Fachleute, Deutschland

Warum Fachleute Deutschland nicht auf Klimakurs sehen

03.06.2024 - 15:46:07 | dpa.de

Deutschland sei beim Klimaziel fĂŒr das Jahr 2030 auf Kurs, hatte Minister Habeck im MĂ€rz stolz verkĂŒndet. Wichtige Berater der Bundesregierung widersprechen nun.

Der Expertenrat fĂŒr Klimafragen geht davon aus, dass Deutschland sein Klimaziel fĂŒr 2030 verfehlt. - Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Deutschland wird bis 2030 wohl mehr klimaschĂ€dliche Treibhausgase in die AtmosphĂ€re pusten als gesetzlich festgeschrieben - und damit sein Klimaziel verfehlen. Zu diesem Ergebnis kommt der Expertenrat fĂŒr Klimafragen, ein wissenschaftliches Beratergremium der Bundesregierung, in einem in Berlin vorgestellten Sondergutachten. Damit zeigen sich die Fachleute deutlich pessimistischer als Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck (GrĂŒne), der noch im MĂ€rz erklĂ€rt hatte, Deutschland sei auf Kurs. 

Hat Habeck getrickst?

Einen Widerspruch bei den Daten selbst gibt es nicht. Habeck hat die Vorausberechnungen des Umweltbundesamts (UBA) fĂŒr die kommenden Jahre nur rosiger bewertet als der Expertenrat. Und in der Tat macht Deutschland Fortschritte, unter anderem beim Ausbau der erneuerbaren Energien, den Habeck sich selbst auf die Fahnen schreibt. 

Die Mengen, die Deutschland laut Klimaschutzgesetz zwischen 2021 und 2030 an Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen ausstoßen dĂŒrfte, wĂŒrden nach jĂŒngsten Berechnungen um 47 Millionen Tonnen unterschritten - nach vorher 1100 Millionen Tonnen erwarteter Überschreitung. Vor allem auf diese Zahl stĂŒtzte sich Habecks Stolz. Der Vorsitzende des Expertenrats, Hans-Martin Henning, betont hingegen, wie mickrig dieser Puffer ist: «Das ist deutlich weniger als ein Prozent des Gesamtbudgets fĂŒr diesen Zeitraum.»

Warum ist der Expertenrat pessimistischer?

Das Gremium hat Berechnungen zur Wahrscheinlichkeit angestellt und geht auf dieser Grundlage nicht davon aus, dass es klappt mit dem Klimaziel fĂŒr 2030. DafĂŒr gebe es mehrere GrĂŒnde. So seien zum Beispiel die vorausberechneten Emissionen in den Bereichen Energie, GebĂ€ude und Verkehr unterschĂ€tzt worden und mit EinschrĂ€nkungen auch jene in der Industrie. Außerdem erinnern die Fachleute daran, dass das UBA nur Daten bis zum vergangenen Oktober einbezog. Doch seither wurde als Folge des Karlsruher Urteils zum Bundeshaushalt unter anderem der wichtige Energiewendetopf Klima- und Transformationsfonds zusammengestrichen. Außerdem sei man damals noch von höheren Preisen fĂŒr klimaschĂ€dliches Gas ausgegangen und von teureren Zertifikaten im europĂ€ischen Emissionshandel, so die Fachleute. Im Emissionshandel können Unternehmen mit Rechten zum Ausstoß von Treibhausgasen (Zertifikaten) handeln.

Ein Sprecher des Wirtschafts- und Klimaschutzministeriums argumentierte seinerseits, der Expertenrat habe einige aktuelle Entwicklungen nicht mehr berĂŒcksichtigt. Er nannte unter anderem das Paket zum Ausbau der Solarenergie oder PlĂ€ne, die dem klimafreundlicheren EnergietrĂ€ger Wasserstoff Schub verleihen sollen. Henning zeigte sich unbeeindruckt: Das Solarpaket habe der Expertenrat durchaus berĂŒcksichtigt. «Neben dem Solarpaket 1 sehen wir keine relevanten gesetzgeberischen Maßnahmen, die seit MĂ€rz beschlossen worden sind und unsere GrundeinschĂ€tzung verĂ€ndern wĂŒrden, dass das Klimaziel 2030 voraussichtlich nicht erreicht wird», sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Was ist mit der Zeit nach 2030?

