GĂ€nsekot, Liegewiesen

GĂ€nsekot auf Liegewiesen – liegt die Lösung bei den Eiern?

13.05.2025 - 09:04:28

WildgĂ€nse und Menschen haben im Sommer dieselben Vorlieben - und das sorgt fĂŒr Konflikte. Eine Art Geburtenkontrolle soll in manchen Orten die GĂ€nseschar in Schach halten.

Laut schnatternd verlĂ€sst die Kanadagans ihr Nest und bringt sich auf dem See in Sicherheit. Mitarbeitende der Stadt NĂŒrnberg haben den Wasservogel aufgescheucht. An diesem Tag kontrollieren sie die Gelege auf einer Insel im Wöhrder See östlich der Innenstadt. Manche davon sind mit einem Kreuz markiert. Andere haben ein kleines Einstichloch. Ein GĂ€nsekĂŒken wird aus ihnen nicht mehr schlĂŒpfen. Mit einer speziellen Methode haben die Fachleute das Ei unfruchtbar gemacht: eine Art Geburtenkontrolle, damit die GĂ€nseschar nicht zur Plage wird.

Der Wöhrder See in NĂŒrnberg ist beispielhaft fĂŒr ein Problem, das viele StĂ€dte in Deutschland haben. In den warmen Monaten zieht es Sonnenbadende und Sportbegeisterte in Scharen an GewĂ€sserufer. Doch auch GraugĂ€nse, KanadagĂ€nse und NilgĂ€nse fĂŒhlen sich dort sehr wohl - und hinterlassen ihren Kot am Strand, auf den Liegewiesen und Fußwegen. Mit speziellen Reinigungsmaschinen mĂŒssten die FlĂ€chen zum Teil tĂ€glich gereinigt werden, wie AndrĂ© Winkel vom stĂ€dtischen Servicebetrieb Öffentlicher Raum (SÖR) erlĂ€utert. 

Vor allem die invasive Nilgans sorgt regelmĂ€ĂŸig bundesweit fĂŒr Schlagzeilen, weil sie mitunter auch in FreibĂ€dern einfĂ€llt, wie es nach Angaben der Deutschen Gesellschaft fĂŒr das Badewesen in Frankfurt am Main oder im baden-wĂŒrttembergischen Fellbach schon der Fall war. Das Vorkommen der ursprĂŒnglich aus Afrika stammenden Nilgans sei seit 2017 stark gestiegen, sagt Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdverband. «Sie ist sehr anpassungsfĂ€hig und konkurrenzstark.» 

Das sagen die Bestandszahlen

Die heimische Graugans ist nach Angaben des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu) mit 42.000 bis 59.000 Brutpaaren die hĂ€ufigste Wildgans in Europa. Die Nilgans kommt demnach auf 5.000 bis 7.500 Brutpaare, die ebenfalls eingewanderte Kanadagans auf 8.500 bis 14.500 Brutpaare. Bei allen drei Arten sei der Populationstrend steigend, sagt Nabu-Experte Martin RĂŒmmler. 

«Es ist eine subjektive Wahrnehmung, dass die Nilgans viel hĂ€ufiger ist als heimische Arten, weil sie oft in Ballungsgebieten vorkommt und gerade dort fĂŒr Probleme sorgt», betont er. Wie die Nilgans komme die Graugans auch bundesweit vor, vor allem in der norddeutschen Tiefebene und im SĂŒden entlang der Flussniederungen von Rhein und Donau. Die Kanadagans sei wiederum entlang des Rheins, im Ruhrgebiet, in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, in Berlin und in Ballungsgebieten in Bayern anzutreffen.

Warum StĂ€dte fĂŒr WildgĂ€nse so attraktiv sind

Dass sich WildgĂ€nse in StĂ€dten besonders gern niederlassen, liegt RĂŒmmler zufolge an mehreren Faktoren: Dort werden sie in der Regel nicht gejagt. Es gibt weniger Beutegreifer wie FĂŒchse, Marder oder WaschbĂ€ren, die die KĂŒken fressen. Und genĂŒgend Futter, weil in Parks und FreibĂ€dern den ganzen Sommer ĂŒber saftig-grĂŒnes Gras wĂ€chst. «Dazu haben sie keine Scheu und werden, trotz Verbot, leider sehr viel gefĂŒttert», erlĂ€utert eine Sprecherin der Stadt Köln, wo GĂ€nsekot in den GrĂŒnanlagen ebenfalls fĂŒr Konflikte sorgt. 

