Verhalten im Alter: Sabine Tschainer warnt vor vorschneller Demenz-Deutung
Veröffentlicht am: 31.10.2026 um 09:01 Uhr | Redaktion boerse-global.deVerhaltensweisen wie ausgeprägter Starrsinn, Misstrauen oder plötzliche Aggression bei älteren Menschen werden im Alltag häufig als typischer Altersstarrsinn abgetan oder vorschnell als Anzeichen einer Demenzerkrankung gedeutet.
Die Psycho-Gerontologin Sabine Tschainer warnt jedoch vor solchen pauschalen Zuschreibungen ohne eine vorherige fundierte Diagnostik. Hinter auffälligen Wesensveränderungen könne sich vielmehr ein verdrängtes seelisches Trauma verbergen, das erst im fortgeschrittenen Alter wieder zutage tritt.
Auslöser für das Wiederauftreten alter Belastungen
Die Reaktivierung lange Zeit verdrängter Belastungen wird häufig durch spezifische Umbrüche im späten Lebensabschnitt ausgelöst. Tschainer verweist in diesem Zusammenhang vor allem auf den Eintritt in den Ruhestand sowie den Verlust des vertrauten Selbstbilds.
Fehlen im Alter feste Alltagsstrukturen und berufliche Aufgaben, verlieren viele Betroffene jene Mechanismen zur Bewältigung und Ablenkung, die belastende Erfahrungen über Jahrzehnte hinweg im Hintergrund gehalten haben. Dadurch können unverarbeitete Erlebnisse unerwartet wieder an die Oberfläche drängen.
Hohe Verbreitung traumatischer Erfahrungen in der Bevölkerung
Dass schwere seelische Erschütterungen bei älteren Menschen eine erhebliche Rolle spielen, wird durch wissenschaftliche Untersuchungen gestützt. Eine repräsentative Studie der Universität Leipzig aus dem Jahr 2008 ergab, dass bis zu 12 Prozent der damals über 60-Jährigen unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) litten.
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Das Vorkommen schwerer persönlicher Verletzungen in der Gesellschaft ist generell hoch: Laut Angaben im Deutschen Ärzteblatt aus dem Jahr 2023 berichten 20 bis 30 Prozent der deutschen Bevölkerung über Erfahrungen mit sexueller Gewalt, Misshandlung oder vergleichbaren schwerwiegenden Ereignissen.
Solche biografischen Belastungen können das seelische Befinden bis in das hohe Lebensalter hinein prägen und Reaktionen auslösen, die von Außenstehenden oft missverstanden werden.
Fremdbestimmung in der Pflege und Handlungsoptionen für Angehörige
Besondere Herausforderungen entstehen, wenn Seniorinnen und Senioren auf Unterstützung angewiesen sind. Eine Untersuchung des Zentrums für Qualität in der Pflege aus dem Jahr 2023 zeigte, dass in vielen Pflegeeinrichtungen Regeln praktiziert werden, die ohne die explizite Zustimmung der Bewohnerinnen und Bewohner bestehen.
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Ein derartiges Umfeld von Fremdbestimmung birgt die Gefahr, bei vorbelasteten Menschen Gefühle des Kontrollverlusts zu reaktivieren, was wiederum Abwehrhaltungen und Misstrauen verstärken kann.
Für den alltäglichen Umgang empfiehlt Tschainer Angehörigen daher einen sensiblen Ansatz. Wesentlich sei es, den Betroffenen das Gefühl von eigener Kontrolle zu vermitteln und deutlich zu machen, dass sie selbst weiterhin über ihre Angelegenheiten bestimmen können.
Ebenso sei es notwendig, eine Verweigerung oder ein ausgesprochenes Nein der älteren Menschen uneingeschränkt zu akzeptieren, um Vertrauen zu sichern und Traumafolgen nicht unbeabsichtigt zu verstärken.
