Filter und Feminismus: Was soziale Medien mit MĂ€dchen machen
10.10.2025 - 09:53:20Welche Rolle spielen soziale Medien im Leben von MĂ€dchen: Sind sie eher belastender KĂ€fig oder stĂŒtzendes Sprachrohr? Instagram-Filter, Tiktok-Trends und Influencerinnen erzeugen enormen Druck, schön, schlank, perfekt zu wirken. Zugleich entstehen bei den Plattformen RĂ€ume, in denen MĂ€dchen ihre Stimme erheben, Gleichgesinnte finden und MissstĂ€nde sichtbar machen. Fragen zum WeltmĂ€dchentag am 11. Oktober:
Gibt es Gleichberechtigung im Netz?Â
FĂŒr den WeltmĂ€dchenbericht 2021 hat die Kinderrechtsorganisation Plan International 26.000 MĂ€dchen und junge Frauen in 26 LĂ€ndern der Welt zu ihren Erfahrungen mit Falschnachrichten im Internet befragt. Das Ergebnis: Fake News -Falschnachrichten, die vornehmlich in sozialen Netzwerken verbreitet werden - hindern MĂ€dchen daran, sich politisch und gesellschaftlich zu engagieren.Â
«Sie sind ein maĂgeblicher Grund dafĂŒr, dass sie ihre Meinungen nicht mehr in Social Media teilen wollen. Wenn MĂ€dchen sich aus Angst vor Falschinformationen, Hass oder Anfeindungen aus dem digitalen Raum zurĂŒckziehen, hat das direkte Auswirkungen auf die Gleichberechtigung», erklĂ€rt Pia Arndt von Plan International Deutschland.Â
Es gebe keine Gleichberechtigung im Netz, sagt RĂŒdiger Maas, Psychologe, Generationenforscher und Leiter des Instituts fĂŒr Generationenforschung. «Das Netz potenziert nur alles, was wir in der analogen Welt haben.» So verbreiteten sich Hassnachrichten im Netz schneller als in der realen Welt. Etwa 70 Prozent der MĂ€dchen und Frauen im Netz hĂ€tten dort Gewalt erfahren, im weitesten Sinne auch durch sogenanntes Bodyshaming.Â
Wer sich nicht traut, wird unsichtbar?
Wer sich nicht traue, seine Meinung zu Ă€uĂern oder sich politisch zu engagieren, werde aus wichtigen gesellschaftlichen Diskursen ausgeschlossen, gibt Arndt zu bedenken. «MĂ€dchen und junge Frauen verlieren dadurch nicht nur Sichtbarkeit, sondern auch Einfluss â etwa bei Themen, die sie unmittelbar betreffen: Bildung, Gleichstellung, reproduktive Rechte, Klimaschutz oder digitale Gewalt.»Â
Das digitale Schweigen resultiere in Ungleichgewicht: WĂ€hrend sich viele Jungen und MĂ€nner lautstark Ă€uĂerten - und dafĂŒr oft weniger sanktioniert wĂŒrden -, fehlten weibliche Perspektiven. «Wenn MĂ€dchen verstummen, leidet die Demokratie. Und Gleichberechtigung rĂŒckt in noch weitere Ferne», erklĂ€rt Arndt.
VerstĂ€rken soziale Medien den Druck auf MĂ€dchen oder geben sie ihnen eine Stimme?Â
Plan International zufolge sind Social Media Spiegel und Vergleichsplattform, junge MĂ€dchen messen sich dort oft an unrealistischen Idealen. «Das kann zu Unsicherheiten, geringem SelbstwertgefĂŒhl und dem Druck fĂŒhren, sich anzupassen oder perfekt zu erscheinen», sagt Arndt. Neueste Umfragen zeigten, dass die intensive Nutzung sozialer Medien mit einem Anstieg von Essstörungen in Verbindung stehe und unterschiedliche Auswirkungen auf die Psyche haben könne.Â
Aus Sicht von Maas neigen MĂ€dchen eher dazu, sich Schönheitsideale im Netz zu suchen. Und bekommen vielfach Menschen zu sehen, die weitaus schöner zu sein scheinen als man selbst. Zentral fĂŒr den Umgang damit sei die Persönlichkeit. «Wir wissen nicht, mit welchem SelbstwertgefĂŒhl jemand ins Netz geht», sagt Maas.
