Arbeitsschutz, Ausbildung

Arbeitsschutz in der Ausbildung: Stefan Ganzke und Anna Ganzke verraten, wie Berufsschulen das Thema Arbeitsschutz besser vermitteln

22.02.2024 - 08:59:56

Wuppertal - Arbeitsschutz ist mehr als nur eine leidige Pflicht - er sorgt fĂŒr sichere und gesunde ArbeitsplĂ€tze und spart Unternehmen zudem eine Menge Geld. Stefan und Anna Ganzke sind Sicherheitsingenieure und GeschĂ€ftsfĂŒhrer der WandelWerker Consulting GmbH und haben sich darauf spezialisiert, Unternehmen bei der systematischen und nachhaltigen Reduzierung von ArbeitsunfĂ€llen zu unterstĂŒtzen. Hier erfahren Sie, warum die aktuellen Maßnahmen zum Arbeitsschutz an den Berufsschulen nicht ausreichen und wie nachgebessert werden kann.

Berufsschulen nehmen im heutigen Berufsalltag eine wichtige Rolle im Leben junger Menschen ein: Schließlich sollen sie diese auf die TĂ€tigkeit vorbereiten, die sie ĂŒber viele Jahre hinweg, oft sogar bis zur Rente ausĂŒben. Auch die Vorbereitung auf das Thema Arbeitsschutz fĂ€llt in ihren Verantwortungsbereich - in der RealitĂ€t kommt das jedoch oft zu kurz: Statistiken zeigen, dass es allein im Jahr 2022 zu 81.605 meldepflichtigen ArbeitsunfĂ€llen kam, in die 20- bis 25-JĂ€hrige involviert waren - das macht 11,4 Prozent aller ArbeitsunfĂ€lle mit mehr als drei Tagen Ausfallzeit aus. "Die hohe Anzahl an ArbeitsunfĂ€llen bei jungen Menschen ist nicht etwa ein Zufall. TatsĂ€chlich zeigt sie, dass das Potenzial, junge Menschen schon in der Berufsschule auf das Thema Arbeitsschutz vorzubereiten, nicht hinreichend genutzt wird. Eine Tatsache, die im spĂ€teren Berufsleben fatale Folgen mit sich bringen kann", erklĂ€rt Stefan Ganzke, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der WandelWerker Consulting GmbH.

"Sowohl die Berufsschulen als auch die Hochschulen sind ein zentraler Ausbildungsort fĂŒr junge Menschen. Umso wichtiger ist es, bereits hier den Grundstein fĂŒr sicheres Verhalten zu legen", ergĂ€nzt Anna Ganzke, ebenfalls GeschĂ€ftsfĂŒhrerin der WandelWerker Consulting GmbH. "DafĂŒr braucht es neue Konzepte, um Auszubildende angemessen fĂŒr das Thema zu sensibilisieren." Gemeinsam mit ihrem Expertenteam unterstĂŒtzen die beiden Sicherheitsingenieure mittelstĂ€ndische Unternehmen und Konzerne dabei, das Thema Arbeitsschutz wirksam im Unternehmen zu etablieren, um ArbeitsunfĂ€lle zu senken und die Meldemoral von BeinaheunfĂ€llen zu steigern. Warum das Thema Arbeitsschutz bereits in der Ausbildung thematisiert werden sollte und was es dabei zu beachten gilt, haben die beiden Sicherheitsingenieure im Folgenden zusammengefasst.

LehrkrÀfte vermitteln nicht nur Wissen - sie prÀgen auch die Einstellung dazu

Die Anzahl Lernenden an deutschen Berufsschulen lag im Schuljahr 2022/2023 bei rund 2,31 Millionen SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern, die nicht nur den klassischen Lernstoff durchnehmen, sondern auch ein Bewusstsein fĂŒr Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz entwickeln sollten. Schließlich ist das Thema Arbeitsschutz in den Berufsschulen nicht neu, sondern steht schon seit Jahren verpflichtend auf dem Lehrplan - entsprechendes Lehrmaterial ist bei den Unfallkassen sogar frei verfĂŒgbar. Die Basis ist also da, es scheitert jedoch an der Umsetzung: So mangelt es bereits bei einigen Lehrerinnen und Lehrern, die an anderer Stelle wahrscheinlich eine gute Arbeit leisten, an der richtigen Einstellung zum Arbeitsschutz. Statt das Thema als integralen Bestandteil fĂŒr eine erfolgreiche Ausbildung zu sehen, wird es als notwendiges Übel betrachtet und höchstens beilĂ€ufig behandelt. Arbeitsschutz - so die Meinung vieler Lehrender - sei am Ende des Tages Aufgabe der Unternehmen, in denen die jungen Menschen schon heute oder spĂ€testens in naher Zukunft tĂ€tig sein werden.

Unter diesen Bedingungen fĂ€llt es den SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern natĂŒrlich schwer, eine positive Einstellung zum Arbeitsschutz zu entwickeln - auch ein GefĂŒhl fĂŒr die Relevanz des Themas bleibt aus. "Nicht selten vertritt man hier die Meinung, dass dort, wo gehobelt wird, eben auch SpĂ€ne fallen. ArbeitsunfĂ€lle und unsicheres Verhalten gehören fĂŒr viele junge Menschen also einfach dazu", erklĂ€rt Stefan Ganzke. "Diese Sichtweise zu korrigieren, ist Aufgabe der Berufs- und Hochschulen und am Ende natĂŒrlich auch der Unternehmen. Das kann allerdings nur gelingen, wenn auch die LehrkrĂ€fte eine positive Sichtweise zum Arbeitsschutz besitzen." Was also sollten Berufsschulen jetzt tun?

