Vegetarisches, Essen

Vegetarisches Essen fĂŒr Kinder - gesund oder riskant?

24.09.2024 - 07:00:38

Viel Obst und GemĂŒse sind gesund, das weiß jedes Kind. Aber ist auch eine rein vegetarische Kost gut fĂŒr die Kleinen und Kleinsten im Wachstum? Experten sehen Risiken, Vorteile und Herausforderungen.

Linsenaufstrich statt Leberwurst auf dem Schulbrot, Karotten statt KnackwĂŒrstchen in der Kita-Proviantbox und Sojabratling statt Schweineschnitzel daheim auf dem Teller. Immer mehr Menschen ernĂ€hren sich ohne Fleisch, Fleischprodukte und Fisch - doch ist eine rein vegetarische Kost auch fĂŒr die Kleinen und Kleinsten in der Wachstumsphase gut und richtig? Manche sagen Ja, manche sagen Jein. Es gebe Risiken und Vorteile.

Veggie fĂŒr Kinder muss gut gemacht sein 

«Man kann nicht pauschal sagen, dass vegetarische ErnÀhrung immer gut ist, sondern es kommt auf die Zusammensetzung an», sagt der Vorsitzende der Stiftung Kindergesundheit, Berthold Koletzko. «Es gibt auch die sogenannten Keks-und-Pudding-Vegetarier, die sich schlecht ernÀhren, mit vielen veganen Fertigprodukten oder populÀren Pflanzendrinks mit einer oft leider schlechten NÀhrstoffzusammensetzung.» 

Unstrittig empfehlenswert sei eine ErnĂ€hrung reich an pflanzlichen Lebensmitteln. «Das heißt aber nicht, dass sie zwingend frei sein muss von Fleisch und Fisch.» Es gebe auch Studiendaten, die auf Risiken fĂŒr NĂ€hrstoffversorgung und Wachstum bei rein vegetarischer ErnĂ€hrung hinwiesen. 

«Eine vegetarische ErnĂ€hrung ist gut möglich im Kindesalter, wenn man es richtig macht», betont der MĂŒnchner Stoffwechselexperte. Eine ausreichende Versorgung mit wichtigen NĂ€hrstoffen wie Eisen, Zink, Jod, Vitamin B12 oder Omega-3-FettsĂ€uren könne kritisch werden bei fleisch- und fischfreier Kost. 

Mit einer gut zusammengesetzten ErnĂ€hrung auch mit Eiern, Milch und Milchprodukten lasse sich aber Abhilfe schaffen. Allerdings: «Die Risiken sind umso grĂ¶ĂŸer, je rascher das Kind wĂ€chst, also im SĂ€uglingsalter, im frĂŒhen Kindesalter und noch einmal beim Wachstumsspurt in der PubertĂ€t.» Koletzki rĂ€t, zumindest in diesen Phasen ab und zu ein bisschen Fisch oder Fleisch zu verzehren. 

Eine gute vegetarische Kost habe auch viele Vorteile, schildert er. Beispiele: Die Kalorienzufuhr sei geringer, was Übergewicht bei Kindern vorbeuge. Der hohe Ballaststoffgehalt wirke sich positiv auf die Darmgesundheit aus. Diese Benefits könne man aber auch erzielen, wenn man hin und wieder Fisch und hochwertiges Fleisch konsumiere.

In Arztpraxen fÀllt manchmal Mangel an Eisen und B12 auf 

Der Bonner Kinderarzt Axel Gerschlauer weist bei einer vollwertigen vegetarischen ErnĂ€hrung auf positive Aspekte hin, die prinzipiell auch fĂŒr Kinder gelten: Â«Ăœber ein verringertes Risiko fĂŒr Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs im spĂ€teren Alter wĂŒrden wir uns auch bei Kindern freuen.» Vor einer veganen ErnĂ€hrung ganz ohne jegliche tierische Produkte wie Milch und Eier warnt der Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und JugendĂ€rzte (BVKJ) Nordrhein - ebenso wie die Stiftung - aber ausdrĂŒcklich. 

