Geruch des Todes breitet sich nach Beben in Venezuela aus
29.06.2026 - 04:00:09 | dpa.deNach den Erdbeben in Venezuela breitet sich im Katastrophengebiet La Guaira der Geruch verwesender Leichen aus. «Der Geruch ist ein Anzeichen dafĂŒr, dass noch Leichen unter den TrĂŒmmern liegen», schrieb am Wochenende die Menschenrechtsorganisation Provea auf der Plattform X. Offiziell liegt die Zahl der Todesopfer bislang bei 1.450, wie der PrĂ€sident der Nationalversammlung, Jorge RodrĂguez, mitteilte. Rund 3.200 Menschen sind demnach verletzt worden.Â
Die Rettungsarbeiten in dem sĂŒdamerikanischen Land sind am Montag an ihrem fĂŒnften Tag. Zehntausende Menschen werden noch vermisst. Rund 30.000 venezolanische EinsatzkrĂ€fte sowie 2.700 Rettungsexperten aus 24 LĂ€ndern sind im Einsatz. Auch ein Team des Technischen Hilfswerks (THW) ist dabei.Â
«Heute haben wir Ăberlebende geborgen, daher werden die Rettungsarbeiten nicht eingestellt», sagte die geschĂ€ftsfĂŒhrende PrĂ€sidentin Delcy RodrĂguez am Sonntag. Laut Experten sinken die Ăberlebenschancen der VerschĂŒtteten nach 72 Stunden â also drei Tagen â stark. Nach 86 Stunden bargen internationale Teams allerdings eine SechzigjĂ€hrige in Caraballeda in La Guaira, wie der PrĂ€sident von El Salvador, Nayib Bukele, auf X mitteilte.Â
Regierung ĂŒberprĂŒft, ob GebĂ€ude bewohnbar sind
Nach der jĂŒngsten Schadensbilanz wurden rund 780 WohnhĂ€user sowie 38 KrankenhĂ€user zerstört oder schwer beschĂ€digt. Auch Einkaufszentren und andere öffentliche GebĂ€ude sind demnach eingestĂŒrzt â insgesamt rund 2.500 WohngebĂ€ude und andere Einrichtungen. Nach den Beben der StĂ€rke 7,2 und 7,5 am frĂŒhen Mittwochabend (Ortszeit) wurden mindestens 430 Nachbeben verzeichnet.
Mehr als 70.000 Familien sind nach der Katastrophe auf humanitĂ€re Hilfe angewiesen. Zahlreiche Menschen schlafen im Freien oder in NotunterkĂŒnften. Die PrĂ€sidentschaft hat eine Sonderkommission eingerichtet, um das MaĂ der SchĂ€den und die Bewohnbarkeit der GebĂ€ude zu ĂŒberprĂŒfen, wie RodrĂguez ankĂŒndigte.
Verzweifelte Suche der AngehörigenÂ
Laut einer inoffiziellen Plattform fĂŒr die Suche nach Vermissten gelten derzeit mehr als 47.000 Menschen als vermisst â nachdem fast 79.000 Vermisstenmeldungen eingegangen waren. Die Angaben lassen sich allerdings nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen. Menschen suchen auch nach den Namen ihrer Angehörigen auf Listen von Ăberlebenden, die sich etwa in NotunterkĂŒnften befinden.Â
Kritik an PrĂ€sidentin â und RĂŒckkehrwunsch von OppositionsfĂŒhrerin
Venezuela befand sich vor den Erdbeben ohnehin schon in einer schwierigen Lage. Seit Jahren leidet das Land unter politischen Spannungen, wirtschaftlichen Problemen und einer der gröĂten Migrationskrisen der Welt. Im Januar fĂŒhrte Washington einen MilitĂ€reinsatz im Land durch, bei dem der autoritĂ€re Machthaber NicolĂĄs Maduro gefangen genommen wurde. Die derzeitige Staatschefin war VizeprĂ€sidentin in der Maduro-Regierung.
In den vergangenen Tagen wurde Kritik an der geschĂ€ftsfĂŒhrenden PrĂ€sidentin laut. Nachdem sie am Freitag bei einem Rundgang in der Hauptstadt Caracas ausgebuht worden war, wurde sie am Sonntag in sozialen Netzwerken wegen eines protokollarischen Treffens mit internationalen Rettungsteams kritisiert. «Jede Sekunde zĂ€hlt. Jede Sekunde. Dennoch hĂ€lt die Regierung von Delcy RodrĂguez die RettungskrĂ€fte fĂŒr eine politische Handlung von ihrer Arbeit ab», schrieb der regierungskritische Journalist Orlando Avendaño auf X.
Unterdessen kĂŒndigte die Oppositionspolitikerin MarĂa Corina Machado an, dass sie angesichts der Erdbeben in ihre Heimat zurĂŒckkehren möchte. «Auf jeden Fall, die Zeit ist gekommen», sagte sie dem US-Sender Fox News.Â
Laut einem Bericht der «New York Times» hĂ€lt die US-Regierung allerdings einen solchen zeitnahen Schritt fĂŒr unangebracht. Im vergangenen Dezember war die bis dahin im Untergrund lebende Politikerin heimlich aus Venezuela ausgereist, um den Friedensnobelpreis in Oslo persönlich entgegenzunehmen. Kurz darauf, als sie bereits im Ausland war, wurde Machthaber Maduro gefangen genommen. Nun arbeitet Washington mit der geschĂ€ftsfĂŒhrenden PrĂ€sidentin Delcy RodrĂguez eng zusammen.
