Wechseljahre, Nahezu

Wechseljahre: Nahezu jede zweite Frau entwickelt unbemerkten Bluthochdruck

Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 09:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Hormonelle VerĂ€nderungen können GefĂ€ĂŸe und Blutdruck beeinflussen; neue ISH-Leitlinien setzen auf frĂŒhere Behandlung und engmaschige Heimmessungen.
Ein heller, ruhiger Behandlungsraum in einer Arztpraxis mit minimalistischer Einrichtung und natĂŒrlichem Lichteinfall. Illustration mit AI erstellt.

Das Risiko fĂŒr unbemerkten Bluthochdruck steigt bei Frauen in den Wechseljahren deutlich an, wĂ€hrend Anpassungen des Lebensstils hĂ€ufig an ihre Grenzen stoßen. Berichte verdeutlichen, dass nahezu jede zweite Frau wĂ€hrend dieser Lebensphase eine Hypertonie entwickelt, die oft ĂŒber lange Zeit unerkannt bleibt.

Mit dem Absinken des Östrogenspiegels verliert der weibliche Körper einen wesentlichen natĂŒrlichen Schutzmechanismus fĂŒr die GefĂ€ĂŸe. Fachleute empfehlen Frauen daher bereits ab Mitte 40 regelmĂ€ĂŸige Blutdruckmessungen, da selbst eine gesunde Lebensweise das Entstehen des Bluthochdrucks nicht immer verhindern kann.

Unerkannte Risiken und spezifische Zeitfenster

Der Nephrologe Dr. JosĂ© Antonio GarcĂ­a Donaire beschreibt die Hypertonie als eine schleichende Gefahr, da Symptome bei Frauen hĂ€ufig als alltĂ€glich abgetan oder auf allgemeinen Stress zurĂŒckgefĂŒhrt werden. Dies fĂŒhre dazu, dass Diagnosen oft verspĂ€tet gestellt werden. Er empfiehlt regelmĂ€ĂŸige Kontrollen bereits ab dem jungen Erwachsenalter und spĂ€testens ab einem Alter von 30 bis 35 Jahren mindestens einmal jĂ€hrlich.

GarcĂ­a Donaire benennt drei zentrale Risikofenster fĂŒr Frauen: die Einnahme kombinierter hormoneller Kontrazeptiva, Schwangerschaften mit Gestationshypertonie oder PrĂ€eklampsie sowie die Menopause, insbesondere wenn diese vor dem 40. Lebensjahr eintritt. Nach den Wechseljahren gleiche sich das Risiko dem der MĂ€nner an.

In Deutschland zeigen Erhebungen der GEDA-Studie des Robert Koch-Instituts, dass 30,9 Prozent der Frauen und 32,8 Prozent der MĂ€nner von Bluthochdruck betroffen sind. Nach Angaben der Deutschen Hochdruckliga bleibt die Erkrankung in rund 30 Prozent der FĂ€lle unentdeckt.

Prof. Markus van der Giet von der CharitĂ© weist darauf hin, dass SchĂ€den durch unbehandelte Hypertonie ĂŒber mehr als 20 Jahre hinweg unbemerkt entstehen können. Zu den langfristigen Folgen zĂ€hlen unter anderem Arteriosklerose, koronare Herzkrankheit, Nieren- und NetzhautschĂ€den, periphere arterielle Verschlusskrankheit sowie Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz und Demenz.

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FrĂŒhe GefĂ€ĂŸverĂ€nderungen und verĂ€nderter Stoffwechsel

VerĂ€nderungen der GefĂ€ĂŸe beginnen oft deutlich frĂŒher als bisher angenommen. Eine im September 2026 in der Zeitschrift Hypertension veröffentlichte Analyse der Framingham-Heart-Study mit Daten von 6.760 Frauen und 3.248 MĂ€nnern zeigte, dass der Pulsdruck bei Frauen bereits Ende 30 von fallend auf steigend umschlĂ€gt – bei MĂ€nnern hingegen erst Ende 40. Dieser Wendepunkt trat bis zu zwei Jahrzehnte vor der Menopause auf und war unabhĂ€ngig vom Menopause-Zeitpunkt.

Nach dem 60. Lebensjahr wiesen Frauen im Schnitt einen höheren Pulsdruck auf als MĂ€nner. Laut der American Heart Association signalisiert ein höherer Pulsdruck eine GefĂ€ĂŸsteifigkeit, die bei Frauen besonders stark ausgeprĂ€gt ist. Der Studienleiter Gary F. Mitchell rĂ€t dazu, bei wiederholten Werten mit einem Pulsdruck um 60 mmHg oder mehr – beispielsweise bei Werten von 130 zu 70 mmHg – Ă€rztlichen Rat einzuholen.

Zudem beeinflussen hormonelle Schwankungen die Behandlung. Prof. Marion Kiechle vom TUM Klinikum Rechts der Isar erlĂ€utert, dass Hormone die AktivitĂ€t von Leberenzymen und somit den Abbau von Arzneimitteln verĂ€ndern können, was jedoch nicht pauschal fĂŒr alle Medikamente gelte. Ein niedriger Östrogenspiegel könne unter anderem die Wirksamkeit von Antidepressiva oder blutdrucksenkenden Mitteln beeinflussen.

Die Wiener Gendermedizinerin Alexandra Kautzky-Willer betont, dass viele Frauen zentrale Labor- und Messwerte wie Blutdruck, Blutzucker und LDL-Cholesterin nicht kennen. Nach den Wechseljahren steigen diese Werte typischerweise an, wĂ€hrend Muskel- und Knochenmasse abnehmen. Sie empfiehlt Krafttraining, regelmĂ€ĂŸige Bewegung, ausgewogene ErnĂ€hrung, ausreichenden Schlaf sowie die Kenntnis ĂŒber familiĂ€re Risiken.

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Leitlinien fordern frĂŒheres Eingreifen

Angesichts dieser Entwicklungen passen Fachgesellschaften ihre Strategien an. Die Prognosen der American Heart Association gehen davon aus, dass der Anteil der Frauen in den USA mit mindestens einer kardiovaskulĂ€ren Erkrankung von 10,7 Prozent im Jahr 2020 auf 14,4 Prozent im Jahr 2050 ansteigen wird. Nahezu 60 Prozent der Frauen in den USA dĂŒrften bis 2050 an Bluthochdruck leiden.

Die Leitlinien der International Society of Hypertension (ISH) aus dem Jahr 2026 setzen daher auf frĂŒhere BehandlungsansĂ€tze und striktere Zielwerte. WĂ€hrend die allgemeine Diagnoseschwelle bei 140 zu 90 mmHg bleibt, wird der bisherige Bereich von 130 bis 139 zu 85 bis 89 mmHg neu als erhöhter Blutdruck im Rahmen von 130 bis 139 zu 80 bis 89 mmHg eingestuft.

Standardisierte Heimmessungen rĂŒcken ins Zentrum der Überwachung. Zeigen LebensstilĂ€nderungen nach drei Monaten keinen ausreichenden Erfolg, sieht das Behandlungskonzept fĂŒr die meisten Betroffenen mit bestĂ€tigt erhöhtem Blutdruck eine medikamentöse Therapie vor, um den Zielwert von unter 130 zu 80 mmHg breit – auch bei Ă€lteren Patientinnen – zu erreichen.

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