Zellverjüngung, Bonner

Zellverjüngung: Bonner Forscher setzen Altersuhr um mehr als 60 Jahre zurück

Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 16:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Bonner Forschende wandelten Spenderblutzellen in neurale Vorläufer um; der Laborbefund ist kein klinisches Therapieverfahren.
Nahaufnahme einer Laborschale mit Nährlösung und mikroskopischen Zellstrukturen in einer sterilen Laborumgebung. Illustration mit AI erstellt.

In der biomedizinischen Altersforschung gilt die Rückstellung biologischer Merkmale als zentrales Entwicklungsfeld. Ein Forschungsteam der Universität Bonn und des Universitätsklinikums Bonn erzielte in einer Anfang Oktober 2026 im Fachjournal Aging Cell veröffentlichten Studie beachtliche Ergebnisse: Den Wissenschaftlern gelang es, Blutzellen eines 80-jährigen Spenders direkt in neurale Vorläuferzellen umzuwandeln und deren epigenetische Altersuhr um mehr als 60 Jahre zurückzusetzen.

Direkter Weg zu neuralen Stammzellen

Für das Experiment nutzten die Forscher periphere erythroide Vorläuferzellen (EPC). Anders als bei vielen herkömmlichen Verfahren verzichtete das Team auf eine Zwischenstufe über induzierte pluripotente Stammzellen (iPSC). Stattdessen schleuste ein Virus die Transkriptionsfaktoren SOX2 und cMYC direkt in die Vorläuferzellen ein. Nach zwölf Tagen wiesen diese Merkmale induzierter neuraler Stammzellen (iNSC) auf.

Die zelluläre Verjüngung vollzog sich schrittweise. Nach 50 Tagen in einer Nährlösung zeigten die Zellen epigenetische Alterssignaturen, die denen eines Menschen unter 20 Jahren entsprachen. Dieser Hauptreset trat nach rund 50 Tagen ein.

Der verjüngte Zustand blieb über mehr als 100 Tage stabil beobachtbar. Zudem setzte sich der epigenetische Reset auch dann fort, wenn die Zellteilung gehemmt oder die Differenzierung zu reifen Neuronen erzwungen wurde.

Epigenetische Uhren und mitochondriale Daten

Zur Bestimmung des biologischen Alters analysierten die Wissenschaftler spezifische DNA-Methylierungsmuster, die als epigenetische Uhren dienen. Untersuchungen der DNA-Methylierung sowie ergänzende RNA-Sequenzierungen ergaben zudem eine verringerte mitochondriale Toxizität in den reprogrammierten Zellen.

Die Untersuchungen stützten sich auf Blutproben von insgesamt 15 Spendern, deren Alter von Neugeborenen bis zu über 100-jährigen Personen beziehungsweise einem 101-Jährigen reichte. Bei älteren Spendern behielten die Stammzellen in frühen Stadien rund 13 Prozent ihres ursprünglichen Ausgangsalters bei; nach zahlreichen Zellpassagen sank dieser Wert studienübergreifend auf etwa 5 Prozent.

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Oliver Brüstle, Direktor des Instituts für Rekonstruktive Neurobiologie am Universitätsklinikum Bonn, erklärte hierzu, dass die epigenetische Verjüngung dazu führe, dass sich die Zellen tatsächlich wie junge Zellen verhielten. Da das kalendarische Alter der bedeutendste Risikofaktor für neurodegenerative Leiden wie Alzheimer sei, diene dieses Verfahren primär als Krankheitsmodell für die Erforschung derartiger Mechanismen.

Grenzen und klinischer Zeithorizont

Trotz des gemessenen Rücksetzens biologischer Marker handelt es sich bei dem Verfahren um kein Mittel zur allgemeinen Lebensverlängerung. Schäden und molekulare Veränderungen, die sich über Jahrzehnte hinweg im Erbgut angesammelt haben, bleiben in den Zellen unverändert bestehen, sodass keine vollständige Rückversetzung stattfindet.

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Zudem betonen die Bonner Forscher, dass sämtliche Versuche ausschließlich in vitro im Labor durchgeführt wurden. Ein möglicher klinischer Einsatz liegt nach derzeitigem Kenntnisstand in einem Horizont von zehn Jahren oder darüber hinaus; ein anwendungsbereites Therapieverfahren ist daraus bislang nicht entstanden.

Die Forschungsarbeit entstand unter der Autorenschaft von Lea Jessica Berg, Julia Franzen, Andreas Buness, Rachel Konang, Chao Sheng, Michael Peitz, Andreas Till, Wolfgang Wagner und Oliver Brüstle. Gefördert wurde das Vorhaben durch das EU-Rahmenprogramm Horizon 2020, die Deutsche Forschungsgemeinschaft sowie das Bundesministerium für Forschung und Entwicklung.

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