Ultrahochverarbeitete Produkte: BMJ-Analyse nennt 32 Gesundheitsrisiken
Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 09:36 Uhr | Redaktion boerse-global.deErnährungsbedingte Gewohnheiten haben einen weitaus größeren Einfluss auf die Gesundheit als die isolierte Betrachtung von Vitaminen oder einzelnen Nährstoffen. Dies verdeutlichen Medienberichte und ernährungswissenschaftliche Analysen. Anstelle kurzfristiger Modediäten oder der Fokussierung auf einzelne Inhaltsstoffe rücken Fachleute zunehmend das gesamte Verzehrmuster und den Verarbeitungsgrad von Lebensmitteln in den Mittelpunkt.
Grenzen von Ernährungstrends und vermeintlichen „Superfoods“
Der Begriff „Superfood“ besitzt laut der Ernährungswissenschaftlerin Jen Messer weder eine offizielle Regulierung noch eine wissenschaftliche Definition oder verbindliche Nährwertstandards; es handele sich um einen reinen Marketingbegriff.
Wie Fachautorin Amy Goodson darlegt, können solche Produkte zwar gesundheitsbewusste Entscheidungen anstoßen, bergen jedoch das Risiko, Ernährungsfragen unzulässig zu vereinfachen. Am gesündesten seien Lebensmittel, die wertvolle Nährstoffe ohne übermäßige Zusätze von Zucker, Natrium oder gesättigten Fettsäuren bereitstellen.
Auch die Reduktion auf extreme Ernährungsformen wie die sogenannte Steinzeiternährung stößt in der Fachwelt auf Kritik: Wegen des hohen Fleischkonsums und des Verzichts auf Kohlenhydrate warnen Fachleute vor möglichen Nährstoffdefiziten. Empfohlen wird stattdessen ein ausgewogenes Ernährungsmuster.
Dazu gehört, die Hälfte des Tellers mit Obst und Gemüse wie Beeren und Blattgemüse zu füllen, Vollkornprodukte raffiniertem Getreide vorzuziehen sowie verarbeitetes Fleisch durch Fisch, Hülsenfrüchte oder mageres Eiweiß zu ersetzen. Kleine, dauerhafte Anpassungen im Alltag erweisen sich dabei als nachhaltiger als radikale Umstellungen.
Der Verarbeitungsgrad als physiologischer Faktor
Welche Rolle die Verarbeitung spielt, zeigt eine in der Fachzeitschrift Nature Metabolism veröffentlichte randomisierte Crossover-Studie vom 5. Oktober 2026. Forscher untersuchten 57 gesunde, normalgewichtige Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von 26 Jahren.
Bei 32 Teilnehmenden, die jeweils eine ultrahochverarbeitete sowie eine unverarbeitete Testmahlzeit mit rund 300 Kilokalorien und nahezu identischen Nährwerten erhielten, fiel der Insulinspiegel nach dem ultrahochverarbeiteten Essen nach 40, 60, 90 und 120 Minuten signifikant höher aus (p<0,05) und blieb über drei Stunden hochsignifikant erhöht (p<0,001), während der Blutzuckerverlauf insgesamt unverändert blieb.
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Prof. Daniela Berg, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), ordnete ein, dass die Untersuchung zwar keine neurologischen Erkrankungen als direkte Folge beweise, aber die physiologische Relevanz des Verarbeitungsgrades belege.
Auch eine Übersichtsarbeit im Fachblatt BMJ auf Basis von Daten von fast zehn Millionen Menschen verknüpft einen hohen Konsum ultraverarbeiteter Produkte mit 32 ungünstigen Gesundheitsfolgen, insbesondere kardiovaskulärer Mortalität und Typ-2-Diabetes.
Orientierungshilfen wie der Nutri-Score von A bis E stoßen hier an Grenzen: Stephanie Wetzel vom Verbraucherzentrale Bundesverband erklärt, dass ein grünes A nicht automatisch die beste Wahl darstelle, da Zusatzstoffe und der Verarbeitungsgrad in der Kennzeichnung nicht abgebildet werden. Seine Stärke liege vor allem im direkten Vergleich ähnlicher Produkte innerhalb einer Kategorie.
Risiken unkoordinierter Nahrungsergänzung
Wer versucht, unausgewogene Gewohnheiten durch Nahrungsergänzungsmittel auszugleichen, riskiert unerwünschte Effekte. Nach Angaben der Berliner Ernährungsmedizinerin Bettina Boetticher reguliert der Körper bei einer vielseitigen Ernährung die Aufnahme weitgehend bedarfsgerecht.
Bei hochdosierten Präparaten können jedoch Konkurrenzeffekte auftreten: So behindern sich Calcium und Eisen gegenseitig bei der Aufnahme im Dünndarm, und hochdosiertes Zink kann langfristig einen Mangel an Kupfer oder Eisen begünstigen. Nahrungsergänzungsmittel sollten daher nur bei nachgewiesenem Mangel und nach ärztlicher Rücksprache eingenommen werden.
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Dass zudem jeder Organismus Mahlzeiten anders verarbeitet, belegte bereits 2020 die PREDICT-Studie des King’s College London und der University of Nottingham: Bei rund 1.000 Teilnehmenden aus Großbritannien und 100 aus den USA zeigten sich selbst bei eineiigen Zwillingen deutliche Unterschiede bei Glukose- und Blutfettwerten.
Die Relevanz präventiver Ernährungsgewohnheiten belegen globale Daten: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ließen sich bis zu 80 Prozent der nichtübertragbaren chronischen Krankheiten, die jährlich für 43 Millionen Todesfälle verantwortlich sind, durch die Modifikation von Risikofaktoren wie der Ernährung vermeiden.
Schätzungen der OECD zeigen zudem, dass übergewichtsbedingte Erkrankungen in den Mitgliedsländern künftig durchschnittlich 8,4 Prozent der Gesundheitsbudgets binden.
Fachgesellschaften fordern vor diesem Hintergrund eine stärkere Verankerung ernährungsbezogener Vorsorge, etwa durch systematische Screenings auf Fettlebererkrankungen, von denen in Deutschland über 20 Millionen Menschen meist unbemerkt betroffen sind.
