BetriebsrÀte setzen auf ProaktivitÀt im Kampf um ArbeitsplÀtze
24.01.2026 - 04:00:12Angesichts von Konjunkturflaute und tiefgreifendem Strukturwandel schärfen Betriebsräte und Gewerkschaften ihre Strategien. Sie setzen nicht mehr nur auf klassische Verhandlungen, sondern verstärkt auf präventive Sicherungsinstrumente und den Ausbau von Mitbestimmungsrechten. Aktuelle Konflikte der letzten Tage zeigen diesen neuen, proaktiveren Kurs.
Die Tarifverhandlungen in der Chemiebranche sind zum Symbol für die gespaltene Lage geworden. In regionalen Runden gab es zuletzt keine Einigung. Während die IGBCE explizit tarifliche Werkzeuge zur Beschäftigungssicherung fordert, verweisen die Arbeitgeber auf die schwierige Konjunktur und fordern eine „tarifpolitische Atempause“. Die Gewerkschaft drängt auf präventive Mechanismen für künftige Krisen, die Unternehmen fokussieren auf kurzfristige Kostenentlastung. Die nun für Anfang Februar anstehenden Verhandlungen auf Bundesebene gelten als richtungsweisend. Sie zeigen das zentrale Dilemma: Soll kurzfristige Entlastung oder langfristige Absicherung Priorität haben?
DGB fordert Aktionsplan gegen Tarifflucht
Über einzelne Branchen hinaus sehen Gewerkschaften in der Stärkung der Tarifbindung den fundamentalsten Hebel für gute Arbeit. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) betonte kürzlich in einer Stellungnahme, Tarifverträge seien das wirksamste Mittel für höhere Löhne und stabile Bedingungen. Er fordert von der Politik einen „längst überfälligen“ Aktionsplan gegen Tarifflucht. Für Betriebsräte ist ein starker Tarifvertrag die entscheidende Verhandlungsgrundlage. Er schafft einklagbare Regeln zu Arbeitszeit, Entgelt und – entscheidend – zu Instrumenten der Beschäftigungssicherung wie Kurzarbeit, Qualifizierung oder dem Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen. In nicht-tarifgebundenen Betrieben ist die Position der Interessenvertretung oft deutlich schwächer.
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Kampf um den Zugang: Gewerkschaften vor Ort
Eine effektive Krisenstrategie braucht Vertrauen und direkten Draht zur Belegschaft. Eine Grundvoraussetzung dafür ist der Zugang von Gewerkschaftsvertretern zum Betrieb. In der Praxis kommt es hier immer wieder zu Konflikten, wenn Arbeitgeber den Aktionsspielraum vor Ort einzuschränken versuchen. Gerade bei drohenden Restrukturierungen oder Sozialplanverhandlungen ist die Präsenz und Expertise der Gewerkschaft im Betrieb jedoch unerlässlich. Sie hilft dem Betriebsrat, die Belegschaft zu informieren, zu mobilisieren und eine starke Verhandlungsmacht aufzubauen. Der Kampf um dieses Zugangsrecht ist somit ein Kampf um die Handlungsfähigkeit der Mitbestimmung in der Krise.
Vom Reagieren zum Gestalten: Die neue Strategie
Die aktuellen Entwicklungen signalisieren einen strategischen Wandel. Statt nur auf angekündigte Stellenstreichungen zu reagieren, versuchen Interessenvertretungen zunehmend, die Rahmenbedingungen proaktiv zu gestalten. Dies zeigt sich in drei Bereichen: den Forderungen nach präventiven Sicherungsinstrumenten in der Chemie, dem politischen Druck für mehr Tarifbindung und der juristischen Absicherung fundamentaler Rechte wie dem Zutrittsrecht.
Parallel dazu werden auch klassische Mittel genutzt, um Forderungen Nachdruck zu verleihen. So hat ver.di für den 27. Januar zu einem Branchenstreiktag im Gesundheitswesen aufgerufen. Ziel ist es, durch bessere Arbeitsbedingungen die Berufe und Arbeitsplätze langfristig zu sichern. Die Bereitschaft, für diese Ziele auch den Konflikt zu suchen, wächst.
Entscheidende Monate: Wahlen und Verhandlungen
Die kommenden Monate werden den Kurs vorgeben. Die Bundesverhandlungen in der Chemieindustrie werden zeigen, ob innovative Beschäftigungssicherung durchsetzbar ist. Zeitgleich stehen im Frühjahr 2026 die Betriebsratswahlen an. Diese Wahlen sind ein entscheidender Moment für die Belegschaften, die Weichen für die nächsten vier Jahre zu stellen. Die gewählten Gremien werden die mammutaufgabe haben, die anstehenden Transformationen – von Digitalisierung bis Dekarbonisierung – im Sinne der Beschäftigten zu gestalten. Ihre Fähigkeit, wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, rechtliche Möglichkeiten auszuschöpfen und die Belegschaft zu mobilisieren, ist wichtiger denn je. Abwarten ist in dieser Lage keine Option.


