Statine ab 70: STAREE-Studie untersucht Nutzen zur HerzprÀvention
Veröffentlicht am: 28.09.2026 um 09:02 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Verordnung von Statinen zur PrimĂ€rprĂ€vention kardiovaskulĂ€rer Erkrankungen bei Ă€lteren Menschen war lange von Unsicherheiten geprĂ€gt. Eine beim ESC 2026 prĂ€sentierte Untersuchung des George Institute for Global Health liefert nun neue Einblicke in diese VersorgungslĂŒcke.
Die sogenannte STAREE-Studie untersucht gezielt den Nutzen einer prÀventiven Cholesterinsenkung bei Personen ab 70 Jahren, die bislang keine kardiovaskulÀren Vorerkrankungen aufweisen.
Wie Prof. Sophia Zoungas vom George Institute for Global Health in Sydney erlĂ€uterte, habe mit zunehmendem Alter bisher echte Unsicherheit ĂŒber den konkreten Nutzen von Statinen bestanden. Medizinische Leitlinien konnten fĂŒr Menschen ĂŒber 70 Jahren bislang kaum eindeutige Empfehlungen aussprechen, was nicht zuletzt auf Sorgen vor potenziellen Nebenwirkungen zurĂŒckzufĂŒhren war.
Studiendesign der STAREE-Untersuchung
Die STAREE-Studie zeichnet sich durch eine industrieunabhÀngige Finanzierung aus. An der Untersuchung nahmen 9.971 selbststÀndig lebende Personen im Alter von mindestens 70 Jahren teil, bei denen weder eine kardiovaskulÀre Erkrankung noch Diabetes oder eine anderweitig zwingende Statin-Indikation vorlag.
Die Teilnehmenden wurden randomisiert zwei Gruppen zugeteilt: Ein Teil erhielt Atorvastatin mit einer Dosierung von bis zu 40 mg pro Tag, die Kontrollgruppe erhielt ein Placebo.
Das mittlere Alter der Probanden lag bei 74,7 Jahren. Gut 40 Prozent der Studienkohorte waren mindestens 75 Jahre alt, wĂ€hrend etwas mehr als die HĂ€lfte der Teilnehmenden Frauen waren. Ziel der Untersuchung ist es, belastbare Daten darĂŒber zu liefern, ob eine Statin-Gabe in dieser bisher wenig erforschten Altersgruppe das Auftreten erster kardiovaskulĂ€rer Ereignisse wirksam verhindern kann.
Leitlinien fordern individuelle AbwÀgung im Alter
Die bisherige ZurĂŒckhaltung der Fachgesellschaften spiegelt sich auch in internationalen Regelwerken wider. So hĂ€lt die brasilianische Leitlinie fĂŒr DyslipidĂ€mien und die PrĂ€vention von Atherosklerose aus dem Jahr 2025 fest, dass bei ĂŒber 75-JĂ€hrigen in der PrimĂ€rprĂ€vention eine unzureichende Evidenz fĂŒr einen generalisierten Behandlungsbeginn besteht.
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Das Alter allein definiere die Indikation keineswegs. Stattdessen mĂŒsse die Entscheidung ĂŒber eine Therapieeinleitung bei Personen ĂŒber 75 Jahren streng individualisiert werden â unter Einbeziehung des individuellen Risikos, möglicher FragilitĂ€t, bestehender KomorbiditĂ€ten, der Lebenserwartung sowie möglicher Polypharmazie.
Gleichzeitig betont die Leitlinie der Sociedade Brasileira de Cardiologia, dass nach dem 75. Lebensjahr die Dosen angepasst werden sollten, Hoch- und Sehr-Hochrisikopatienten jedoch mit Ă€hnlichen Zielen wie jĂŒngere Erwachsene behandelt werden können.
Bei der SekundĂ€rprĂ€vention â etwa nach einem erlittenen Herzinfarkt oder atherosklerotischen Schlaganfall â sei die Senkung des LDL-Cholesterins deutlich klarer indiziert. Ein automatisches Absetzen einer gut tolerierten, korrekt indizierten Therapie mit Erreichen des 75. Lebensjahres sei nicht vorgesehen.
Rechner quantifiziert Risiko muskulÀrer Nebenwirkungen
Ein wesentlicher Grund fĂŒr das Zögern bei der Statin-Verordnung im Alter ist die Furcht vor muskulĂ€ren Beschwerden. Das Nuffield Department of Primary Care Health Sciences der University of Oxford entwickelte vor diesem Hintergrund ein Instrument, das das Risiko schwerer Muskelstörungen abschĂ€tzen soll. Der Rechner ist ĂŒber Oxford University Innovation verfĂŒgbar.
In einer in The Lancet Digital Health veröffentlichten Arbeit zeigte die University of Oxford anhand des Modells, dass ĂŒber 98 Prozent der von HausĂ€rzten als Statin-Kandidaten eingestuften Personen ein niedriges Zehn-Jahres-Risiko fĂŒr schwere Muskelstörungen aufwiesen.
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Bei 99,6 Prozent der Patienten lag das Risiko ĂŒber zehn Jahre unter 10 Prozent, wĂ€hrend lediglich etwa 0,04 Prozent ein Risiko von ĂŒber 10 Prozent aufwiesen.
Die Datenbasis der Untersuchung umfasste 5.674.711 anonymisierte Patientenakten aus der englischen PrimĂ€rversorgung aus dem Zeitraum 1998 bis 2018 (CPRD), wobei 1.785.207 DatensĂ€tze fĂŒr die Modellentwicklung und 3.889.504 fĂŒr die externe Validierung genutzt wurden.
Das Modell analysiert MĂ€nner ab 50 und Frauen ab 60 Jahren anhand von 22 Faktoren fĂŒr ZeitrĂ€ume von einem, fĂŒnf und zehn Jahren. Trotz einer Rhabdomyolyse-Rate von unter 0,1 Prozent nahmen ĂŒber 60 Prozent der fĂŒr Statine berechtigten Personen keine entsprechenden Medikamente ein.
Seltene Komplikationen und Nocebo-PhÀnomene
Ergebnisse internationaler kardiologischer Studien stĂŒtzen die Annahme, dass muskulĂ€re Nebenwirkungen bei einer Statin-Therapie seltener auftreten als gemeinhin befĂŒrchtet.
WĂ€hrend Statine das LDL-Cholesterin um bis zu 50 Prozent senken können, fĂŒhren Forscher einen GroĂteil der berichteten Beschwerden auf einen Nocebo-Effekt zurĂŒck. In placebokontrollierten Studien zeigte sich kaum oder kein Unterschied bei den Muskelbeschwerden zwischen den Statin- und den Placebogruppen.
Leichte Muskelschmerzen treten demnach bei 5 bis 10 Prozent der behandelten Personen auf; Fachleute empfehlen in diesen FÀllen meist eine Fortsetzung der Therapie bei angepasster Dosis. Ein schwerer Muskelschaden gilt mit einem Auftreten bei weniger als 0,01 Prozent der Behandelten als sehr selten und erfordert das sofortige Absetzen des PrÀparats sowie eine umgehende Àrztliche AbklÀrung.
Ein Anstieg der Leberenzyme tritt bei unter 1 Prozent der Patienten auf und bedarf periodischer Kontrollen. Besondere Vorsicht und Dosisanpassungen sind neben Patienten ĂŒber 75 Jahren auch bei vorbestehenden Lebererkrankungen, schwerer Niereninsuffizienz, Schwangerschaft und Stillzeit sowie möglichen Arzneimittelinteraktionen angezeigt.
