Verfassungsschutz: Terrorgefahr ist «deutlich angestiegen»
Veröffentlicht am: 29.11.2023 um 13:28 Uhr | dpa.deDer terroristische Angriff der Hamas in Israel und die israelische Offensive im Gazastreifen haben die Terrorgefahr in Deutschland nach EinschĂ€tzung des Verfassungsschutzes erheblich erhöht. Die gröĂte Gefahr geht seiner Analyse zufolge hierzulande allerdings nicht von AnhĂ€ngern der Hamas oder der pro-iranischen Hisbollah aus, die sich mit öffentlichen ĂuĂerungen zurĂŒckhalten.
Vielmehr gelingt es anscheinend Terrorgruppen wie Al-Kaida oder dem Islamischen Staat (IS) wieder vermehrt, vorwiegend junge Menschen anzustacheln, indem sie die Opfer israelischer Bombardierung im Gazastreifen und die humanitĂ€re Notlage in dem palĂ€stinensischen Gebiet als Teil einer vermeintlich anti-muslimischen westlichen Strategie darstellen. Erst am Dienstag nahm die Polizei in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg zwei Jugendliche fest, die sich nach Angaben aus Sicherheitskreisen zu möglichen AnschlagsplĂ€nen ausgetauscht und dafĂŒr auch schon ein Ziel ausgewĂ€hlt haben sollen.
Zunahme der politisch motivierten Straftaten
Den Inlandsgeheimdienst trifft diese Entwicklung in einer Zeit, in der die Behörde nach eigenem Bekunden auch auf anderen Gebieten schon stark gefordert ist. Die Zahl der politisch motivierten Straftaten hatte im vergangenen Jahr zum vierten Mal in Folge zugenommen und damit einen neuen Rekord erreicht.
Razzien und Festnahmen im Milieu der sogenannten ReichsbĂŒrger sowie Durchsuchungen bei gewaltbereiten Rechtsextremisten sind nur zwei Beispiele dafĂŒr, was die VerfassungsschĂŒtzer und die Staatsschutz-Abteilungen der Polizei zur Zeit sonst noch beschĂ€ftigt.
«Wir sind aktuell durch parallele Krisen mit einer komplexen und angespannten Bedrohungslage konfrontiert, die durch die barbarischen Verbrechen der Hamas noch verstĂ€rkt wird», sagt der PrĂ€sident des Bundesamtes fĂŒr Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang.
Haldenwang: «Gefahr so hoch wie seit langem nicht mehr»
«Das Gefahrenpotenzial fĂŒr mögliche TerroranschlĂ€ge gegen jĂŒdische und israelische Personen und Einrichtungen sowie gegen "den Westen" insgesamt ist in der Folge deutlich angestiegen», heiĂt es in einer aktuellen EinschĂ€tzung des Bundesamtes fĂŒr Verfassungsschutz. Unter Dschihadisten beobachtet der Inlandsnachrichtendienst nach eigenen Angaben Aufrufe zu Attentaten und ein «Andocken» der Terrorgruppen Al-Kaida und IS an den Nahost-Konflikt.
Haldenwang sieht hier unter anderem das Risiko einer Radikalisierung von allein handelnden TÀtern, die sogenannte weiche Ziele mit einfachen Tatmitteln angreifen. Er betont: «Die Gefahr ist real und so hoch wie seit langem nicht mehr.»
Ăber das dschihadistische Spektrum hinaus sei zudem eine gestiegene Polemik zu beobachten, die die Muslime und die PalĂ€stinenser als Opfer des Westens darstellt und in Teilen deutlich antisemitische BeitrĂ€ge beinhaltet, analysiert der Verfassungsschutz.
AnhĂ€nger der palĂ€stinensischen Hamas und der libanesischen Hisbollah hielten sich zurĂŒck und tauchten auch bei propalĂ€stinensischen Demonstrationen nicht als Gruppe auf, «da sie sich einem deutlichen staatlichen Verfolgungsdruck ausgesetzt sehen». FĂŒr beide Gruppierungen gilt in Deutschland ein BetĂ€tigungsverbot.
«Scharfmacher und Mobilisierungstreiber»
Als «Scharfmacher und Mobilisierungstreiber» in der aktuellen Lage sieht der Verfassungsschutz neben Islamisten auch palĂ€stinensische Extremisten, tĂŒrkische Rechtsextremisten sowie deutsche und tĂŒrkische Linksextremisten. Die Mehrheit der Teilnehmer propalĂ€stinensischer Demonstrationen seien zwar keine Extremisten.
Es gelinge Extremisten aber immer wieder, bei solchen Veranstaltungen Hassbotschaften zu verbreiten und fĂŒr eine Eskalation zu sorgen. Deutsche Rechtsextremisten nutzten die Situation ihrerseits zur Agitation gegen Muslime und Migranten. Unter deutschen Linksextremisten wĂŒrden teils proisraelische, teils propalĂ€stinensische Positionen vertreten.
«VerschĂ€rft wird die Situation durch auslĂ€ndische staatliche Akteure, die diese Stimmungslage fĂŒr sich ausnutzen oder gar zu verstĂ€rken suchen», sagt Haldenwang. Konkrete Staaten nennt er nicht. Es geht hier wohl in erster Linie um Propaganda und um eine VerstĂ€rkung von Stimmungen, die fĂŒr Unruhe in der Gesellschaft sorgen.
Was hat Russland damit zu tun?
In Frankreich werfen Ermittler Russland vor, hinter dem massenhaften BesprĂŒhen von Pariser GebĂ€uden mit Davidsternen im Oktober zu stecken. Ein nach der SprĂŒhaktion in Paris und Umlandgemeinden festgenommenes Paar aus Moldau hatte nach Angaben der Pariser Staatsanwaltschaft angegeben, die Davidsterne im Auftrag einer dritten Person gegen Geld auf die WĂ€nde gesprĂŒht zu haben.
Auf ihrem Telefon stieĂen die Fahnder auf einen Austausch in russischer Sprache. Die beiden Festgenommenen wurden in Abschiebehaft genommen. Ein weiteres an der SprĂŒhaktion nach Angaben der Staatsanwaltschaft ebenfalls beteiligtes Paar reiste tags darauf aus Frankreich aus. Ein bislang nicht ermittelter Mann soll nach den Bildern einer Ăberwachungskamera bei der SprĂŒhaktion Fotos gemacht haben.
