Berlin, Deutschland

Platzmangel in MĂ€nnerschutzhĂ€usern – Bedarf steigt deutlich

28.10.2025 - 15:02:59

Vor allem Frauen werden Opfer hÀuslicher Gewalt. Doch auch immer mehr MÀnner suchen Schutz und treffen auf einen Mangel an Angeboten. Was Betroffene erleben und warum Experten mehr Hilfe fordern.

  •  Laut dem Lagebild zur hĂ€uslichen Gewalt des Bundeskriminalamts (BKA) waren vergangenes Jahr rund 70 Prozent der Betroffenen weiblich und gut 30 Prozent mĂ€nnlich. - Foto: Andreas Arnold/dpa

    Andreas Arnold/dpa

  • Viele betroffene MĂ€nner verharmlosen ihre Gewalterfahrung, sagt Tobias Schiefer. - Foto: Michael Ukas/dpa

    Michael Ukas/dpa

 Laut dem Lagebild zur hÀuslichen Gewalt des Bundeskriminalamts (BKA) waren vergangenes Jahr rund 70 Prozent der Betroffenen weiblich und gut 30 Prozent mÀnnlich. - Foto: Andreas Arnold/dpaViele betroffene MÀnner verharmlosen ihre Gewalterfahrung, sagt Tobias Schiefer. - Foto: Michael Ukas/dpa

Aufgrund von stereotypen Rollenbildern mag seine Geschichte viele Menschen ĂŒberraschen, sagt RenĂ© Pickhardt. Denn Pickhardt hat eigenen Angaben zufolge emotionale, körperliche und sexualisierte Gewalt von einer Frau erfahren, seiner Ex-Partnerin. Das war vor etwa zehn Jahren. «Die Folgen der Gewalt waren fĂŒr mein Leben natĂŒrlich gravierend», sagt der 40-JĂ€hrige, der heute fĂŒr die Bundesfach- und Koordinierungsstelle MĂ€nnergewaltschutz (BFKM) von seinen Erfahrungen berichtet, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Staatlich finanzierte Gewaltschutzeinrichtungen gab es damals noch nicht. «Dadurch habe ich mich im Stich gelassen gefĂŒhlt und war auch sehr verzweifelt.»

Der Fall Pickhardt steht beispielhaft fĂŒr ein Thema, das aus Sicht des Vereins lange ĂŒbersehen wurde: mĂ€nnliche Betroffene von hĂ€uslicher Gewalt. WĂ€hrend der Mathematiker damals kaum Anlaufstellen fand, wĂ€chst inzwischen das Netz an Hilfsangeboten. Aktuell gibt es in Deutschland 17 staatlich finanzierte Gewaltschutzeinrichtungen fĂŒr MĂ€nner. Immer mehr MĂ€nner suchen dort nach Hilfe, wie die Nutzungsstatistik fĂŒr MĂ€nnerschutzeinrichtungen fĂŒr das Jahr 2024 zeigt, die die BFKM in Berlin vorgestellt hat. 

Deutlich mehr MĂ€nner suchen sich Hilfe

751 MÀnner haben sich demnach im Jahr 2024 bei einer solchen Einrichtung gemeldet. Das sind rund 41 Prozent mehr als im Jahr 2023 mit 533 Hilfesuchenden. Vor allem Frauen seien von hÀuslicher Gewalt betroffen, sagt BFKM-Sprecherin Annalena Schmidt, aber eben auch ein «nicht zu unterschÀtzender Teil mÀnnlicher Personen.» Laut dem Lagebild zur hÀuslichen Gewalt des Bundeskriminalamts (BKA) waren vergangenes Jahr rund 70 Prozent der Betroffenen weiblich und gut 30 Prozent mÀnnlich. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus - bei allen Betroffenengruppen.

Von den 751 Hilfesuchenden fanden nach Angaben der Bundesfach- und Koordinierungsstelle MĂ€nnergewaltschutz 126 MĂ€nner Schutz in einer Einrichtung. 256 Schutzsuchende mussten wegen Platzmangels abgelehnt werden. 134 nutzten ausschließlich das Beratungsangebot. Die ĂŒbrigen MĂ€nner konnten oder wollten nach der ersten Kontaktaufnahme keine weiteren Angebote in Anspruch nehmen.

