HĂ€ufig aufgetischt, selten gesund: verarbeitete Lebensmittel
12.01.2024 - 06:12:52Die Instantsuppe enthĂ€lt 22 Zutaten, beim Nudelfertiggericht stehen sogar 24 Inhaltsstoffe auf der Verpackung. Ob TiefkĂŒhlpizza oder GeflĂŒgelnuggets, WĂŒrstchen, Kekse, Protein-Kraftriegel, Cerealien oder salzige Snacks - hochverarbeitete Lebensmittel mit oft vielen zugefĂŒgten Zusatzstoffen landen in Deutschland sehr hĂ€ufig im Einkaufskorb.
Die Gruppe der auch Ultra-Processed Foods (UPF) genannten Lebensmittel ist vielfÀltig, es gibt ein enormes Angebot von unterschiedlicher QualitÀt. Ein hoher Konsum kann Experten zufolge gesundheitliche Risiken mit sich bringen.
Was sind hochverarbeitete Lebensmittel oder UPFs?
Typischerweise enthalten die Produkte viel Zucker, Salz, ungĂŒnstige Fette und Zusatzstoffe wie Farbstoffe, GeschmacksverstĂ€rker und Konservierungsmittel. DarĂŒber hinaus können Weichmacher aus den Plastikverpackungen in die Nahrungsmittel ĂŒbergehen. Hingegen sieht es bei den wichtigen Mineral- und Ballaststoffen sowie Vitaminen oft mau aus.
Laut Deutscher Gesellschaft fĂŒr ErnĂ€hrung (DGE) handelt es sich um Lebensmittel und GetrĂ€nke, bei deren Herstellung die eingesetzten Rohstoffe einem umfangreichen industriellen Verarbeitungsprozess unterzogen wurden. Der jĂŒngste DGE-ErnĂ€hrungsbericht vom Dezember 2023 sieht einen Zusammenhang zwischen einem hohem Verzehr solcher UPFs bei Erwachsenen und Erkrankungen wie Bluthochdruck, Ăbergewicht und Adipositas oder auch Typ-2-Diabetes.
Allerdings mĂŒsse differenziert werden, betont Mitautorin Bettina Hieronimus vom Max Rubner-Institut, Bundesforschungsinstitut fĂŒr ErnĂ€hrung und Lebensmittel. Es gebe eine gewaltige Spannbreite: Zu der UPF-Gruppe gehören nicht nur ungesunde Dosengerichte, Kekse, SĂŒĂwaren oder Junk Food mit geringem NĂ€hrwert, aber vielen Kalorien. «Auch ein Salat-Mix kann in der gĂ€ngigen Nova-Skala in die höchste Verarbeitungsstufe rutschen, nur weil im Dressing ein Bindemittel enthalten ist», schildert Hieronimus ein Beispiel. Die Nova-Skala teilt Lebensmittel nach dem Grad ihrer Verarbeitung ein und reicht in vier Stufen von «unverarbeitet» bis zu «hochverarbeitet».
Ein veganes Schnitzel sei als hochverarbeitet einzustufen, die Datenlage lasse derzeit aber noch keine SchlĂŒsse zu gesundheitlichen Auswirkungen zu, sagt Hieronimus. Viele Anbieter setzten gerade hier auf natĂŒrliche Zutaten. «Wir sind bei den UPFs noch am Anfang, mĂŒssen auf teilweise veraltete Daten zurĂŒckgreifen und brauchen viel mehr Forschung.» So sei unter anderem noch nicht klar, warum sich bestimmte Faktoren gesundheitlich negativ auswirken können.
«Je kĂŒrzer die Zutatenliste, desto besser»
Nach Angaben der DGE dominieren stark verarbeitete Lebensmittel vor allem in LĂ€ndern mit hohen Einkommen immer stĂ€rker. Sie verdrĂ€ngten mehr und mehr eine ErnĂ€hrung mit natĂŒrlichen Lebensmitteln und frisch zubereiteten Speisen. In Deutschland machten sie nach der letzten Nationalen Verzehrstudie Anfang der 2000er Jahre rund die HĂ€lfte der gesamten Energiezufuhr aus. Aktuellere Zahlen gibt es nicht, es wird von einer zunehmenden Tendenz ausgegangen.
Beim Griff ins Lebensmittelregal sollte man genau auf die Zutatenliste der Produkte schauen, rĂ€t Christiane Seidel vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Als Faustregel gelte: «Je kĂŒrzer die Zutatenliste, desto besser.» Auch hochverarbeitete Lebensmittel, die mit Vorteilen wie «proteinreich» oder «zuckerarm» beworben wĂŒrden, seien nicht automatisch gesund. «Es kommt drauf an, was in der Gesamtschau drin ist.» UngeklĂ€rt sei, welche Schadstoffe aus den Verpackungen womöglich ins Lebensmittel ĂŒbergehen können.
Vor allem aber sieht Seidel den breiten Einsatz von Zusatzstoffen kritisch. Man kenne hier lĂ€ngst nicht alle womöglich negativen Folgen, es bestehe Forschungsbedarf. ErnĂ€hrungswissenschaftlerin Hieronimus sagt Ă€hnlich, es wĂŒrden zwar nur zugelassene Stoffe eingesetzt. Aber wie sich deren Mischung gesundheitlich auswirke - Stichwort «Cocktail-Effekt» - sei noch ungewiss.
Was macht UPFs so attraktiv?
UPF-Produkte sind praktisch ĂŒberall erhĂ€ltlich, meist erschwinglich, lange haltbar und verzehrfertig oder nur aufzuwĂ€rmen, wie Harald Seitz vom Bundeszentrum fĂŒr ErnĂ€hrung (BZfE) in Bonn erlĂ€utert. Die UPFs seien schmackhaft, bequem und zeitsparend. Zur Schattenseite gehöre: Das Lebensmittel verliere mit jedem Verarbeitungsschritt einen Teil seiner NĂ€hrstoffe und gesundheitsförderlichen Inhaltsstoffe. «Je weniger verarbeitet und frischer ein Lebensmittel ist, desto besser», unterstreicht Seitz.
UPFs sind aus Sicht der Hersteller profitabel, weil laut DGE hĂ€ufig - wenn auch nicht immer - billige Zutaten verwendet werden. Nachfrage und Absatz sind groĂ. NĂ€hrwertangaben des Nutri-Score auf den Verpackungen könnten Verbraucherinnen und Verbrauchern hilfreiche Hinweise geben, sagt Bettina Hieronimus. Nicht oder wenig verarbeitete Lebensmittel seien vorzuziehen. Und: «Selber kochen ist am besten.»