Laut Plan International können Communitys wiederum das Selbstbewusstsein von MÀdchen stÀrken und Social Media als ein Werkzeug dienen, um sich zu vernetzen und einzubringen. «Wichtig ist dabei ein gesunder, reflektierter Umgang mit den sozialen Medien und die bewusste Entscheidung, wem man folgt und was man konsumiert», sagt Arndt.
Wie wirken sich Rollenbilder im Netz auf die Gleichberechtigung aus?
In sozialen Medien werden laut Arndt hĂ€ufig stereotype Frauenbilder vermittelt â orientiert an traditionellen Rollen, Schönheitsidealen und gesellschaftlichen Erwartungen. Trends wie #TradWives oder #stayathomegirlfriends zeigten, wie stark traditionelle Vorstellungen von Weiblichkeit wieder ins Zentrum rĂŒcken. Frauen inszenieren sich dabei als Hausfrauen, MĂŒtter und FĂŒrsorgerinnen, hĂ€ufig idealisiert. Plattformen verstĂ€rkten diese Bilder, indem sie bestimmte Ă€uĂerliche Merkmale, Statussymbole und inszenierte Lebensstile besonders sichtbar machen.Â
Besonders problematisch sind Plan International zufolge antifeministische Bewegungen und toxische MĂ€nnlichkeitsideale, die sich in Online-Communities wie den «Incels» verbreiten. «Incel» ist ein Kofferwort aus involuntary und celibate (unfreiwillig sexuell enthaltsam/zölibatĂ€r). «Sie propagieren frauenfeindliche Narrative, lehnen Gleichberechtigung ab und zementieren starre Rollenbilder. Diese Ideologien fördern ein verzerrtes MĂ€nnerbild und gefĂ€hrden letztlich nicht nur Frauen, sondern auch Jungen und MĂ€nner, die unter diesem Druck leiden», sagt Arndt.Â
VerstĂ€rken soziale Medien Schönheitsideale bei MĂ€dchen stĂ€rker als bei Jungen?Â
Laut Plan International beeinflussen soziale Medien alle Geschlechter. Der Leistungs- und Optimierungsdruck sei real. Dies geschehe vor allem durch die stĂ€ndige Wiederholung und Sichtbarkeit bestimmter Bilder und Normen. Junge Nutzer vergleichen sich mit Influencern, Freunden und den in sozialen Medien inszenierten Idealen. «Gerade im Jugendalter, in dem viele auf der Suche nach Vorbildern, Orientierung und einem GefĂŒhl fĂŒr die eigene IdentitĂ€t sind, können solche Inhalte besonders wirkungsvoll und leider auch problematisch sein», sagt Arndt.
MĂ€nner vergleichen sind laut Maas jedoch nicht mit Models in der Art, wie dies bei Frauen der Fall sei. Sie seien zudem oft weniger verletzlich.Â
Was ist der Welt-MĂ€dchentag?
Auf Initiative von Plan International haben die Vereinten Nationen den 11. Oktober 2012 erstmals als WeltmĂ€dchentag ausgerufen. Seitdem nimmt die Organisation diesen Tag jedes Jahr zum Anlass, um auf die Situation von MĂ€dchen weltweit aufmerksam zu machen. Ein besonderer Fokus liegt 2025 auf dem Schutz von MĂ€dchen vor FrĂŒh- und Zwangsverheiratung.
Dabei hat pinkfarbene Beleuchtung Tradition: Am Abend des 11. Oktober macht Plan International in ganz Deutschland mit der Illuminierung bekannter Wahrzeichen und GebÀude auf die Rechte von MÀdchen aufmerksam. Auch dieses Jahr nehmen wieder zahlreiche StÀdte und Gemeinden an der Beleuchtungsaktion teil. Allein in Hamburg sollen zehn bekannte Wahrzeichen in Pink erstrahlen - etwa der Hamburger Michel, das Altonaer Rathaus und das HSV-Stadion.







