Wearables: Experten warnen vor Orthosomnia und Essstörungen
Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 23:42 Uhr | Redaktion boerse-global.deMediziner und Wissenschaftler schlagen Alarm wegen der zunehmenden Nutzung von Wearables und Gesundheits-Apps. Was ursprünglich als digitale Unterstützung für einen gesunden Lebensstil gedacht war, birgt nach Einschätzung zahlreicher Experten erhebliche Risiken für die psychische und physische Verfassung der Nutzer.
Die Kritikpunkte reichen von ungenauen Messwerten und gestörtem Essverhalten bis hin zu Schlafängsten und bedenklichen Sicherheitslücken beim Datenschutz.
Fehlerhafte Kalorienmodelle und Essstörungen
Wearables wie die Apple Watch Series 12, der Oura Ring 4 oder das Whoop 5.0 integrieren immer umfassendere Ernährungs- und Kalorienfunktionen, darunter Oura Meals oder Angebote von Garmin.
Die Sporternährungsexpertin Renee McGregor warnt jedoch davor, dass gängige Kalorienzähl-Apps auf veralteten Gleichungen beruhen. Sie reduzierten den menschlichen Organismus fälschlicherweise auf ein starres Prinzip aus aufgenommener und verbrauchter Energie. Dies führe insbesondere bei sehr aktiven Personen häufig zu einer unzureichenden Energiezufuhr.
Auch Schätzungen mittels künstlicher Intelligenz, etwa über ChatGPT, stuft McGregor als ungenau ein, da die Kalorie eine willkürliche Einheit aus der physikalischen Kalorimeter-Verbrennung darstelle – der menschliche Körper funktioniere jedoch nicht wie ein Kalorimeter.
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Fachleute weisen zudem auf psychische Folgen hin. Die Alliance For Eating Disorders mahnt an, dass Tracker von Betroffenen als Werkzeug zur Kontrolle bei Essstörungen missbraucht werden können. Lediglich bei sachgemäßer Handhabung, etwa in Begleitung eines Trainers oder mit gezielt ausgewählten Anwendungen, böten Daten nach Ansicht McGregors einen echten Mehrwert, um Erholungsdefizite oder Energiemängel zu erkennen.
Zweifelhafter Nutzen bei Zyklus- und Menopausen-Apps
Auch Menstruations-Apps geraten zunehmend in die Kritik. Ein Forscherteam um Katharine M. N. Lee von der Tulane University warnt in einer Veröffentlichung im British Medical Journal davor, dass die Nachteile dieser Anwendungen die potenziellen Vorteile überwiegen könnten.
Neben falschen Empfehlungen gefährdeten solche Plattformen vor allem sensible Gesundheitsdaten und öffneten die Tür für unerwünschte Überwachung. Für eine Linderung von Menstruationsbeschwerden gebe es laut der Untersuchung keine wissenschaftlichen Belege.
Ebenso habe die Sportwissenschaft keinen signifikanten Einfluss verschiedener Zyklusphasen auf die körperliche Leistung oder das Verletzungsrisiko nachgewiesen.
Paula Briggs von der British Menopause Society hebt hervor, dass die digitale Selbstüberwachung die Gesundheit nicht verbessere, sondern stattdessen Stress und Ängste verstärken könne. Dr. Deepali Misra-Sharp ergänzt, dass entsprechende Endgeräte nicht die Menopause selbst erfassen, sondern lediglich physiologische Parameter wie Herzfrequenz und Schlaf abbilden.
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Bei Bewegung sinke deren Genauigkeit rapide. Joyce Harper vom University College London erinnert zudem daran, dass 20 Prozent der Frauen keinerlei Symptome in den Wechseljahren verspüren und der Weg zur Klärung von Beschwerden stets zuerst in die ärztliche Praxis führen sollte.
Orthosomnia: Wenn die Schlafanalyse schlaflos macht
Ein weiteres Phänomen betrifft die Schlafüberwachung. Der von Kelly Baron von der University of Utah Health geprägte Begriff Orthosomnia beschreibt eine krankhafte Fixierung auf das Erzielen perfekter Schlafwerte.
Nach Barons Erkenntnissen handelt es sich um ein Zusammenspiel aus Perfektionismus und schlafbezogenen Ängsten. Je größer die Anspannung werde, desto schwerer falle das Einschlafen. Um diese Belastung zu erfassen, existiert mit der Bergen Orthosomnia Scale inzwischen ein validiertes Messinstrument.
Zusätzliche Verunsicherung schaffen Messungenauigkeiten. Schlaf-Tracker unterschätzen die reale Schlafdauer mitunter um rund 15 Prozent, zudem werden Schlafphasen – insbesondere der Leichtschlaf, der etwa die Hälfte der Nacht ausmacht – häufig fehlerhaft interpretiert.
Eine Analyse von 24 Studien mit knapp 800 Probanden zeigte, dass moderne Geräte die Gesamtschlafzeit im Schnitt um etwa 17 Minuten überschätzen, was bei einer Schlafdauer von acht Stunden einer Abweichung von unter 4 Prozent entspricht.
Wer jedoch nachts regungslos wach liegt, wird vor allem bei bestehender Insomnie fälschlicherweise als schlafend verbucht. Bei Anzeichen von Orthosomnia raten Schlafexperten zu einer Tracking-Pause von mindestens zwei Wochen, dem Verzicht auf ständige Datenkontrollen und dem Vertrauen auf das eigene Körpergefühl.
Mangelnde Datenqualität und Sicherheitsbedenken
Laut Stefan Selke von der Hochschule Furtwangen birgt die mangelhafte Datenqualität von Tracking-Apps erhebliche Gefahren für Über- und Fehldiagnosen.
Behördliche Stellen mahnen ebenfalls zur Zurückhaltung: Die Nationale Gesundheitskommission Chinas stellte klar, dass Messungen von Smart-Wearables keine ärztliche Untersuchung ersetzen und keinesfalls als alleinige Diagnose- oder Behandlungsgrundlage herangezogen werden dürfen.
Dr. Zhu Xiaoying vom Shanghai First People's Hospital warnt vor Selbstdiagnosen aufgrund einzelner abweichender Messwerte; der Nutzen liege ausschließlich in langfristigen Trends.
Neben gesundheitlichen Gefahren stehen Sicherheitsaspekte im Raum. Der Cybersecurity-Experte Toby Dagg verweist darauf, dass Sportler über Fitnessplattformen wie Strava detaillierte Routen sowie genaue Standorte und Zeitfenster preisgeben. Dies berge ernsthafte Risiken hinsichtlich unerwünschter Verfolgung und häuslicher Gewalt. Juristen und Verbraucherschützer fordern daher einen vorsichtigeren Umgang mit den Technologien.