Großteil berichtet von psychischer Gewalt

In den Einrichtungen ging es den Angaben nach in sieben von zehn FĂ€llen um Partnerschaftsgewalt. Rund ein Viertel der Bewohner hat Gewalt innerhalb der Familie erfahren. In rund sechs Prozent der FĂ€lle ging es um Gewalt ausgehend vom sogenannten weiteren sozialen Nahraum, also etwa durch Mitbewohner, Nachbarn oder Freunde. In zwei Drittel aller FĂ€lle wurde die Gewalt demnach von Frauen ausgeĂŒbt. Der jĂŒngste Bewohner der Schutzeinrichtungen war 18 Jahre alt, der Ă€lteste 82.

Die Mehrheit der 126 MĂ€nner gab an, mehr als eine Gewaltform erlebt zu haben. Ein Großteil (rund 88 Prozent) hat eigenen Angaben zufolge psychische Gewalt erlebt. Rund 71 Prozent berichten von körperlicher Gewalt, etwa acht Prozent von sexualisierter Gewalt. 

SchwÀchen passen nicht zu stereotypen Rollenbildern

Viele MĂ€nner, die hĂ€usliche Gewalt erfahren, spielten die Situation herunter, sagt Krisenberater Tobias Schiefer vom SKM Bundesverband. Sie hĂ€tten stereotype Rollenbilder im Kopf, etwa dass ein Mann stark sein mĂŒsse und keine SchwĂ€che zeigen dĂŒrfe. Schiefer erlĂ€utert: «Es ist schwierig zu sagen, ich bin Betroffener von Gewalt. Das bedarf Mut, egal welches Geschlecht.»

In die Statistik flossen die Daten von 14 Einrichtungen mit insgesamt 48 PlĂ€tzen ein. Insgesamt gab es im Jahr 2024 deutschlandweit zwölf Einrichtungen mit 44 PlĂ€tzen speziell fĂŒr MĂ€nner und drei geschlechtsunabhĂ€ngige Einrichtungen mit fĂŒnf PlĂ€tzen. Zum Teil können Kinder mitgebracht werden. Sie liegen in Sachsen, Bayern, Baden-WĂŒrttemberg, Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen, vor allem in GroßstĂ€dten. Dieses Jahr sind zwei neue Einrichtungen in Hamburg und Hannover hinzugekommen. Sie liegen in Hamburg und Hannover. 

«MÀnner brauchen mehr Anlaufstellen in Deutschland»

Das Angebot reiche nicht, sagt BFKM-Sprecherin Schmidt. «MĂ€nner brauchen mehr Anlaufstellen in Deutschland», fordert sie. Jeder Mensch dĂŒrfe und sollte sich Hilfe suchen können und verdiene Schutz.

Der Bundesrat hat Anfang des Jahres dem Gewalthilfegesetz zugestimmt, das Frauen und ihren Kindern einen Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung gewĂ€hrt. LĂ€nder werden damit kĂŒnftig dazu verpflichtet, ausreichend Schutz- und Beratungsangebote zu schaffen - bislang nur fĂŒr Frauen. 

Pickhardt und die BFKM kritisieren das. «Wir dĂŒrfen die MĂ€nner nicht vergessen», sagt Pickhardt. «Ich weiß, dass ich kein Einzelfall bin und deswegen ist es so wichtig, dass es flĂ€chendeckende Hilfsangebote und Opferschutz fĂŒr alle Betroffenen, unabhĂ€ngig von ihrem Geschlecht, gibt», sagt der 40-JĂ€hrige. Gemeinsam mit der BFKM fordert er, dass das Gesetz geschlechtsneutral formuliert wird.

Einen kleinen Erfolg hat Pickhardt durch sein Engagement bereits erzielt. Auf sein Wirken hin hat die Polizei Rheinland-Pfalz vor einigen Jahren einen Hinweis fĂŒr Gewaltbetroffene auf ihrer Website angepasst. Aus «TĂ€ter» wurde «die Gewalt ausĂŒbende Person». Und anstatt nur auf FrauenhĂ€user weist die Polizei seitdem auch auf Gewaltschutzeinrichtungen fĂŒr MĂ€nner hin.

@ dpa.de

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