Studie entschlĂŒsselt Zugang zu Berliner Techno-Clubs
29.03.2025 - 05:55:38«Heute Abend nicht, sorry» - die Entscheidung, ob jemand in einen Club reinkommt oder nicht, fĂ€llen TĂŒrsteherinnen und TĂŒrsteher oft innerhalb von Sekunden. Ein internationales Forschungsteam hat sich mit den Mechanismen der Auswahlprozesse auseinandergesetzt und herausgefunden, welche Prozesse dahinter liegen.Â
Dazu fĂŒhrten die Forscher 38 Interviews mit Berliner Selekteurinnen und Selekteuren, Clubbesitzern, Veranstaltern, DJs, SicherheitskrĂ€ften sowie bei einem der Techno-Clubs auch mit GĂ€sten. Als Selekteurinnen und Selekteure bezeichnen die Forscher die TĂŒrsteher, die auswĂ€hlen, wer in den Club reinkommt, und wer nicht. AuĂerdem beobachteten sie eine Nacht lang einen Selektionsprozess mit etwa 500 Entscheidungen an der TĂŒr eines renommierten Clubs. Dazu sichteten sie Presse- und Archivmaterial und Dokumentationen zum Thema.Â
Im Vorfeld schon Selbstselektion
Die Entscheidung ĂŒber den Einlass beginnt schon vor dem Abend dadurch, wie die Clubs sich positionieren, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Michael Kleinaltenkamp von der Freien UniversitĂ€t Berlin im GesprĂ€ch mit der dpa. Er erforschte die Frage nach dem Einlass gemeinsam mit Kollegen vom King's College London und der University of Bath sowie der Karlstad University in Schweden. Sie sagen: Schon im Vorfeld finde eine Art Selbstselektion statt.Â
Grundlage dessen sei, wie die Clubs durch die Auswahl der Musik oder auch durch eine politische Haltung versuchen, eine bestimmte Kundschaft anzusprechen. «Jeder Club hat seine eigene Positionierung und Ausrichtung.» Man könne dann davon ausgehen, dass nur die ClubgĂ€nger sich abends in die Schlange stellen, die wirklich Interesse haben und die sich einbringen wollen.Â
NatĂŒrlich seien das Ambiente des Clubs, die Musikanlage, die Bar und die RĂ€umlichkeiten wichtig. Die AtmosphĂ€re aber werde durch die GĂ€ste geschaffen. «Wenn man eine gewisse AtmosphĂ€re schaffen will, ist man darauf angewiesen, dass man die richtigen Leute hat, mit denen man diese AtmosphĂ€re schafft.»Â
Positiv zur AtmosphÀre beitragen
GĂ€ste mĂŒssen den Forschern zufolge signalisieren, dass sie reinwollen, und gleichzeitig an dem Abend etwas zur AtmosphĂ€re beitragen können. «Die Clubs haben letztlich als wichtigsten Grund fĂŒr das Reinlassen immer: TrĂ€gt der Mensch, der da jetzt reinkommt, zur AtmosphĂ€re etwas bei, und zwar positiv. Das ist das Grundkriterium.»Â
Im zweiten Schritt sei es wichtig, ein soziales Kapital mitzubringen: «also dass man sozusagen diese Szene kennt, dass man diese Musik kennt, dass man bestimmte Codes kennt, wie man sich verhĂ€lt». Auch dazu wĂŒrden Fragen gestellt. Oft sei die Frage, welcher DJ an dem Abend spiele, manchmal wĂŒrde aber auch danach gefragt, was man vorher gemacht habe oder noch so vor habe. «Es geht darum, seine Zugehörigkeit zu beweisen.» Dabei komme es weniger darauf an, die Fragen richtig zu beantworten, sondern viel mehr darum zu gucken, wie die Person reagiert.Â
«Und dann muss man immer noch so ein bisschen was Besonderes mitbringen», sagt Kleinaltenkamp. Man mĂŒsse sich als potenzieller Clubgast also einfĂŒgen und gleichzeitig herausstechen. Und das hĂ€nge sehr von der AtmosphĂ€re in der jeweiligen Nacht ab. «Das ist am Anfang natĂŒrlich anders als spĂ€ter und das wird auch durchaus von den Leuten beobachtet.»Â
Die TĂŒrsteherinnen und TĂŒrsteher gehen demnach regelmĂ€Ăig durch den Club, gucken wie die Stimmung ist und verĂ€ndern ihre Entscheidungskriterien entsprechend. Dabei gehe es auch ums Geschlecht, also mehr Frauen oder mehr MĂ€nner, aber auch die sexuelle Orientierung, die Hautfarbe, manchmal auch die Energie, erklĂ€rt Kleinaltenkamp. «Das ist auch ein Grund dafĂŒr, warum man nicht immer reinkommt.»
Exklusion wichtiger Bestandteil
Ein weiteres Kriterium sei die Schaffung sicherer RĂ€ume fĂŒr marginalisierte Gruppen. Die Leute, die diese Szene prĂ€gen, betrachten sich in vielen FĂ€llen durchaus als marginalisiert, sie seien auf der Suche nach einem sicheren Platz, an dem sie sich ausleben können, sagt Kleinaltenkamp. «Und das kriegt man ja nur hin, wenn man nur Leute drin hat, die eben dieselbe Haltung haben.» Daher sei Exklusion ein wichtiger Bestandteil des Auswahlprozesses und treffe hĂ€ufig diejenigen, die eher nicht-marginalisierte Gruppen angehören.Â
Bei einer Ablehnung haben die genannten GrĂŒnde teils nicht unbedingt etwas mit den wahren GrĂŒnden zu tun. «"Du bringst heute nicht die richtige Energie mit" wird beispielsweise eher nicht explizit gesagt», sagt Kleinaltenkamp. Stattdessen hören Abgewiesene eher ein «Du passt hier heute nicht rein», oder «Der andere Club da drĂŒben passt heute vielleicht besser» - wenn ĂŒberhaupt.
So ganz in die Karten schauen lieĂen sich viele Clubs aber nicht, auch weil die Mystifizierung dem Bild der Clubs dient. Dazu trage beispielsweise auch bei, dass oft keine Fotos gemacht werden dĂŒrfen.





