Ubichinol ab 60: Vierfach höherer Q10-Spiegel ohne kognitiven Effekt
Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 16:43 Uhr | Redaktion boerse-global.deVerheißungen rund um Langlebigkeit und geistige Fitness erfreuen sich wachsender Beliebtheit, stehen in der Fachwelt jedoch zunehmend in der Kritik. In einem Podcast-Streitgespräch der Reihe „ÄrzteTag“ setzten sich der Gynäkologe und Ehrenpräsident der GSAAM, Prof. Bernd Kleine-Gunk, sowie Prof. Stefan Kluge, Direktor für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), differenziert mit den Grenzen der wissenschaftlichen Evidenz auseinander.
Beide Mediziner beleuchteten dabei kritisch den Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln, kardialer Diagnostik und Labormedizin bei gesunden Personen. Kluge beklagte in diesem Zusammenhang Falschinformationen in sozialen Medien, wo kostspielige Angebote wie Vitamin-Infusionen oder Kältekammern mit zweifelhaftem Nutzen beworben würden.
Zugleich herrschte Einigkeit darüber, dass das aktuelle Vergütungssystem die Reparatur- statt der Präventivmedizin begünstige. Kleine-Gunk sieht daher die Notwendigkeit für praxisparallele Gesundheitszentren.
Das Milliardengeschäft mit dem Alterungsprozess
Der Markt für Anti-Aging und geistige Vitalität wächst stetig. Im Podcast Goebel.Radio bezeichnete Prof. Dr. Trübel das Geschäft mit dem Alter als Milliarden-Industrie, in der vor allem Nahrungsergänzungsmittel boomen. Tech-Milliardäre wie Mark Zuckerberg investieren in Lebensverlängerungs-Projekte, während Influencer wie Bryan Johnson den Trend öffentlichkeitswirksam vorantreiben.
Auf dem Silbersalz-Festival in Halle ordnete Prof. Dr. Ursula Müller-Werdan von der Berliner Charité Fragen nach Wundermitteln gegen das Altern ein, wobei die Französin Jeanne Calment mit 122 Jahren und 164 Tagen als bisher älteste verifizierte Person gilt.
Auch internationale Fachleute warnen vor ungeprüften Angeboten. Auf dem Kongress „Nationale Gesundheit“ bezeichnete Olga Tkatschowa, Direktorin des Russischen Gerontologischen Forschungs- und Klinikzentrums RNRMU und Chef-Geriaterin des russischen Gesundheitsministeriums, Angebote wie NAD+-Infusionen, Vitamin-Infusionen, Stammzellen oder Verjüngungssupplemente privater Zentren als Spekulation.
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Klinische Prüfungen fehlten weitgehend, und geprüfte Methoden zeigten keine Wirksamkeit. Vitamine seien lediglich bei nachgewiesenen Mängeln sinnvoll; ohne Mangel gebe es keinen Verjüngungseffekt.
Fehlende Wirksamkeitsbelege bei Supplementen
Dass Laborwerte im Blut nicht zwangsläufig die geistige Leistungsfähigkeit schützen, belegen aktuelle Untersuchungen. Ein Forscherteam von Keck Medicine an der University of Southern California untersuchte in einer zweijährigen doppelblinden Studie 365 Erwachsene im Alter von 55 bis 80 Jahren mit Demenz-Risikofaktoren.
Obwohl die tägliche Gabe von 2000 mg DHA ohne EPA den Omega-3-Index im Blut von 4,9 Prozent auf 11 Prozent und die DHA-Konzentration im Liquor um 17 Prozent steigerte, blieben Gedächtnis- und Denktests unbeeinflusst, und eine Schrumpfung des Hippocampus wurde nicht verhindert. Studienleiter Dr. Hussain Yassine betonte, dass eine Erhöhung biologischer Marker keinen automatischen Funktionsschutz bedeute.
Ähnliche Resultate zeigte eine randomisierte Studie mit 111 Personen über 60 Jahren zur Gabe von Ubichinol. Nach 90 Tagen mit täglich 200 mg stieg der Coenzym-Q10-Spiegel im Blut zwar etwa auf das Vierfache gegenüber der Placebogruppe an, statistisch signifikante Unterschiede bei kognitiven Funktionen, Entzündungswerten oder Herz-Kreislauf-Parametern blieben jedoch aus.
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Die tschechische Arzneimittelbehörde SÚKL wies darauf hin, dass Nahrungsergänzungsmitteln keine Heil- oder Vorbeugungseigenschaften zugeschrieben werden dürfen und Effekte wie Demenzschutz oder eine Verlangsamung des Alterns nicht belegt sind.
Fundierte Prävention statt Wundermittel
Statt auf Supplemente verweisen Experten auf fundierte Basismaßnahmen. Tkatschowa hob hervor, dass Gewichtsreduktion bei Adipositas Entzündungen dämpfe und Muskelerhalt zentral sei; 10.000 Schritte täglich genügten nicht, erforderlich seien Kraft- und Ausdauertraining, da Muskeln auch der Hirnalterung entgegenwirkten.
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie verwies zudem auf das Problem der Lebensstil-Dissonanz: Das Verharren in ungesunden Mustern liege oft an neurobiologischen Belohnungssystemen und Umweltfaktoren statt an mangelnder Disziplin. Daher seien alltagsnahe, realistische Routinen für Bewegung, Ernährung und festen Schlaf wirksamer als überzogene Versprechen.
