WhatsApp-Wahlkampf: Brasiliens TSE legt sechs Kriterien fĂŒr KanĂ€le fest
Veröffentlicht am: 17.10.2026 um 19:22 Uhr | Redaktion boerse-global.deDas brasilianische Oberste Wahlgericht (Tribunal Superior Eleitoral, TSE) hat eine Ănderung seiner Propaganda-Resolution 23.610/2019 verabschiedet. Das Richterkollegium legte damit verbindliche Kriterien und Regelungen fest, unter welchen Voraussetzungen KanĂ€le auf Instant-Messaging-Diensten wie WhatsApp offiziell Kampagnen von Kandidaten und Parteien zugerechnet werden. Berichterstatter der Reform war TSE-VizeprĂ€sident AndrĂ© Mendonça.
Am 16. Oktober 2026 stimmten die beteiligten Richter einmĂŒtig fĂŒr die Neuregelung. Neben PrĂ€sident Kassio Nunes Marques und VizeprĂ€sident AndrĂ© Mendonça waren Corregedor Ricardo Villas BĂŽas Cueva sowie Dias Toffoli, SebastiĂŁo Reis JĂșnior, Floriano de Azevedo Marques, Estela Aranha und Marco AurĂ©lio Bellizze Oliveira an dem Beschluss beteiligt. Die Richter verstĂ€ndigten sich nach vorangegangenen Kontroversen auf einen Konsens, um das institutionelle Ansehen des Wahlgerichts zu wahren.
Kriterien fĂŒr die Bindung an Kampagnen
Die neu eingefĂŒgten Artikel 33-E bis 33-G der Resolution schaffen einen klaren Rahmen fĂŒr Instant-Messaging-KanĂ€le, Diskussionsforen und Gruppen. GemÀà Artikel 33-E gelten sechs nicht-kumulative Kriterien, anhand derer eine Verbindung zu einer Kampagne nachgewiesen werden kann.
Dazu zĂ€hlen eine direkte Finanzierung durch Parteien oder Kampagnen, materielle oder personelle UnterstĂŒtzung, technischer Support, die Bewerbung des Kanals ĂŒber offizielle Profile, eine systematische Weiterleitung von AnhĂ€ngern sowie eine inhaltliche Steuerung.
Artikel 33-F verlangt fĂŒr diese Einstufung objektiv nachprĂŒfbare Anhaltspunkte, wobei bereits ein einzelnes Kriterium fĂŒr eine Zurechnung ausreichen kann. Artikel 33-G regelt die rechtlichen Folgen: Betreiber sind zu einer InhaltsprĂŒfung verpflichtet. Bei RegelverstöĂen droht die vorĂŒbergehende Deaktivierung bis zur Regularisierung, bei wiederholten Verfehlungen die vollstĂ€ndige Sperrung.
Zugleich grenzt die Resolution spontane UnterstĂŒtzung ab. Nicht als feste Kampagnenbindung gewertet werden demnach die private UnterstĂŒtzung durch BĂŒrger, isolierte Namensnennungen durch Kandidaten oder eine gelegentliche Teilnahme ohne Gegenleistung. Zudem strich das TSE die zuvor geltende 48-stĂŒndige Wartefrist fĂŒr KanĂ€le, die zwischen dem ersten und zweiten Wahlgang registriert werden. Diese dĂŒrfen nach der Meldung unverzĂŒglich genutzt werden.
Die neue Resolution 23.610/2019 nennt sechs nicht-kumulative Kriterien, an denen Brasiliens Wahlgericht einen WhatsApp-Kanal einer Kampagne zurechnet â und schon ein einzelnes kann genĂŒgen. Wer KanĂ€le betreibt oder begleitet, sollte die PrĂŒfliste kennen, bevor die Wahljustiz sie anwendet. Kostenlosen Leitfaden mit den sechs Kriterien anfordern
Auseinandersetzungen um reichweitenstarke KanÀle
Hintergrund der Reform waren juristische Streitigkeiten im Vorfeld der fĂŒr den 25. Oktober 2026 angesetzten Stichwahl zwischen Luiz InĂĄcio Lula da Silva und FlĂĄvio Bolsonaro. Dabei kam es zu widersprĂŒchlichen Eilentscheidungen rund um reichweitenstarke Chatgruppen.
Betroffen waren insbesondere der Kanal âExĂ©rcito do Lulaâ, der vom Abgeordneten AndrĂ© Janones betreut wird und mehr als 4,8 Millionen Follower verzeichnet, sowie der von der Kampagne FlĂĄvio Bolsonaros registrierte Kanal âTropa do FlĂĄvioâ mit 1,9 Millionen Nutzern.
Am 13. Oktober 2026 hatte TSE-PrĂ€sident Nunes Marques zunĂ€chst die Registrierung des Kanals âExĂ©rcito do Lulaâ verlangt und ihn vorĂŒbergehend suspendiert, ordnete nach erfolgter Meldung jedoch dessen Reaktivierung an. Nachdem die Lula-Kampagne auf eine Ungleichbehandlung gegenĂŒber dem nicht suspendierten Bolsonaro-Kanal hingewiesen hatte, hob Nunes Marques am 14. Oktober 2026 eine zuvor verhĂ€ngte 48-Stunden-Frist auf.
Die Lula unterstĂŒtzende Koalition âBrasil Pronto pra Maisâ (bestehend aus PT, PCdoB, PV, PSB, PDT und PSOL-Rede) hatte die Feststellung beantragt, dass âExĂ©rcito do Lulaâ nicht offiziell an die PrĂ€sidentschaftskampagne gebunden sei.
Ein Kanal, der kurz vor dem Urnengang deaktiviert wird, kostet Reichweite im entscheidenden Moment. Der Leitfaden zeigt, wie Sie die InhaltsprĂŒfung nach Artikel 33-G aufsetzen und wiederholte Verfehlungen vermeiden, die zur vollstĂ€ndigen Sperrung fĂŒhren können. Compliance-Fahrplan jetzt abrufen
Bis zum Morgen des 5. Oktober 2026 habe der Kanal rund 55.000 Follower gezĂ€hlt; der darauffolgende Zuwachs sei spontan erfolgt. Ein Video vom 7. Oktober 2026, in dem Lula den Kanal erwĂ€hnte, reiche fĂŒr eine Bindung nicht aus.
Am 16. Oktober 2026 gestattete Nunes Marques der Koalition, den Kanal formell von der Kampagne abzukoppeln, lieĂ die Frage einer tatsĂ€chlichen inhaltlichen Verbindung jedoch offen. Eine Auswertung der technischen Einheit des TSE zu BeitrĂ€gen zwischen dem 2. und 11. Oktober 2026 ergab zwar keine Wiederholung spezifischer VorwĂŒrfe der gegnerischen Kampagne, stellte jedoch polarisierende Sprache und Anzeichen einer koordinierten Mobilisierung fest.