1. Lehrer mĂŒssen besser qualifiziert werden

Um SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern das RĂŒstzeug fĂŒr das nötige Bewusstsein fĂŒr Sicherheit und Gesundheit sowie eine entsprechende Risikokompetenz an die Hand zu geben, muss bei der Qualifizierung der Lehrer angefangen werden. Hierbei geht es in erster Linie darum, ihre Einstellung zu verĂ€ndern und ein Safety Mindset zu entwickeln. ErfahrungsgemĂ€ĂŸ ist dies in Eigenregie meist nicht umsetzbar. Darum braucht es einen internen oder externen Trainer, der die Lehrer zu der Erkenntnis fĂŒhrt, dass Thema Sicherheit ein höherer Stellenwert zukommen sollte und dass sie als LehrkrĂ€fte dafĂŒr mitverantwortlich sind, ArbeitsunfĂ€lle und unsicheres Verhalten bei jungen Menschen zu senken.

2. Intensivere Zusammenarbeit von Berufsschulen und Unternehmen

Ein wesentlicher Schritt, um ArbeitsunfĂ€lle bei jungen Menschen zu reduzieren, besteht außerdem in einer intensiveren Zusammenarbeit von Unternehmen und Berufsschulen im Schwerpunkt Arbeitsschutz. Konkret bedeutet das, Informationen aus der betrieblichen Praxis in den Unterricht einzubinden, um diese anhand theoretischer Grundlagen zu bewerten und RĂŒckschlĂŒsse fĂŒr kĂŒnftiges sicheres Verhalten zu ziehen. Beispielsweise könnte in diesem Zusammenhang ĂŒber aktuelle ArbeitsunfĂ€lle und unsichere Situationen in den Unternehmen berichtet werden. Gemeinsam können derlei Situationen analysiert und auf Verbesserungen ĂŒberprĂŒft werden. Allerdings sollten nicht nur UnfĂ€lle und BeinaheunfĂ€lle stĂ€rker in den Unterricht eingebunden werden, hervorzuheben sind auch Situationen, die positiv umgesetzt wurden. ZusĂ€tzlich kann es sinnvoll sein, Unternehmensbesuche durchzufĂŒhren, bei denen speziell das Thema Arbeitsschutz sowie dessen Umsetzung oder Fehlerquellen behandelt werden. Theoretische Grundlagen können so direkt in der Praxis beobachtet werden.

Fazit: Arbeitsschutz als integralen Bestandteil in den Lehrplan integrieren

All diese Maßnahmen nutzen jedoch wenig, wenn die gewonnenen Erkenntnisse nicht entsprechend an die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler weitergegeben werden. Arbeitsschutz als reines Schulfach anzubieten, reicht hier einfach nicht. Schließlich handelt es sich beim Arbeitsschutz nicht um trockene Theorie, sondern um ein Thema, das sich nahezu in allen Ausbildungsinhalten wiederfindet und damit genauso behandelt werden sollte wie QualitĂ€t und ProduktivitĂ€t. Statt sich daher auf wenige Unterrichtsstunden zum Thema zu beschrĂ€nken, muss Arbeitsschutz grundsĂ€tzlich bei jeder Gelegenheit eine angemessene Rolle im Lehrplan spielen. Hierbei reicht es oftmals aus, in 5 bis 10 Minuten ĂŒber den Arbeitsschutz bei der Umsetzung von Aufgaben zu sprechen. Die Wiederholung schafft dann das richtige Safety Mindset und die BefĂ€higung der jungen Menschen. ZusĂ€tzlich bietet es sich an, spezielle Projekttage zum Thema Arbeits- und Gesundheitsschutz zu veranstalten, um eine regelmĂ€ĂŸige Sensibilisierung zu gewĂ€hrleisten - auch in Unternehmen wird dies immer wieder durchgefĂŒhrt.

Am Ende ist Arbeitsschutz und der richtige Umgang damit sicher keine Aufgabe, die von heute auf morgen erledigt werden kann. "Einige LehrkrĂ€fte werden sich fragen, woher sie die dafĂŒr benötigte Zeit nehmen sollen - ein berechtigter Einwand, der sich jedoch einfach beantworten lĂ€sst", erklĂ€rt Anna Ganzke. "Wenn die Einstellung aufseiten der Lehrenden stimmt, lĂ€sst sich grundsĂ€tzlich immer eine individuelle und praxistaugliche Lösung finden." Wird also genau daran gearbeitet, kann im nĂ€chsten Schritt ein Fahrplan fĂŒr die systematische EinfĂŒhrung von entsprechenden Maßnahmen in den Lehrplan erarbeitet werden - gegebenenfalls auch unter der Einbindung zustĂ€ndiger Behörden. "Am Ende ist die fehlende Vermittlung zum Arbeitsschutz nĂ€mlich in den meisten FĂ€llen kein Zeit-, sondern ein Einstellungsproblem - und das lĂ€sst sich Ă€ndern", erklĂ€rt Stefan Ganzke abschließend.

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