Vitamin-D-Präparate: Stiftung Warentest stuft fünf von 25 als ungeeignet ein
Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 14:05 Uhr | Redaktion boerse-global.deZahlreiche Fachleute und Referenten sehen die Einnahme vieler Vitaminpräparate für die Allgemeinbevölkerung kritisch und halten sie für weitgehend verzichtbar. Zugleich geraten die Vermarktungsstrategien der Nahrungsergänzungsmittel-Industrie zunehmend in das Visier von Medizinern und Wissenschaftlern, die vor irreführenden Versprechen und potenziellen Gesundheitsrisiken warnen.
Zweifel an Werbeversprechen und Alltagsnutzen
Die Kritik richtet sich vor allem gegen die weitverbreitete Annahme, gesunde Menschen müssten ihre Ernährung routinemäßig mit Kapseln oder Pulvern ergänzen.
Die Ärztin Barbara Mergenthaler aus Renningen bezeichnete die Vitaminindustrie als einen riesigen Industriezweig und betonte, dass derartige Präparate selbst in der kalten Jahreszeit verzichtbar seien. Erkältungen klingen ihren Angaben zufolge üblicherweise innerhalb von ein bis zwei Wochen von selbst ab.
Auch Prof. Hans Hauner vom Else Kröner Fresenius Zentrum für Ernährungsmedizin der Technischen Universität München warnte vor unhaltbaren Heilsversprechen. Angaben über Antioxidantien in Nahrungsergänzungsmitteln seien oft Desinformation ohne wissenschaftliche Belege; Vitamine über Pillen zuzuführen, sei in den meisten Fällen unnötig.
International fällt das Urteil ähnlich skeptisch aus. Der britische Mediziner Xand van Tulleken riet dazu, die persönliche Abhängigkeit von Nahrungsergänzungsmitteln zu hinterfragen, da diese für viele Verbraucher eine überflüssige Geldausgabe darstellten.
Die wissenschaftliche Evidenz für populäre Präparate wie Multivitamine, Fischöl, Kollagen oder NMN sei unzureichend. Er ordnete die globale Wellness-Industrie, die er auf einen Umfang von 6,8 Billionen US-Dollar bezifferte, als ein Feld ein, das teils auf fragwürdigen Praktiken und irreführenden Informationen beruhe.
Risiken von Überdosierungen am Beispiel von Vitamin D
Mediziner warnen zudem vor konkreten gesundheitlichen Schäden durch eine unbedachte Einnahme. Dr. Furkan Karabulut, Facharzt für Innere Medizin, stellte klar, dass eine höhere Dosis nicht automatisch ein stärkeres Immunsystem bedeute.
Eine hochdosierte Einnahme von Vitamin D könne den Kalziumspiegel im Blut anheben und die Nieren schädigen. Vitamine seien lediglich bei nachgewiesenen Mängeln oder bestimmten Erkrankungen sinnvoll. Bei länger anhaltender Müdigkeit, Gewichtsverlust, Fieber, Herzklopfen oder Atemnot sei vielmehr eine frühzeitige ärztliche Abklärung ratsam.
Wer sich mit dem Thema Blutwerte befasst, sollte wissen, dass Laborergebnisse oft fehlinterpretiert werden und eine unbedachte Supplementierung Risiken birgt. Dieser kostenlose Report erklärt verständlich, welche Werte wirklich wichtig sind – und welche oft überbewertet werden. Was verraten Ihre Blutwerte wirklich? Jetzt kostenlos prüfen
Prof. Dr. Bodo Klump, Chefarzt der Medius-Kliniken, verwies darauf, dass Vitamin D auch kein Wundermittel zur Krebsprävention darstelle. Ein klarer Effekt auf die Krebsentstehung sei nicht nachgewiesen.
Zwar zeigte eine Zusammenfassung mehrerer Studien eine Reduktion der Krebssterblichkeit um etwa zwölf Prozent, dieser Effekt sei jedoch relativ klein und nicht in allen Untersuchungen eindeutig. Gleichzeitig berge eine Überdosierung Risiken wie Hypercalcämie, Nierensteine, Nierenschäden, Herzprobleme und ein erhöhtes Sturzrisiko.
Auch bei Kombinationspräparaten sehen Experten Mängel in der Formulierung. Prof. Dr. Ralf Oheim vom Institut für Osteologie am UKE Hamburg riet von Kombi-Mitteln mit Vitamin D und Calcium ab. Diese enthielten häufig 600 oder 800 Milligramm Calcium, aber lediglich 400 Einheiten Vitamin D. Nach Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) liege der Tagesbedarf jedoch bei 800 i.E. Vitamin D und 1000 Milligramm Calcium, weshalb Anwender mit Vitamin D unter- und mit Calcium überversorgt würden.
Eine Studie von 2025 mit mehr als 40.000 Probandinnen ergab laut Oheim, dass die kombinierte Einnahme bei Frauen nach der Menopause weder die Knochendichte deutlich verbesserte noch das Risiko für Knochenbrüche senkte. Der jährliche Verlust von Knochensubstanz ab dem 30. Lebensjahr beziffert sich auf 0,5 bis 1 Prozent.
