Sauberere, Luft

Sauberere Luft, aber gleiches Sterberisiko

05.09.2024 - 13:29:41

Verschmutzte Luft fĂŒhrt jĂ€hrlich zu Millionen von TodesfĂ€llen. Doch auch Verbesserungen in der LuftqualitĂ€t sind nicht immer gleich ein Grund zum Aufatmen.

Sinkende Schadstoffkonzentrationen in der Luft fĂŒhren nicht automatisch zu einem niedrigeren Sterberisiko. Das ist das Ergebnis einer internationalen Studie unter der FĂŒhrung des Helmholtz Zentrums MĂŒnchen. DafĂŒr wurden Daten aus 380 StĂ€dten in aller Welt ausgewertet. Luftverschmutzung gefĂ€hrdet aber nicht nur Millionen von Menschen. Sie beeintrĂ€chtigt etwa auch die Landwirtschaft, wie die Weltwetterorganisation (WMO) in einem aktuellen Bericht betont.

FĂŒr die StĂ€dte-Studie, die in der Fachzeitschrift «The Lancet Planetary Health» veröffentlicht wurde, wurden Werte von Feinstaub und Stickstoffdioxid (NO2) untersucht. Zahlreiche umfangreiche Studien belegen die schĂ€dliche Wirkung von Luftschadstoffen. Feinstaub wird in der Lunge absorbiert und kann im Körper EntzĂŒndungsreaktionen auslösen. Das fördert unter anderem Arteriosklerose und damit eine Vorstufe von Herzinfarkt und Schlaganfall.

Dabei ist nicht die gesamte Luftverschmutzung direkt durch den Menschen bedingt - WĂŒstenstaub und Emissionen durch WaldbrĂ€nde zum Beispiel. Durch den Menschen verursachte Schadstoffe gehen insbesondere auf die Nutzung fossiler Brennstoffe zurĂŒck, auch Feinstaub aus dem Abrieb von Reifen und Bremsen stellt ein Gesundheitsrisiko dar.

Luft wird sauberer, Sterberisiko bleibt gleich

Laut den Forschern hat die Konzentration dieser Schadstoffe in der Luft in den untersuchten StĂ€dten zwischen 1995 und 2016 abgenommen. Das Risiko von tödlichen Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und der Atemorgane im Zusammenhang mit Feinstaub und NO2 sei hingegen nicht signifikant gesunken, hieß es.

Das könnte verschiedene Ursachen haben. Einerseits werde die Bevölkerung in vielen Regionen zunehmend Ă€lter, und Ă€ltere Menschen seien stĂ€rker gesundheitlich vorbelastet als jĂŒngere, sagte der Erstautor der Studie, Maximilian Schwarz. Andererseits könnten VerĂ€nderungen bei der Herkunft und Zusammensetzung der Schadstoffe eine Rolle spielen.

Millionen Tote jedes Jahr 

Luftverschmutzung verursacht nach WMO-Angaben jĂ€hrlich mehr als 4,5 Millionen vorzeitige TodesfĂ€lle und hohe wirtschaftliche und ökologische Kosten. Sie hat zahlreiche Komponenten. «Die chemischen Stoffe, die zu einer Verschlechterung der LuftqualitĂ€t fĂŒhren, werden normalerweise gemeinsam mit Treibhausgasen ausgestoßen», berichtet die WMO. Schadstoffe wie Stickstoffverbindungen, Schwefelverbindungen oder Ozon können sich auf der ErdoberflĂ€che absetzen und belasteten die Natur. 

Luftverschmutzung beeintrÀchtigt Landwirtschaft 

Berichte aus China und Indien legten nahe, dass Feinstaub Ernten in besonders belasteten Gegenden um 15 Prozent reduzieren können. Unter anderem komme durch Feinstaubablagerungen weniger Sonnenlicht auf PflanzenblÀtter. 

Die Landwirtschaft trage auch selbst zur Luftverschmutzung bei, weil beim Abbrennen von Feldern, dem Einsatz von DĂŒngemitteln und der Lagerung und Verwendung von Dung Feinstaub entstehe. 

Lichtblick Europa und China 

In Europa und China sei die Luft im vergangenen Jahr besser gewesen als im langjĂ€hrigen Durchschnitt, berichtete die WMO. Dagegen hĂ€tten WaldbrĂ€nde in Nordamerika dort fĂŒr besonders schlechte Luft gesorgt. 

Die WMO hat unter anderem Ergebnisse aus Feinstaub-Messungen des europÀischen Erdbeobachtungsprogramms Copernicus und der US-Raumfahrtbehörde Nasa mit dem Durchschnitt der Jahre 2003 bis 2023 verglichen.

Sie bezieht sich dabei auf Feinstaub mit einem aerodynamischen Durchmesser kleiner als 2,5 Mikrometer (PM2,5). Er ist gefÀhrlich, weil die feinen Partikel tief in die Atemwege eindringen, dort lÀnger bleiben und die Lunge nachhaltig schÀdigen können. 

ErklÀrung zur Studie

Bei der StĂ€dte-Analyse handelt es sich um eine epidemiologische Studie. Diese ermitteln den statistischen Zusammenhang zwischen Risikofaktoren wie der Feinstaub-Belastung und gesundheitlichen Auswirkungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Über den Vergleich von Gruppen, die der vermuteten Ursache in unterschiedlichem Maße ausgesetzt sind, lassen sich begrĂŒndete Annahmen zu solchen ZusammenhĂ€ngen ableiten. 

Epidemiologische Studien zeigen Korrelationen, keine KausalitĂ€ten, sagen also nichts ĂŒber ursĂ€chliche ZusammenhĂ€nge aus. Ergebnis ist eine statistische AbschĂ€tzung, keine exakte Angabe zu klinisch identifizierten TodesfĂ€llen. Der tatsĂ€chliche Wert kann sowohl höher als auch niedriger liegen.

@ dpa.de