Virtuelles, Pflegeheim

Virtuelles Pflegeheim: Landshut testet drei Jahre lang digitale Versorgung

Veröffentlicht am: 07.10.2026 um 22:55 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Im Pflegeheim Hofberg werden digitale Pflegeprozesse erprobt und wissenschaftlich ausgewertet; das Bayerische Gesundheitsministerium fördert das Vorhaben.

BRK startet dreijähriges Forschungsprojekt zum Virtuellen Pflegeheim
Ein helles, leeres Zimmer in einem modernen Pflegeheim mit einem ungemachten Bett und einfallendem Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

Die stationäre und ambulante Seniorenbetreuung steht vor wachsenden strukturellen Herausforderungen. Um bestehende Versorgungslücken durch moderne Technologien zu schließen und Fachkräfte gezielt zu unterstützen, startete im Pflegeheim Hofberg des BRK-Kreisverbands Landshut Mitte Juli 2026 ein dreijähriges wissenschaftliches Projekt zum sogenannten Virtuellen Pflegeheim.

Die Projektleitung liegt bei Franz Wacker, wie aus einem Bericht der BRK-Landesgeschäftsstelle hervorgeht. Als inhaltliches Vorbild für das Modell dient das Pilotprojekt Virtuelles Krankenhaus in Passau.

Dreistufiger Ablauf und wissenschaftliche Begleitung

Das Vorhaben ist auf eine Laufzeit von drei Jahren angelegt und gliedert sich in drei aufeinander aufbauende Phasen. Im ersten Projektjahr steht eine Erfassung des Ist-Stands im Fokus.

Für das zweite Jahr ist ein umfassender Systemtest vorgesehen, bei dem eine Pflegefachkraft virtuell zugeschaltet wird. Das dritte Jahr widmet sich schließlich der wissenschaftlichen Evaluation der erprobten Prozesse. Die zugehörige Promotion wird von der Universität Bayreuth begleitet, während das Bayerische Gesundheitsministerium das Vorhaben finanziell fördert.

Digitale Assistenzsysteme in der stationären Erprobung

Das Landshuter Vorhaben reiht sich in eine Reihe von Bestrebungen ein, digitale Werkzeuge im Pflegealltag nutzbar zu machen. Im Seniorenzentrum St. Elisabeth in Meschede läuft beispielsweise das Pilotprojekt „Easy Care Hub“. Das dortige digitale Assistenzsystem erfasst über Sensoren fortlaufend die Herz- und Atemfrequenz, Schlaf- und Wachphasen sowie das Verlassen des Betts ohne Anwesenheit einer Pflegekraft im Zimmer.

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Ziel dieses Einsatzes sind eine gezieltere Unterstützung, weniger unnötige Störungen während der Nachtschicht und eine Reduzierung routinemäßiger Kontrollgänge. Nach der Erprobung in einem von drei Wohnbereichen und erforderlichen technischen Anpassungen ist eine Ausweitung auf die übrigen Bereiche geplant; der Zeitpunkt dafür steht noch nicht fest.

Auch soziale Robotik wird im Versorgungsalltag untersucht. Die Evangelische Heimstiftung begleitet den sozialen Roboter Navel seit Ende 2023 über ihr Institut für Innovation, Pflege und Alter wissenschaftlich. Erkenntnissen der Organisation zufolge kann das System Menschen aktivieren und Freude auslösen, wenngleich deutliche technische Grenzen und weiterer Entwicklungsbedarf bestehen.

Kürzlich nahmen 90 Mitarbeitende des Trägers an einer Filmvorführung von Doris Dörries „Frau Winkler verlässt das Haus“ mit anschließender Diskussion über ethische Fragen von Robotik und künstlicher Intelligenz teil.

Infrastruktur und Versorgungsrealität der Angehörigen

Wie stark der Modernisierungsbedarf ist, zeigen auch infrastrukturelle Initiativen: Das Land Oberösterreich stellte 2024 gemeinsam mit Gemeinden und Städten zwei Millionen Euro über einen Pflegetechnologiefonds bereit.

Da derzeit ein Drittel der dortigen Heime ohne WLAN auskommen muss, geht im Oktober 2026 eine neue Heimverordnung in Begutachtung, die ab Jänner 2027 einheitliche Basisinfrastrukturen für alle 134 Alten- und Pflegeheime sowie verbindliche Standards bis 2030 verankern soll. Vorgesehen sind unter anderem Sturzsensoren, Spracherkennung für die Dokumentation, Ortungssysteme, elektrische Mobilisierungshilfen und Telemedizin.

Die Notwendigkeit entlastender Technologien verdeutlicht eine Befragung des Zentrums für Qualität in der Pflege unter 1.012 pflegenden Angehörigen bei einer Fehlertoleranz von plus/minus drei Prozentpunkten.

Demnach berichteten 50 Prozent der Befragten von falscher oder unterbliebener Arzneimittelanwendung in den vergangenen sechs Monaten, 19 Prozent sogar wiederholt. 59 Prozent der Pflegebedürftigen nehmen dauerhaft fünf oder mehr Medikamente ein, während sich 36 Prozent der Angehörigen an einen sturzbedingten Verletzungsfall innerhalb von zwölf Monaten erinnerten.

Zudem gaben 53 Prozent der Befragten eine psychische und 38 Prozent eine körperliche Belastung an – bei Demenz lagen diese Werte bei 71 und 47 Prozent. Jeweils 26 Prozent berichteten über Probleme bei der Suche nach Pflegediensten oder Tagespflegeplätzen.

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Gleichzeitig belasten rechtliche Reformdebatten die Branche: In Mecklenburg-Vorpommern, wo rund 86 Prozent der etwa 140.000 Pflegebedürftigen zu Hause versorgt werden, warnte der bpa-Landesvorsitzende Michael Beermann vor Einschnitten durch den Entwurf zum Pflegeneuordnungsgesetz.

Fällt der monatliche Entlastungsbetrag von 131 Euro für Unterkunft und Verpflegung in der Tagespflege weg, drohten laut Sozialministerin Stefanie Drese steigende Eigenanteile und Standortschließungen. Vor diesem Hintergrund gewinnen Ansätze wie das Virtuelle Pflegeheim an Dringlichkeit, um künftige Versorgungsstrukturen stabil zu halten.

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