Jahren in ganz Deutschland verbreiten wird. Eine Gefahr fĂŒr die heimische Hornisse sieht er dadurch bisher nicht.

Verlust von LebensrĂ€umen grĂ¶ĂŸte Gefahr

Die grĂ¶ĂŸte Bedrohung fĂŒr sie sei der Verlust von LebensrĂ€umen, sagt der MĂŒnchner Experte Bertsch. «Sie ist angewiesen auf funktionierende Ökosysteme, in denen sie ausreichend Insekten fĂŒr ihre Larven findet.» Auch er hĂ€lt es fĂŒr möglich, dass die Menschen diesmal beim «Insektensommer» wegen der Asiatischen Hornisse mehr auf Hornissen geachtet haben. Gleichzeitig gebe es natĂŒrliche Schwankungen. «Wenn das FrĂŒhjahr warm und insektenreich ist, dann können sich Hornissen gut entwickeln», sagt er. «Mag auch sein, dass beides zusammenkommt.» Also ein gutes Hornissen-Jahr und mehr Aufmerksamkeit.

Im August geht die Mitmachaktion in eine zweite Runde. Vom 4. bis 13. August kann die Bevölkerung wieder eine Stunde lang die Insekten in ihrer Umgebung zĂ€hlen. Die Wahrscheinlichkeit, Hornissen zu beobachten, könnte dann sogar noch höher sein, heißt es vom LBV. Denn im SpĂ€tsommer erreiche ein Hornissenvolk sein Maximum von bis zu 700 Tieren.

@ dpa.de