Da mĂŒsste es nach den im Klimaschutzgesetz festgelegten Zielen eigentlich so richtig losgehen: Bis 2040 sollen es mindestens 88 Prozent sein und 2045 soll Deutschland klimaneutral sein - also nicht mehr Treibhausgase ausstoßen als auch wieder gebunden werden können. Damit sieht es jedoch schlecht aus. So geht der Expertenrat davon aus, dass das CO2-Budget zwischen 2031 und 2040 um etwa zehn Prozent ĂŒberschritten wird. Mit der angestrebten TreibhausgasneutralitĂ€t werde es wohl nicht einmal bis 2050 etwas, sagte die stellvertretende Vorsitzende des Expertenrats Brigitte Knopf.

Was Àndert diese EinschÀtzung des Expertenrats?

Rein formal gar nichts. Nach dem reformierten Klimaschutzgesetz muss die Bundesregierung zwar handeln, wenn eine Zielverfehlung droht - aber eben erst, wenn dies zwei Jahre in Folge festgestellt wird. Diese erste EinschÀtzung verpflichte die Bundesregierung «nicht zu weiterer klimapolitischer AktivitÀt», sagt auch der Rat.

Allerdings legen die Fachleute den Finger in die Wunde. Umweltorganisationen und andere Experten sehen sich bestĂ€tigt. Die Bundesregierung habe sich die Lage im FrĂŒhjahr schöngerechnet, meint Greenpeace. «Mit Blick auf die anstehenden Haushaltsverhandlungen bedeutet dies, dass die Ampel-Koalition Zukunftsinvestitionen im Klimabereich dringend absichern muss», sagte der Direktor der Denkfabrik Agora Energiewende Deutschland, Simon MĂŒller. Die GrĂŒnen-Bundestagsabgeordnete Lisa Badum betonte: «Unwetter töten im schlimmsten Fall, das haben wir dieses Wochenende gesehen.» Man wisse, dass Überschwemmungen, DĂŒrren, ErnteausfĂ€lle mit steigender Erderhitzung zunĂ€hmen. «Deswegen brauchen wir angesichts der aktuellen Hochwassernotlage die Bereitschaft, ĂŒber eine Ausnahme von der Schuldenbremse zu sprechen.»

Was sollte jetzt nach Ansicht des Expertenrats passieren?

Besser nicht abwarten bis zum zweiten Warnschuss, meint der Expertenrat. Insbesondere bei den Bereichen GebĂ€ude und Verkehr, wo Deutschland auch mit Blick auf die europĂ€ischen Klimaziele nicht auf Kurs ist, mĂŒsse etwas passieren. Außerdem gebe es Verbesserungsbedarf bei der Methodik fĂŒr die Klimaziel-Vorausberechnungen.

Ein Sprecher des FDP-gefĂŒhrten Bundesverkehrsministeriums betonte: «Wir sind ja schon dran an dem Thema Klimaschutz im Verkehr.» Das sei aber nicht so einfach, da viele Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor unterwegs seien. Er und eine Sprecherin des SPD-gefĂŒhrten Bauministeriums sagten, nach der Reform des Klimaschutzgesetzes komme es nun stĂ€rker darauf an, dass Deutschland seine Klimaziele insgesamt schaffe und nicht mehr nur jeder einzelne Bereich. Ein Sprecher des Klimaschutzministeriums betonte hingegen, auch mit der Reform bleibe jedes Ministerium in Verantwortung. 

Man sehe bei einer Zielverfehlung «KlĂ€rungsbedarf, wer in der Bundesregierung die FederfĂŒhrung innehat», sagte Henning vom Expertenrat. Der Rat empfiehlt der Bundesregierung, Details nun rasch in Verordnungen festzulegen. 

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