Tausende Deutsche nutzen bereits gezielte Informationen, um ihre Blutwerte selbst besser einzuordnen und unnötige Fehlinterpretationen zu vermeiden. Vitalstoffexperte Dr. Fricke gibt in seinem 25-seitigen Gratis-PDF praxisnahe Tipps zum Verständnis wichtiger Laborwerte. Kostenlosen 25-Seiten-Report hier anfordern
Datenlage zur Infektprävention und Laboranalysen
Bezüglich des Immunsystems verwies die DGE auf ein Umbrella Review über 73 Studien, das zwar einen Zusammenhang zwischen einem niedrigen Vitamin-D-Status und einem höheren Risiko für akute Atemwegsinfektionen zeigt, woraus sich jedoch lediglich eine mögliche präventive Wirkung und kein sicherer Schutz ableiten lässt.
Eine australische Studie von 2021 mit mehr als 21.000 Teilnehmern zwischen 60 und 84 Jahren ergab keinen signifikanten Unterschied bei Infekten zwischen einer monatlichen Vitamin-D-Gabe und einem Placebo.
Die DGE empfiehlt bei medizinischer Notwendigkeit täglich 20 Mikrogramm (800 i.E.) Vitamin D. Werte unter 25 bis 30 nmol/l (10 bis 12 ng/ml) gelten als mangelhaft, während Werte ab 50 nmol/l (20 ng/ml) anzustreben sind.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät über Nahrungsergänzungsmittel zu höchstens 20 Mikrogramm beziehungsweise 800 i.E. täglich. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts sind 44 Prozent der Erwachsenen in Deutschland gut mit Vitamin D versorgt, womit Supplemente für sie nutzlos sind.
Zu den definierten Risikogruppen für einen Mangel zählen Über-65-Jährige, Personen mit Adipositas, dunkler Hautfarbe oder chronischen Vorerkrankungen. Eine Blutanalyse schlägt privat mit 20 bis 50 Euro zu Buche, wird bei Verdacht auf Mangel aber von den Krankenkassen übernommen.
In der Ausgabe 1/2026 testete Stiftung Warentest 25 Vitamin-D-Präparate. Die meisten waren zu hoch dosiert, fünf schnitten als nicht geeignet ab, da langfristig Nierenschäden drohen.
Lediglich zwei Produkte erhielten das Urteil geeignet: „Vitamin D compact“ von GSE mit einer Tagesdosis von 200 i.E. sowie „Vital Vitamin D“ von Rotkäppchen mit 400 i.E. Depot-Präparate stuften die Tester wegen der Gefahr von Einnahmefehlern und Überdosierungen kritisch ein.
Ernüchternde Resultate bei Spermidin und Fischöl
Auch andere populäre Wirkstoffe halten wissenschaftlichen Überprüfungen oft nicht stand. Spermidin verlängerte in Laborexperimenten zwar die Lebensspanne von Hefen, Würmern, Fliegen und Mäusen, die klinischen Daten beim Menschen fielen jedoch ernüchternd aus.
In der SmartAge-Studie der Charité mit 100 älteren Testpersonen über ein Jahr zeigte sich kein Unterschied bei der Gedächtnisleistung; die Kapseln erhöhten die tägliche Spermidin-Menge lediglich um rund zehn Prozent.
Demgegenüber ergab eine Beobachtungsstudie im Südtiroler Bruneck mit gut 800 Teilnehmern über rund 20 Jahre, dass Personen mit hohem Spermidinkonsum über die Nahrung im Schnitt etwa fünfeinhalb Lebensjahre länger lebten.
Gleichzeitig zeigte eine japanische Untersuchung an Zellkulturen, dass Spermidin das Wachstum von Krebszellen fördern kann. In der Europäischen Union liegt die Obergrenze für Spermidin in Nahrungsergänzungsmitteln bei 6 Milligramm pro Tag, während Erwachsene über reguläre Nahrungsmittel schätzungsweise 7 bis 25 Milligramm täglich zuführen.
Ebenfalls geringe klinische Effekte zeigte eine Studie der University of Southern California unter der Leitung von Hussein Naji Yassine. An 365 Erwachsenen zwischen 55 und 80 Jahren, die wenig Fisch aßen und als demenzgefährdet eingestuft wurden, wurde über zwei Jahre die Gabe von täglich 2.000 Milligramm DHA im Vergleich zu Placebo untersucht.
Zwar stieg die Konzentration im Nervenwasser nach sechs Monaten im Mittel um 17 Prozent, bezüglich Gedächtnisleistung und Hippocampus-Volumen zeigte sich nach zwei Jahren jedoch kein Vorteil. Rund 47 Prozent der Probanden trugen die Genvariante APOE4, während die Ausfallquote wesentlich bedingt durch die Pandemie bei rund 38 Prozent lag.