«Tierschutzgerechtes Verfahren»

Vor einigen Jahren eskalierte es wegen der Verschmutzungen in NĂŒrnberg: «Die BĂŒrger gingen auf die Barrikaden», erzĂ€hlt Winkel. Die Stadt gab die GĂ€nse zum Abschuss frei, machte nach Protesten und einem Shitstorm aber einen RĂŒckzieher und testete stattdessen in einem Forschungsprojekt der Landesanstalt fĂŒr Landwirtschaft (LfL) die Behandlung der Gelege. «Wir wollten ein tierschutzgerechtes Verfahren entwickeln, das sich gut in der Praxis umsetzen lĂ€sst und effektiv ist», sagt LfL-GĂ€nsemanager Christian Wagner. 

Mittlerweile sind auch in vielen anderen Orten in Bayern speziell geschulte KrĂ€fte fĂŒr die «Gelegebehandlung» im Einsatz. In NĂŒrnberg ist an dem Tag ein JĂ€ger aus dem nahe gelegenen Herzogenaurach dabei, der sich das Verfahren zeigen lassen will. In der Brutsaison von MĂ€rz bis Mai ist das SÖR-Team dafĂŒr stĂ€ndig am und auf dem See unterwegs: Im vergangenen Jahr galt es, 78 Gelege zu kontrollieren. In diesem Jahr sind es nach einer vorlĂ€ufigen Auswertung etwas mehr. 

In jedem Gelege lassen die Fachleute jeweils zwei Eier unberĂŒhrt, die sie mit einem Kreuz markieren. Die ĂŒbrigen Eier werden in einem speziellen Kasten durchleuchtet, um das Entwicklungsstadium erkennen zu können. «Bis zum 14. Tag kann man diese behandeln», sagt eine Expertin, die nach dem vielen Ärger um die GĂ€nse ihren Namen lieber nicht veröffentlicht sehen möchte. Die Eier werden angestochen und mit einer KanĂŒle verunreinigt, so dass sie sich nicht mehr entwickeln. Danach kommen alle Eier zurĂŒck in das Gelege. 

Auch andere Regionen behandeln Gelege

Ähnlich wird es in Rheinland-Pfalz gehandhabt, wo entlang des Rheins WildgĂ€nse nach Angaben der zustĂ€ndigen Zentralstelle der Forstverwaltung FeldfrĂŒchte abfressen, AnbauflĂ€chen beschĂ€digen, Liegewiesen und FreibĂ€der verschmutzen. In Ludwigshafen, im Rhein-Pfalz-Kreis und im Landkreis Germersheim hat die obere Jagdbehörde deshalb das Anstechen von GĂ€nseeiern genehmigt. 

«Mit dem Anstechen der Eier soll versucht werden, eine Langzeitwirkung zu erreichen, um den Brutplatz unattraktiver fĂŒr eine erneute Ansiedlung zu machen», heißt es zur BegrĂŒndung. Dazu werden die GĂ€nse in der zugelassenen Zeit bejagt, vergrĂ€mt und mit ZĂ€unen von bestimmten FlĂ€chen ferngehalten. 

Auch DĂŒsseldorf setzt seit Jahren auf das sogenannte Gelegemanagement, Köln seit 2023. Dort werden allerdings alle Eier bis auf ein oder zwei aus den Nestern genommen. In Köln hat sich die Zahl der GĂ€nse der Stadt zufolge seither an den Weihern mit «Gelegemanagement» nicht erhöht. In DĂŒsseldorf blieb die Zahl der GĂ€nse laut der Bilanz in den Parkanlagen 2024 auf dem Niveau des Vorjahres, insgesamt ist ihre Zahl in der Stadt aber gestiegen. Der Anteil der Jungvögel habe bei nur acht Prozent gelegen, hieß es. Der Zuwachs ist demnach darauf zurĂŒckzufĂŒhren, dass GĂ€nse aus dem Umland zugewandert sein mĂŒssen.

Reguliert sich die Natur selbst?

Nabu-Experte RĂŒmmler sieht die Behandlung von Gelegen dennoch kritisch. «Das ist im Vergleich zur Jagd natĂŒrlich eine tierschonendere Art, um die BestĂ€nde zu regulieren.» Die Ausbreitung der Nilgans werde man dadurch aber nicht verhindern können. «Damit kann man nur regional den Bestand stabil halten. Doch das ist aus Sicht des Nabu eigentlich unnötig, denn die BestĂ€nde regulieren sich von selbst.» Wenn an einer Stelle zu viele WildgĂ€nse seien, wanderten diese in andere Gebiete ab und suchten dort nach Nahrung, sagt er.

@ dpa.de