«Die Chirurginnen» wollen Frauen fĂŒr das Messer begeistern
25.01.2024 - 06:16:14Frau Doktor kĂŒmmert sich im Krankenhaus tĂ€glich um den frisch operierten Patienten, der aber sagt: «Die ganze Woche war kein Arzt da.» Wer schwanger ist, darf ab sofort nicht mehr in den Operationssaal, sondern nur noch Verwaltungskram erledigen. Katja Schlosser zĂ€hlt viele Beispiele dazu auf, wie es den wenigen Frauen geht, die als Chirurgin arbeiten.
Prof. Schlosser ist Ărztliche Direktorin des Agaplesion Krankenhauses Mittelhessen und ChefĂ€rztin der Klinik fĂŒr Chirurgie. In ihrer Karriere war sie in den meisten Positionen «die erste» oder «die einzige» Frau, wie sie sagt. Obwohl die Medizin immer weiblicher wird - rund 70 Prozent aller Studierenden in der Humanmedizin sind laut Statistischem Bundesamt Frauen - sind es laut BundesĂ€rztekammer in der Chirurgie nur rund 20 Prozent.
«Der Weg nach oben, wo man eigenstĂ€ndig operieren und Entscheidungen treffen kann, ist fĂŒr Frauen immer noch sehr steinig», sagt Schlosser. «Das Fach ist patriarchalisch geprĂ€gt.» Damit das nicht so bleibt, haben Frauen vor drei Jahren in Marburg den Verein «Die Chirurginnen e.V.» gegrĂŒndet. Bei einem ersten Zoom-Meeting waren 20 Frauen dabei, durch Mundpropaganda wuchs der Kreis rasant. Bald waren es zu viele fĂŒr eine WhatsApp-Gruppe, die Frauen lieĂen sich eine App bauen. Heute zĂ€hlt der Verein knapp 2000 Mitglieder.
«Nie damit gerechnet, dass das so durch die Decke geht»
Dort gibt es Foren, in denen die Chirurginnen sich austauschen: um Rat bitten, Tipps geben, Kontakte vermitteln. Es gibt ein Mentoring-Programm und Stipendien. Es gibt ein Trouble-Shooting-Team und einen Nachtdienst-Chat. «Ich hÀtte nie damit gerechnet, dass das so durch die Decke geht», sagt Schlosser.
Ziel der Netzwerkarbeit ist es, «Frauen zu ermutigen, dass sie sich Dinge zutrauen», so die Chirurgin. Ihre eigene Erfahrung ist: «Es nĂŒtzt nichts, immer mehr Fachwissen anzusammeln. Man muss sich auch verkaufen.» Dass es so wenige Frauen nach oben schaffen, liegt aus ihrer Sicht auch daran, dass Frauen in «schneidenden Berufen» keine Vorbilder haben. «Ăber den Verein lernen Frauen andere kennen, deren Lebensmodell vielleicht auch fĂŒr sie passt.»
Im Privaten seien Frauen super im Netzwerken, im Beruf eher nicht, ist Schlosser ĂŒberzeugt. «Thomas fördert Thomas und die Sylvias sind die FleiĂbienen auf der Station.» Der Verein will mehr Frauen fĂŒr die Chirurgie begeistern und sie motivieren, auch in Krisen oder der Kinderphase dabei zu bleiben. Manchmal entstehen dabei Freundschaften fĂŒrs Leben, wie Schlosser erzĂ€hlt - wie bei den zwei Chirurginnen, die ĂŒber das Netzwerk als Mentorin und Mentee gematcht wurden und die sich dann im KreiĂsaal zum ersten Mal begegneten.
Dass sich Frauen gezielt vernetzen, ist nicht neu
Der Deutsche Ărztinnenbund (DĂB) beispielsweise feiert in diesem Jahr schon sein 100-jĂ€hriges Bestehen. «Seit der NeugrĂŒndung als Deutscher Ărztinnenbund im Jahr 1946 hat sich enorm viel fĂŒr Frauen allgemein und fĂŒr uns Ărztinnen in Deutschland verĂ€ndert», heiĂt es dort. Als konkreten Erfolg verbucht der DĂB zum Beispiel, dass eine TeilzeittĂ€tigkeit in der Ausbildung inzwischen anerkannt wird.
Aber viele Baustellen bleiben: In der Gesundheitspolitik engagiert sich der DĂB fĂŒr eine nach Geschlecht differenzierende Medizin. Er fordert familienfreundliche Arbeitsbedingungen in Krankenhaus und Praxis. Und er kĂ€mpft fĂŒr mehr Frauen an der Spitze: Nur jede zehnte FĂŒhrungspositionen in der UniversitĂ€tsmedizin wird laut einer DĂB-Studie von einer Frau besetzt.
Um MissverstĂ€ndnissen vorzubeugen betonen die Vereinsmitglieder von Die Chirurginnen, dass niemand glaube, Frauen wĂ€ren immer die besseren Chirurgen. «Frauen können schneidende Berufe aber genauso gut wie MĂ€nner, und niemand muss Angst haben, sich in die HĂ€nde einer Chirurgin zu begeben», so Schlosser. Es geht darum, dass Frauen die gleichen Chancen bekommen. Nicht nur mĂ€nnliche Kollegen, auch manche Patienten trauen Frauen weniger zu, wie sie glaubt. Die Chirurginnen hĂ€tten sich Buttons drucken lassen mit dem Aufdruck: «Ich bin die Visite». Die Anstecker mĂŒssten stĂ€ndig nachgeordert werden, so groĂ sei die Nachfrage.


