Angespannte Ruhe im Iran â Sorge vor US-Angriffen wĂ€chst
15.01.2026 - 04:20:40Nach dem brutalen Vorgehen iranischer SicherheitskrĂ€fte gegen die Massenproteste wĂ€chst die Sorge vor einem militĂ€rischen Konflikt. Entwicklungen in der Region wie Warnungen diplomatischer Vertretungen, aber auch MaĂnahmen des US-MilitĂ€rs und Flugstreichungen lösten BefĂŒrchtungen aus, dass US-PrĂ€sident Donald Trump seine Drohungen gegen die politische FĂŒhrung in Teheran wahr machen könnte.
Die USA begannen auf dem MilitĂ€rstĂŒtzpunkt Al-Udeid am Rande der katarischen Hauptstadt Doha mit der Evakuierung Hunderter Soldaten, wie die US-Sender CBS und NBC News berichteten. Es handle sich um eine «VorsichtsmaĂnahme», hieĂ es. SpĂ€ter riet die US-Botschaft in Doha dazu, auf nicht notwendige Fahrten zu dem MilitĂ€rstĂŒtzpunkt zu verzichten.Â
Al-Udeid in Katar ist der gröĂte US-MilitĂ€rstĂŒtzpunkt im Nahen Osten, der bei einem möglichen Konflikt mit dem Iran wohl eine SchlĂŒsselrolle spielen wĂŒrde. Teherans StreitkrĂ€fte hatten ihn im vergangenen Jahr als Reaktion auf US-Angriffe gegen das iranische Atomprogramm mit Raketen beschossen.
Die US-Botschaft in Kuwait verbot allen nicht dringend notwendigen Mitarbeiter zeitweise, sich auf vier MilitĂ€rstĂŒtzpunkte in dem Land zu begeben. ZunĂ€chst unbestĂ€tigten Medienberichten zufolge sperrte der Iran ĂŒber Nacht seinen Luftraum. GroĂbritannien warnte seine StaatsbĂŒrger angesichts der angespannten Lage in der Region vor nicht notwendigen Reisen nach Israel.Â
Trump: Uns wurde gesagt, dass Tötungen im Iran aufhören
Trump hatte dem Iran zuvor fĂŒr den Fall, dass festgenommene Demonstranten hingerichtet werden, mit einer entschlossenen Reaktion gedroht. Am Mittwoch erklĂ€rte er, die USA hĂ€tten die Information erhalten, dass es im Iran keine PlĂ€ne fĂŒr Hinrichtungen gebe. «Uns wurde gesagt, dass die Tötungen im Iran aufhören», sagte der Republikaner im WeiĂen Haus. «Sie hören auf, und es gibt keinen Plan fĂŒr Hinrichtungen oder eine Hinrichtung.» Er hoffe, dass es stimme.Â
Irans AuĂenminister Abbas Araghtschi sagte spĂ€ter in einem Interview des US-Senders Fox News, es gebe ĂŒberhaupt keinen Plan fĂŒr Hinrichtungen.Â
Trumps ĂuĂerungen lieĂen einen unmittelbaren Angriff auf Ziele im Iran weniger wahrscheinlich erscheinen. Allerdings kamen auch die US-Angriffe auf das Atomprogramm im vergangenen Jahr sehr ĂŒberraschend - nur Stunden, nachdem Trump noch von Verhandlungen mit dem Iran gesprochen hatte.
Irans Justizminister stellt Demonstranten unter Generalverdacht
Derweil herrschte im Iran eine angespannte Ruhe. Damit rĂŒckten BefĂŒrchtungen vor Vergeltung und Strafen gegen Demonstranten in den Vordergrund. «Das war ĂŒberhaupt kein Protest mehr, sondern ein vollumfĂ€nglicher innerer Krieg», sagte Irans Justizminister Amin-Hussein Rahimi. Bereits in der vergangenen Woche hatte die Justiz «maximale HĂ€rte» angekĂŒndigt.
