Spyware, Onlinewerbung

Spyware ĂŒber Onlinewerbung: 3,6 Millionen GerĂ€te könnten betroffen sein

Veröffentlicht am: 22.10.2026 um 23:56 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Forscher dokumentieren gezielte Werbeangriffe auf GerÀte; Google und weitere Branchenakteure sperrten Discover-Tech den Zugang.
Dunkler, minimalistischer Serverraum mit metallischen Racks in kĂŒhlem blauen Licht. Illustration mit AI erstellt.

Sicherheitsforscher des Citizen Lab an der UniversitĂ€t Toronto haben erstmals technisch nachgewiesen, wie Spionagesoftware ohne Zutun der Betroffenen ĂŒber gewöhnliche Onlinewerbung in Smartphone-Apps verteilt werden kann. Von den Werbeeinblendungen waren auch in Deutschland populĂ€re Anwendungen betroffen.

Gezielte Auslieferung ĂŒber Werbenetzwerke

Nach gemeinsamen Erkenntnissen des Citizen Lab und des Sicherheitsunternehmens Confiant diente die Werbeplattform Controlium des israelischen Unternehmens Discover-Tech als Vermittlungskanal fĂŒr die Angriffe. Das Unternehmen trat als regulĂ€rer WerbekĂ€ufer auf und nutzte eine eigene Plattform namens MyDSP, um ĂŒber Werbe-IDs und IP-Adressen gezielt bestimmte GerĂ€te auszuwĂ€hlen.

Beim bloßen Rendern der Werbeanzeige lud ein bösartiger JavaScript-Code Schadcode nach. FĂŒr eine Infektion war kein Klick der Nutzer erforderlich, allerdings setzte der Angriff eine ausnutzbare Schwachstelle auf dem ZielgerĂ€t voraus. Laut der vom Citizen-Lab-Direktor Ronald J. Deibert geleiteten Untersuchung bot MyDSP auf 3,77 Milliarden WerbeplĂ€tze und gewann 442 Millionen Auktionen.

Die Anzeigen wurden in 75.373 Apps und auf 120.768 Websites ausgespielt. AuffĂ€llig dabei: Hinter der Plattform standen lediglich drei Werbetreibende mit Gesamtausgaben von rund 109.000 US-Dollar, die keine einzige messbare Conversion erzielten. 67,4 Prozent der Gebote wurden ĂŒber den Anbieter Yandex ausgeliefert; Maßnahmen von Yandex wurden bisher nicht bekannt.

FĂŒr das erste Halbjahr 2026 identifizierte Citizen Lab 3,6 Millionen potenziell in Frage kommende NutzergerĂ€te, was jedoch nicht mit der Zahl tatsĂ€chlicher Infektionen gleichzusetzen ist. Die betroffenen WerbeplĂ€tze fanden sich unter anderem in weit verbreiteten Anwendungen wie Wetter Online, Duolingo, Viber, Grindr, Badoo, MX Player, Lark Player, Yahoo Mail sowie Opera Mini.

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HochkarÀtige Institutionen im Visier

Die mutmaßlichen Angriffsziele erstrecken sich ĂŒber internationale Organisationen wie die UN, die NATO und die EU-Kommission sowie rund 20 Medienunternehmen. Zudem liefen verdĂ€chtige Anzeigen in Netzwerken mit Bezug zu Behörden, StreitkrĂ€ften sowie Tech- und Halbleiterkonzernen.

Am stĂ€rksten betroffen waren Netze von Intel; Spuren fanden sich zudem bei Nvidia, SanDisk, Texas Instruments, Broadcom, Micron und ARM. Geografisch reichten die Angriffe ĂŒber LĂ€nder wie Deutschland, die USA, Frankreich, Israel, Russland, die Vereinigten Arabischen Emirate und Australien.

In Australien stießen die Forscher auf eine erhebliche HĂ€ufung bei Energieversorgern, UniversitĂ€ten, Medien und dem Forschungszentrum ANSTO, das jedoch keine Auswirkungen meldete.

Citizen Lab konnte ein wiedergefundenes Implantat als Windows-Datei identifizieren; ein Smartphone-Implantat wurde bisher nicht bestĂ€tigt, weshalb der Einsatz von Spyware fĂŒr Android oder iOS in diesem Kontext nicht belegt ist.

Beim sender Al Jazeera waren in den Jahren 2024 und 2025 mindestens 45 GerÀte Ziel von Zero-Click-Angriffen mit Spionagesoftware der Firma Candiru, die heute als Integrity Labs firmiert und seit 2021 auf der US-Sanktionsliste steht. Al Jazeera verlangt nun eine unabhÀngige Untersuchung.

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Reaktionen der Industrie und Schutzmaßnahmen

Auf die EnthĂŒllungen folgten erste Konsequenzen der Digitalbranche: Google, Beeswax, Vungle sowie Eskimi entzogen Discover-Tech den Zugriff. Der Branchenverband IAB Europe suspendierte die Plattform wegen VerstĂ¶ĂŸen gegen das europĂ€ische Transparenzregelwerk von seiner globalen Anbieterliste. Das Sicherheitsunternehmen Corrata gab an, wöchentlich 1.000 bis 2.000 Werbe-Domains vorsorglich zu blockieren.

Citizen-Lab-Direktor Deibert warnte, die Verschmelzung des Werbeökosystems mit Auftragsspionage stelle das denkbar schlimmste Szenario und den NĂ€hrboden fĂŒr erhebliche Gefahren dar. Auch der Verfassungsschutz sieht ein erhebliches GefĂ€hrdungspotenzial. Als Schutzmaßnahmen werden zeitnahe Sicherheitsupdates, das Löschen nicht genutzter Apps, der Einsatz von Werbeblockern sowie das Deaktivieren personalisierter Werbe-IDs empfohlen.

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