Wechseljahre, Millionen

Wechseljahre: Nur 14% dokumentiert trotz 9 Millionen betroffener Frauen

Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 23:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Seltene Diagnosen und geringe Forschungsförderung treffen auf weitreichende Beschwerden; das Gesundheitsministerium hat vier Handlungsfelder benannt.
Ein heller, minimalistischer Behandlungsraum in einer Arztpraxis mit sanftem Tageslicht und einer ruhigen Atmosphäre. Illustration mit AI erstellt.

Die gesundheitlichen Auswirkungen der Wechseljahre auf nahezu alle Organsysteme werden im Medizinsystem weiterhin häufig übersehen. Fachleute aus der Medizin fordern vor diesem Hintergrund eine deutlich stärkere Beachtung dieser Umbruchphase, um ein gesundes Altern von Frauen zu gewährleisten.

Da Frauen rund 40 Prozent ihres Lebens nach der Menopause verbringen, rückt die Versorgungslücke zunehmend in den Fokus wissenschaftlicher und gesundheitspolitischer Analysen.

Lücken bei Diagnose und Dokumentation

Ein wesentliches Problem liegt in der klinischen Erfassung des Übergangs. Eine Auswertung der University of Colorado Anschutz unter Erstautorin Audrey Hendricks auf Basis von Daten des US-Programms „All of Us“ verdeutlicht das Ausmaß: Bei knapp 396.000 untersuchten Frauen war die Menopause nur bei rund 14 Prozent derjenigen, die das Erreichen dieser Phase in Befragungen angaben, auch tatsächlich in der elektronischen Gesundheitsakte dokumentiert.

Während in den Erhebungen rund 193.000 Frauen menopausale Angaben machten, fanden sich in den Akten lediglich etwa 28.000 entsprechende Diagnosen. Hendricks führte diese Diskrepanz auf eine fehlende routinemäßige Erfassung sowie mangelnde standardisierte Dokumentationsfelder zurück.

Hinzu kommt eine erschwerte Diagnosestellung bei unspezifischen Beschwerden. Stephanie S. Faubion vom Mayo Clinic Center for Women’s Health verwies auf einer Fachtagung darauf, dass medizinisches Personal die Menopause leicht übersieht, wenn Patientinnen nicht über klassische Hitzewallungen klagen, sondern Symptome wie Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, Gelenkschmerzen oder Schlafprobleme schildern.

Der Übergang könne bereits im späten vierten Lebensjahrzehnt beginnen, weshalb bei unklaren Beschwerden ab einem Alter von etwa 40 Jahren an die Menopause gedacht werden sollte. Als Screening-Hilfen kämen gezielte Fragen nach vasomotorischen Symptomen, strukturierte Instrumente wie die Menopause Rating Scale oder digitale Abfragehilfen in Betracht.

Weitreichende Folgen für Organe und Alltag

In einer Übersichtsarbeit im Fachmagazin Science ordnete Prof. Liisa Galea von der University of Toronto die Menopause als zentralen Wendepunkt des biologischen Alterns ein, der Gehirn, Herz, Knochen, Muskeln und den Stoffwechsel beeinflusst.

Bis zu 72 unterschiedliche Symptome werden mit der hormonellen Umstellung verknüpft, und bis zu 80 Prozent der Frauen berichten über kognitive Beeinträchtigungen.

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Dennoch erhält laut Galea weniger als 15 Prozent der betroffenen Frauen eine Behandlung. Über einen Zeitraum von 15 Jahren flossen zudem lediglich 0,2 Prozent der föderalen nordamerikanischen Gesundheitsforschungsmittel in diesen Bereich.

Auch kardiologische Fachgesellschaften betonen die Tragweite: Ein gemeinsames Rahmenwerk unter anderem der American Heart Association und des American College of Obstetricians and Gynecologists in der Zeitschrift Circulation stuft die Perimenopause als kardiovaskulären Wendepunkt ein, bei dem sich verändernde Cholesterin- und Stoffwechselwerte frühe Risikosignale darstellen können.

Gleichzeitig wirken sich die Beschwerden auf das Berufsleben aus: Kanadische Zahlen zeigen, dass etwa jede zehnte Frau menopausebedingt aus dem Arbeitsmarkt ausscheidet. Eine Umfrage der hkk Krankenkasse unter Erwerbstätigen ergab zudem, dass 37 Prozent unter erhöhter Stressbelastung und 31 Prozent unter Konzentrationsproblemen leiden.

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Handlungsbedarf in Politik und Praxis

Auf gesundheitspolitischer Ebene reagiert unter anderem das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) in Deutschland. Nach einem einjährigen Dialogprozess benannte das Ministerium vier zentrale Maßnahmenfelder:
- die Verankerung der Thematik in der ärztlichen Ausbildung inklusive des Fachs „Geschlechtersensible Medizin“,
- den Ausbau der gezielten Forschungsförderung,
- eine Verbesserung der Datenbasis durch Erhebungen des Robert Koch-Instituts,
- die Überarbeitung bestehender Informationsangebote wie des Nationalen Gesundheitsportals.

Nach Angaben von Staatssekretärin Dr. Christiane Schenderlein betrifft der Übergang in Deutschland schätzungsweise neun Millionen Frauen.

Hinsichtlich der therapeutischen Versorgung betonen Medizinerinnen wie Prof. Angelica Lindén Hirschberg vom Karolinska Institutet ein günstiges Sicherheitsprofil menopausaler Hormontherapien für Frauen unter 60 Jahren innerhalb von zehn Jahren nach der Menopause.

Während kombinierte Therapien das Risiko für Endometriumkarzinome mindern, unterscheidet sich das Thromboserisiko je nach Darreichungsform: Transdermale Östrogene weisen ein deutlich geringeres Risiko für venöse Thromboembolien auf als orale Präparate.

Für Patientinnen, bei denen eine Hormonersatztherapie nicht infrage kommt, stehen laut Faubion mit nicht-hormonellen Neurokinin-Rezeptorantagonisten wie Fezolinetant und Elinzanetant neuere Behandlungsoptionen zur Verfügung.

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