Ausgelöst wurde die aktuelle Protestwelle Ende Dezember durch eine schwere Wirtschaftskrise im Iran. Die Regierung zeigte sich zunĂ€chst kompromissbereit. Rasch entwickelten sich die Demonstrationen jedoch zu politischen Protesten gegen das autoritĂ€re Herrschaftssystem der Islamischen Republik.Â
Vergangenen Donnerstag und Freitag erlebte das Land dann die schwersten Massenproteste und Unruhen seit Jahren. Reza Pahlavi, der im Exil lebende Sohn des 1979 gestĂŒrzten Schahs, hatte zu Demonstrationen im ganzen Land aufgerufen.Â
Menschenrechtler dokumentieren staatliche Gewalt
Inzwischen sind die Proteste erst einmal deutlich zurĂŒckgegangen â wohl auch als Reaktion auf das brutale Vorgehen der Regierung und die Androhung drakonischer Strafen. Fraglich war, ob sie zum iranischen Wochenende, das am heutigen Donnerstagabend beginnt, wieder an Zulauf gewinnen wĂŒrden.Â
Offizielle Opferzahlen hat die Regierung bislang nicht veröffentlicht. AuĂenminister Araghtschi sprach gegenĂŒber Fox News von Hunderten Toten. Menschenrechtsorganisationen im Ausland dokumentieren trotz Internetsperren so gut wie möglich das AusmaĂ der Gewalt. Die Gruppe Iran Human Rights (IHRNGO) mit Sitz in Oslo bezifferte die Zahl der getöteten Demonstranten auf 3.428. Die tatsĂ€chliche Zahl könne deutlich höher liegen. UnabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen lassen sich die Angaben derzeit nicht.
Die Organisation verwies auĂerdem auf Berichte staatlicher Medien, denen zufolge mindestens 121 Polizisten und SicherheitskrĂ€fte bei den Unruhen ums Leben kamen. Der Staat mobilisierte fĂŒr sie am Mittwoch AnhĂ€nger zu groĂen TrauerzĂŒgen in der Hauptstadt Teheran.
Experte: ohne tragfÀhige Alternative kein Wandel
Vor dem Hintergrund der staatlichen Gewalt hat Trump dem Iran bereits mehrfach mit einem Eingreifen gedroht. Die USA könnten dabei neben Luftangriffen nach EinschĂ€tzung eines Experten auch Cyberattacken in Betracht ziehen. Denkbar seien aber auch gezielte Angriffe auf Offiziere oder paramilitĂ€rische Einheiten, heiĂt es in einer Analyse der Denkfabrik Chatham House. Eine frĂŒhere Iran-Expertin des US-AuĂenministeriums nannte als mögliche Schritte Cyberattacken, diplomatischen Druck und zusĂ€tzliche Sanktionen im Ălsektor â der Lebensader des iranischen Staats.
Zuspruch findet ein hĂ€rterer US-Kurs offenbar auch in Teilen der Protestbewegung und bei einigen Iranern im Exil in der Hoffnung, damit das Ende der FĂŒhrung des Landes herbeizufĂŒhren. Doch ob begrenzte US-Luftangriffe dies ĂŒberhaupt bewirken könnten, wird angezweifelt.
Auf die Frage, unter welchen Bedingungen ein politischer Umsturz möglich sei, sagte der politische Analyst Ali Vaez von der International Crisis Group der Deutschen Presse-Agentur: «FĂŒr einen erfolgreichen Regimewechsel braucht es Risse an der Spitze und eine tragfĂ€hige Alternative von unten. Keine dieser Bedingungen ist derzeit gegeben.»
Iran seit einer Woche vom Internet abgeschottet
Irans Sicherheitsapparat stellt die Massenproteste vor allem als auslĂ€ndische Einmischung dar. Seit gut einer Woche ist die Bevölkerung vom Internet abgeschnitten. Seit Dienstag können Iranerinnen und Iraner jedoch wieder ins Ausland telefonieren und dort Familien und Kontakte erreichen. RĂŒckrufe auf iranische Nummern sind derzeit nicht möglich. Das erschwert auch die Arbeit von Journalisten, die auf Informationen aus dem Land angewiesen sind.







