Zeitumstellung: 30 Minuten Tageslicht können die Anpassung deutlich verkürzen
Veröffentlicht am: 25.10.2026 um 01:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deWenn im Herbst die Uhren von der Sommer- auf die Normalzeit zurückgestellt werden, stellt dies den menschlichen Organismus vor spürbare Herausforderungen. Am 25.10.2026 erfolgt die Anpassung, indem die Zeiger um 3:00 Uhr auf 2:00 Uhr zurückgesetzt werden.
Schlafforscher und Schlafmediziner verweisen darauf, dass dieser Eingriff in das circadiane System vor allem bei älteren Menschen, kleinen Kindern und Schichtarbeitern zu Schlafstörungen und Beeinträchtigungen des Wohlbefindens führen kann.
Synchronisation der inneren Uhr gerät aus dem Takt
Zentral gesteuert wird der menschliche Rhythmus im suprachiasmatischen Nukleus. Dort werden lebenswichtige Faktoren wie das Schlafhormon Melatonin, die Körperkerntemperatur und das Stresshormon Cortisol aufeinander abgestimmt.
Schlafforscher John Groeger von der Nottingham Trent University betont, dass abrupte Zeitverschiebungen dieses Zusammenspiel belasten und eine Nachjustierung mehrere Tage erfordert. Bei Frühaufstehern könne dies vorübergehend zu einem Verlust an REM-Schlaf und gedrückter Stimmung führen, wenngleich die Störung selten länger als eine Woche anhält.
Neben Senioren zeigen sich weitere Gruppen empfindlich: Etwa eine von 100 Personen lebt mit einer verzögerten Schlafphase, bei Jugendlichen in der späten Adoleszenz sind es 10 bis 20 von 100. Zudem betrifft eine fortgeschrittene Schlafphase rund 1 % der Menschen mittleren Alters, während auch menopausale Frauen mit Hitzewallungen vermehrt reagieren.
Wie die genetische Forschung zeigt, justieren Dutzende Gene den biologischen Tageslauf. Der Genetiker Sascha Karberg hebt hervor, dass insbesondere das Gen SIK1 als Bremse fungiert: Je aktiver dieses Gen arbeitet, desto langsamer erfolgt die biologische Anpassung.
Laut dem Chronobiologen Manuel Spitschan von der Technischen Universität München liegt der persönliche biologische Tag zwischen etwa 23,5 und 24,5 Stunden, weshalb Menschen mit abendlichem Chronotyp Modellrechnungen zufolge mehr Zeit für die Umstellung benötigen.
Anpassungsdauer und die Bedeutung des Lichts
Die Dauer der Umstellung variiert erheblich. Eine im Fachjournal Scientific Reports publizierte Modellstudie von Mengzhu Xu aus dem Jahr 2024 mit mehreren hundert virtuellen Personen ergab, dass die Anpassung unter normalem Innenraumlicht knapp acht Tage benötigt. Ein rund 30-minütiger Spaziergang bei hellem Tageslicht am späten Nachmittag oder frühen Abend könne diese Spanne jedoch auf im Schnitt weniger als drei Tage verkürzen.
Wissenschaftliche Erhebungen zeigen im Allgemeinen eine Anpassungszeit von drei bis sieben Tagen. Nach einer Auswertung der britischen UK Biobank aus den Jahren 2013 bis 2015, an der 11.780 Erwachsene im Alter von 43 bis 78 Jahren per Bewegungsarmband teilnahmen, schliefen die Probanden in der Umstellungsnacht im Durchschnitt 33 Minuten länger als am vorherigen Sonntag.
Dennoch erwachen viele Personen in den Folgetagen verfrüht. Die Wissenschaftlerin Tuuli Lathi stellte fest, dass Frühaufsteher beim Wechsel zur Normalzeit stärker belastet sind als Spätaufsteher.
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Fachleute weisen zudem auf die psychologische Belastung durch die früher einsetzende Dunkelheit hin. Der Chronobiologe Henrik Oster von der Universität zu Lübeck verweist auf starke Belege für vermehrte Winterdepressionen und mahnt, dass chronischer Schlafmangel Risiken für Stoffwechselleiden wie Diabetes, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen birgt.
Gesundheitliche Debatte und politische Blockade
Mediziner plädieren mehrheitlich für eine dauerhafte Normalzeit. Eine Analyse unter Leitung des Psychiatrie-Professors Raymond Lam von der University of British Columbia unterstreicht, dass Morgenlicht unverzichtbar für die Stabilisierung von Stimmung und Schlaf sei.
Auch der Psychologe Ralph Mistlberger von der Simon-Fraser-Universität warnt, dass eine permanente Sommerzeit den Sonnenaufgang im Winter nach hinten schiebe und über einen sogenannten sozialen Jetlag chronischen Schlafmangel fördere.
Schlafforscher Albrecht Vorster vom Universitätsklinikum Gießen und Marburg ergänzt, dass der Wechsel keinerlei sozioökonomischen Nutzen bringe, sondern Reibungsverluste verursache.
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Um die Umstellung zu erleichtern, raten Schlafexperten und das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit zu einer schrittweisen Vorbereitung. Es empfiehlt sich, die Schlafenszeit vorab um 15 bis 20 Minuten anzupassen, morgens 20 bis 30 Minuten Tageslicht zu nutzen, ab dem frühen Nachmittag koffeinhaltige Getränke zu meiden und abends nur leichte Mahlzeiten zu sich zu nehmen.
In der Bevölkerung stößt die Praxis auf breite Ablehnung. Laut einer Forsa-Erhebung halten 71 % der Menschen in Deutschland die Maßnahme für überflüssig, während eine YouGov-Umfrage ergab, dass über die Hälfte mehrere Tage für die Umstellung braucht und 13 % mehr als eine Woche leiden. Eine OpinionWay-Umfrage vom März 2026 ermittelte zudem, dass in Frankreich 38 % der 18- bis 65-Jährigen unter Schlafstörungen leiden.
Obwohl die EU-Kommission 2018 die Abschaffung anregte – bei einer Onlinebefragung stammten 3 Millionen der 4,6 Millionen Stimmen aus Deutschland – und das EU-Parlament 2019 zustimmte, herrscht politischer Stillstand, da sich die Staaten uneins über die dauerhafte Zeitform sind.
Für die technische Genauigkeit sorgen weiterhin die Atomuhren der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig; die nächste Sommerzeit beginnt planmäßig am 28.03.2027.
