Studie, Aushöhlung

Studie warnt vor Aushöhlung der Mitbestimmung in Europa

20.04.2026 - 12:09:19 | boerse-global.de

Eine Studie warnt vor einem Abbau demokratischer Arbeitsplatzstandards durch EU-Wettbewerbspolitik. Die geplante S.EU.-Rechtsform könnte bestehende Schlupflöcher zur Umgehung der Mitbestimmung erweitern.

Studie warnt vor Aushöhlung der Mitbestimmung in Europa - Bild: ĂŒber boerse-global.de
Studie warnt vor Aushöhlung der Mitbestimmung in Europa - Bild: ĂŒber boerse-global.de

Die EU-Kommission setzt im Wettbewerbsstreben auf Deregulierung – und gefĂ€hrdet damit laut Gewerkschaftsforschern die wirtschaftliche StabilitĂ€t. Eine neue Studie des EuropĂ€ischen Gewerkschaftsinstituts (ETUI) zeigt einen alarmierenden Widerspruch auf: WĂ€hrend BrĂŒssel die globale WettbewerbsfĂ€higkeit vorantreibt, geraten demokratische Standards am Arbeitsplatz unter Druck. Die heute veröffentlichte Analyse warnt, dass der aktuelle Fokus auf BĂŒrokratieabbau die langfristige ProduktivitĂ€t untergraben könnte.

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Mitbestimmung als ProduktivitÀtstreiber

Unter dem Titel „Worker participation: the missing element on the road to competitiveness“ belegt die Studie einen klaren Zusammenhang. LĂ€nder mit starker Arbeitnehmerbeteiligung schneiden bei ProduktivitĂ€t und Innovation besser ab. Die Forscher Stan De Spiegelaere und Sigurt Vitols nutzten dafĂŒr den eigens entwickelten European Participation Index (EPI).

An der Spitze stehen die nordischen LÀnder wie Schweden und DÀnemark. Sie kombinieren hohe Mitbestimmung mit Spitzenwerten bei Forschungsinvestitionen. Die Schlusslichter, darunter die baltischen Staaten, zeigen hingegen geringere wirtschaftliche Resilienz. Die Autoren betonen: Stabile Lohnfindung durch Mitbestimmung half in den letzten Krisenjahren, die Inflation einzudÀmmen.

Doch dieser Erfolgsfaktor steht auf dem Spiel. Die EU-Kommission, inspiriert durch Berichte von Mario Draghi und Enrico Letta, priorisiert das Schneiden roter Bande. FĂŒr das ETUI ist das ein gefĂ€hrlicher Kurs. „Die strategische Bedeutung der industriellen Demokratie wird ĂŒbersehen“, so die Kritik.

Schlupfloch „Societas Europaea“

Ein zentrales Problem ist die Societas Europaea (SE), eine Rechtsform fĂŒr grenzĂŒberschreitende Unternehmen. Laut Untersuchungen der Hans-Böckler-Stiftung und des ETUI wird sie systematisch genutzt, um nationale Mitbestimmungsgesetze zu umgehen. Der Trick: der sogenannte „Freeze-Effekt“.

Die Mitbestimmungsrechte werden im GrĂŒndungsmoment der SE festgeschrieben. GrĂŒndet ein Konzern die SE mit einer Belegschaft unterhalb nationaler Schwellenwerte, bleiben diese geringen Rechte dauerhaft bestehen – selbst wenn das Unternehmen spĂ€ter auf Tausende Mitarbeiter wĂ€chst. In Deutschland nutzen zahlreiche Großunternehmen diesen Weg, um paritĂ€tisch besetzte AufsichtsrĂ€te zu vermeiden.

Besonders trickreich: die Praxis der „Shelf SEs“. Dabei werden leere UnternehmenshĂŒlsen ohne Mitarbeiter gegrĂŒndet und spĂ€ter aktiviert. Beginnt diese HĂŒlse dann mit Einstellungen oder Übernahmen, ist das Mitspracherecht fĂŒr kĂŒnftige Belegschaften bereits ausgeschlossen.

Die Gefahr des neuen „28. Regimes“

Die nĂ€chste Bedrohung lauert bereits in BrĂŒssel. Die Kommission plant eine neue, einheitliche Unternehmensrechtsform: die Societas Europaea Unificata (S.EU.). Sie soll als „28. Regime“ neben den 27 nationalen Gesellschaftsrechten existieren und Startups ein digitales, bĂŒrokratiearmes Umfeld bieten.

Doch Gewerkschaften schlagen Alarm. Zwar betont der Bericht des Rechtsausschusses des EU-Parlaments (JURI) vom Dezember 2025, dass nationale Arbeitsrechte nicht umgangen werden dĂŒrfen. Das ETUI bleibt skeptisch. Ohne klare Auslöser fĂŒr eine Neuverhandlung der Mitbestimmung beim Unternehmenswachstum, so die Warnung, könnten die Schlupflöcher der alten SE sogar ausgeweitet werden. Es drohe ein „Race to the Bottom“ bei Sozialstandards.

Deutscher Kontext: Modernisierung unter Merz

Die Debatte fÀllt in Deutschland in eine politisch sensible Phase. Seit der Wahl von Friedrich Merz zum Bundeskanzler im Mai 2025 setzt die Koalition aus CDU/CSU und SPD auf Digitalisierung und Verwaltungsreform. Der Koalitionsvertrag sieht zwar eine Modernisierung der Mitbestimmung vor, etwa durch die Legalisierung virtueller Betriebsratssitzungen.

Gewerkschaften sehen jedoch einen schleichenden Erosionsprozess. Ein Bericht der Hans-Böckler-Stiftung von 2024 dokumentiert, wie Unternehmen durch Rechtsformwechsel den Einfluss der Arbeitnehmervertreter gezielt reduzieren. Gleichzeitig ĂŒbernehmen BetriebsrĂ€te neue Aufgaben, etwa bei der Umsetzung der EU-Transparenzrichtlinie zur Entgeltgleichheit bis Juni 2026.

Diese neuen Pflichten kommen zu einer paradoxen Zeit: Der Anteil der BeschÀftigten in der Privatwirtschaft, die durch einen Betriebsrat vertreten sind, sinkt seit Jahren kontinuierlich.

Ausblick: Entscheidende Monate fĂŒr die Demokratie am Arbeitsplatz

Die Weichen fĂŒr die Zukunft der industriellen Demokratie werden in den kommenden Monaten gestellt. In Deutschland laufen zwischen MĂ€rz und Mai 2026 die Betriebsratswahlen. Sie werden zum Stresstest fĂŒr die Arbeitnehmervertretung im neuen digitalen Rechtsrahmen.

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Parallel steigt der gesetzliche Mindestlohn zum 1. Januar 2026 auf 13,90 Euro, 2027 sind 14,60 Euro geplant – was die Tarifverhandlungen zusĂ€tzlich verkompliziert.

Auf europĂ€ischer Ebene entscheidet sich, ob die endgĂŒltige S.EU.-Verordnung die geforderten Schutzklauseln enthĂ€lt. Der Konflikt zwischen dem „High Road“ der WettbewerbsfĂ€higkeit durch Investition in Menschen und dem „Low Road“ der Deregulierung wird den sozialen Dialog diesen FrĂŒhling dominieren. Die Frage ist: Betrachtet die Politik die Mitbestimmung als lĂ€stiges Hindernis oder als fundamentalen Treiber fĂŒr StabilitĂ€t und Innovation? Die Antwort wird ĂŒber die Zukunft des europĂ€ischen Sozialmodells entscheiden.

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