Wenn er SĂ€uglinge oder Kleinkinder in seiner Praxis untersuche, stoße er mitunter auch auf Mangelerscheinungen, fĂŒr die Fleischverzicht ursĂ€chlich sein könnte, berichtet Gerschlauer. «Riskant sind bei dem Verzicht auf Fleisch im Kindesalter - und hier gilt: je jĂŒnger, desto riskanter - mögliche NĂ€hrstoffmĂ€ngel. So kann der Mangel an Eisen und B12 zu Blutarmut, SchwĂ€che, neurologischen SchĂ€den und Entwicklungsstörungen fĂŒhren.» Die meisten fleischlos ernĂ€hrten Kinder und Jugendlichen, die zum ersten Mal zur Blutabnahme kommen, seien nicht ausreichend mit Eisen und B12 versorgt.

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen 

«Kinder sind keine kleinen Erwachsenen und haben aufgrund des Wachstums und der Entwicklung ihres Gehirns und der anderen Organe deutlich höhere AnsprĂŒche an eine konsequent gute NĂ€hrstoffversorgung als Erwachsene, bei denen alles schon fertig ist», erlĂ€utert der Kinderarzt. Der «limitierende Faktor» sei aber die aufnehmbare Menge an NĂ€hrstoffen. 

«Ein Magen ist bei Kindern ungefĂ€hr so groß wie die eigene Faust.» Die NĂ€hrstoffe dĂŒrften also kein zu großes Volumen haben. Ein Argument hier also pro FIeisch: In fleischhaltigem Brei fĂŒr die erste Lebensphase sei Eisen in hochkonzentrierter Form enthalten. Und B12 sei ebenso in ausreichenden Mengen auch etwa in Fleisch zu finden. Als Startpunkt fĂŒr eine vegetarische kindliche ErnĂ€hrung empfiehlt der BVKJ-Sprecher: «Je Ă€lter, desto besser.» 

Unbedenklich - sofern Fleisch gezielt ersetzt wird

Die Bonner Forscherin Ute Alexy hĂ€lt eine vegetarische ErnĂ€hrung bei Kindern fĂŒr «unbedenklich». Allerdings unter einer zentralen Voraussetzung: «Fleisch nicht einfach weglassen, sondern gezielt ersetzen durch Vollkornprodukte oder HĂŒlsenfrĂŒchte wie Linsen, Bohnen, Erbsen.» Sie verweist zugleich darauf, dass die offizielle ErnĂ€hrungsempfehlung fĂŒr Kinder bisher noch immer Mischkost sei - also mit Fleisch und Fisch. Derzeit werde unter anderem bei der Deutschen Gesellschaft fĂŒr ErnĂ€hrung (DGE) an lebensmittelbezogenen Empfehlungen fĂŒr Kinder und Jugendliche gearbeitet, die auch ein «vegetarisches Muster» enthalten sollen, schildert die ErnĂ€hrungsexpertin, die an den Arbeiten beteiligt ist.

Kinder sollten Alexy zufolge Milch zu sich nehmen - zum einen wegen der Kalzium-Zufuhr fĂŒr den Knochenbau. Und: Vor allem konventionell gehaltene KĂŒhe erhalten in Deutschland Kraftfutter mit Jod-Zusatz, die Milch trage damit auch zur Jodversorgung von Kindern und Jugendlichen bei, erklĂ€rt sie. Zwei Studien mit je rund 400 Teilnehmenden - einmal bei 1- bis 3-JĂ€hrigen, einmal bei 6- bis 18-JĂ€hrigen - habe in der Gruppe der vegetarisch ErnĂ€hrten keine Defizite gezeigt, sagt die Wissenschaftlerin, die an beiden Analysen beteiligt war. 

Bei Datenlage und Wissensstand noch viel Luft nach oben 

Auch wenn die beiden Untersuchungen (VeCh-Diet-Studie und VeChi-Youth-Studie) nicht reprĂ€sentativ sind, gelten die Ergebnisse als wichtige Hinweise. Die Datenlage zur vegetarischen ErnĂ€hrung von Kindern ist noch dĂŒnn. Es gebe auch keine Zahlen, wie viele Kinder sich vegetarisch ernĂ€hren, bedauert die Forscherin. Es sei von 7 bis 8 Prozent der Erwachsenen auszugehen, die sich fleischlos ernĂ€hren. «Und man kann davon ausgehen, dass die meisten auch ihre Kinder so ernĂ€hren.» 

Gerschlauer zufolge sollten Eltern auch Tipps von ErnĂ€hrungsberatern einholen. «Bei den erwachsenen Vegetariern ist noch viel Luft nach oben, was das Wissen ĂŒber eine vollwertige vegetarische ErnĂ€hrung angeht - vor allem, wenn es um Kinder geht.»

 

 

 

 

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