FlÀchendeckend gutes Handynetz? Telekom-Chef ist skeptisch
16.05.2024 - 13:32:52 | dpa.de
Ein fast flĂ€chendeckendes Handynetz mit verhĂ€ltnismĂ€Ăig guten Download-Raten ist in Deutschland nach den Worten von Telekom-Chef Tim Höttges nicht realistisch. Zu Wochenbeginn hatte die Bundesnetzagentur ihren Vorschlag bekannt gegeben, die Netzbetreiber zu neuen Ausbauvorschriften zu verpflichten.
Eine davon besagt, dass Anfang 2030 99,5 Prozent der FlĂ€che Deutschlands mit mindestens 50 Megabit pro Sekunde versorgt werden mĂŒssen. Heute Ă€uĂerte Telekom-Chef Höttges seinen Unmut ĂŒber die PlĂ€ne des Regulierers. «Die FlĂ€chendeckungsauflagen gehen am Kundennutzen vorbei, sie sind nicht verhĂ€ltnismĂ€Ăig und vor allem sind sie auch praktisch kaum umsetzbar.» Bei Sprachtelefonie sei so ein Ziel machbar, bei solchen Download-Raten aber nicht.
Als Reaktion auf die Höttges-Kritik sagte ein Sprecher der Bundesnetzagentur, dass man die FlĂ€chenvorgabe fĂŒr angemessen halte: «Eine weitere Verbesserung der Versorgung liegt auch im Interesse der Netzbetreiber und ihrer Kundinnen und Kunden.» Der Bonner Konzern kam Anfang des Jahres auf 91,6 Prozent FlĂ€chenabdeckung im 4G-Mobilfunkstandard, Vodafone lag laut Bundesnetzagentur bei 91,3 Prozent und O2 TelefĂłnica bei 86,4 Prozent. Allerdings sind diese Werte nicht eins zu eins mit der 50-Megabit-Vorgabe vergleichbar, da andere Messkriterien gelten.Â
Unterschiedliche Messkriterien
Erstaunlicherweise kommt die Bundesnetzagentur auf einen relativ hohen Wert, nach ihren Angaben versorgen die drei etablierten Mobilfunk-Netzbetreiber schon jetzt im Schnitt etwas unter 99 Prozent der FlÀche Deutschlands mit 50 Megabit pro Sekunde. Hierbei wird aber in der NÀhe der Antenne gemessen - es ist also eine eher milde Messmethode, bei der das Nutzererlebnis - wie viel beim Smartphone ankommen - keine Rolle spielt.
Sollten die Netzbetreiber tatsĂ€chlich schon bei fast 99 Prozent sein, wĂŒrde prozentual nur wenig fehlen bis zu dem 99,5-Prozent-Ziel. Dennoch sorgt die Vorgabe fĂŒr Unruhe. «Der Teufel liegt im Detail», sagte ein Vertreter der Telekommunikationsbranche, der namentlich nicht genannt werden wollte: «Die Frage wird sein, wie streng die Mess-Parameter sein werden.»
Höttges blieb dabei, dass das Ausbauziel der Netzagentur ĂŒberzogen sei: «Die völlig realitĂ€tsferne Ausbauforderung wird vor allem eins sein: teuer», sagte er und verwies darauf, dass 30 Prozent der FlĂ€che Deutschlands Wald sei und 6,5 Prozent Naturschutzgebiet. Dort ist sehr schwierig, neue Funkmasten aufzustellen und die dafĂŒr nötigen Genehmigungen zu bekommen. Man habe schon heute «enorme Probleme, Standorte zu finden beziehungsweise Baugenehmigungen zu erhalten», sagte der Vorstandsvorsitzende.Â
Mit den Auflagen möchte die Bundesnetzagentur sicherstellen, dass die Netzbetreiber beim Ausbau nicht nur dort bauen, wo Menschen wohnen - sondern auch dort, wo Menschen mal vorbeikommen, etwa auf Reisen oder AusflĂŒgen. Bis Ende 2022 galt fĂŒr die Telekom, Vodafone und O2 TelefĂłnica eine 98-Prozent-Vorgabe, diese 100-Megabit-Vorschrift bezog sich aber auf Haushalte und nicht auf die FlĂ€che. Waren Bauernhöfe oder kleine Dörfer nicht versorgt, fiel das in der Haushalts-Statistik kaum ins Gewicht. Die nun von der Netzagentur angepeilte Umstellung von Haushalt auf FlĂ€che wĂ€re ein Kurswechsel, dann mĂŒssten die Netzbetreiber auch entlegene Gebiete in den Blick nehmen.
Andere Staaten haben keine FlÀchen-Ausbaupflicht
Bei Höttges löst das KopfschĂŒtteln aus. «In keiner der fĂŒhrenden 5G-Nationen weltweit - SĂŒdkorea, Japan, USA - gibt es FlĂ€chendeckungsauflagen, sondern stattdessen intelligente Auflagen, die fĂŒr möglichst viel Bandbreite bei der Bevölkerung sorgen.» Man werde sich «anstrengen, aber das ist kostenseitig eine enorme Herausforderung», sagte Höttges.
Im Gegenzug fĂŒr die Auflagen sollen die etablierten Netzbetreiber bestimmte Frequenznutzungsrechte um fĂŒnf Jahre verlĂ€ngert bekommen und dafĂŒr nur relativ niedrige GebĂŒhren zahlen mĂŒssen. Diese VerlĂ€ngerung wurde fĂŒr sie als RĂŒckenwind interpretiert, Höttges zeigt jetzt aber tiefe Sorgenfalten wegen auflagenbedingter Kosten.Â
Und was sagen die anderen Netzbetreiber?
Der Vodafone-Deutschlandchef Marcel de Groot wertete die Auflagen zwar als «gute Nachricht fĂŒr die Smartphone-Nutzer in Deutschland», fĂŒr die Netzbetreiber seien sie aber «extrem ambitioniert und herausfordernd». «Um dieses Ziel auch wirklich erreichen zu können, mĂŒssen wir den FuĂ nun von der Ausbaubremse nehmen und Schluss machen mit langen Genehmigungsverfahren.» Solche Verfahren mĂŒssten mit einem neuen Gesetz beschleunigt werden. Ein TelefĂłnica-Sprecher sagte, man prĂŒfe die geplanten Auflagen und werde sich im Rahmen der von der Netzagentur gesetzten Frist dazu Ă€uĂern.
Die Telekom veröffentlichte heute GeschĂ€ftszahlen fĂŒr das erste Quartal 2024, insgesamt schnitt der Konzern besser ab als erwartet. Der Umsatz legte um 0,4 Prozent auf 27,9 Milliarden Euro zu, das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen inklusive Leasingkosten (Ebitda AL) stieg um 5,1 Prozent.Â
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