Reform gegen ĂŒberfĂŒllte KnĂ€ste? Englands Justiz in der Krise
16.10.2023 - 08:02:00557 PlÀtze sind noch frei. Oder anders gesagt: Die 120 GefÀngnisse in England und Wales sind am Anschlag. Es sei «unvermeidbar», dass es in allernÀchster Zeit nicht mehr ausreichend Zellen geben werde, teilte die Vereinigung der GefÀngnisdirektoren (Prison Governors Association) der Zeitung «Independent» mit. Und die «Times» berichtete, Gerichte seien angewiesen worden, absehbare Verurteilungen doch bitte möglichst aufzuschieben.
Derzeit sitzen 88.225 Menschen in England und Wales in Haft - bei einer KapazitĂ€t von 88.782 PlĂ€tzen. Das sind so viele wie nie. Laut der Website «World Prison Brief» gibt es 146 HĂ€ftlinge je 100.000 Einwohnern. Zum Vergleich: Ende 2022 saĂen in Deutschland 67 Menschen je 100.000 Einwohnern in Haft. Und in England dĂŒrften es absehbar noch mehr werden. Die Regierung selbst schĂ€tzt, dass im MĂ€rz 2027 bis zu 106.300 Menschen eingesperrt sein könnten.
Mehr und lÀngere Haftstrafen
Die steigenden Zahlen in GroĂbritannien sind Folge einer harten «law and order»-Politik der konservativen Regierung, wie Experten betonen. Sicherheits-StaatssekretĂ€r Tom Tugendhat sprach von einer «Welle von Strafverfolgungen». Nicht nur werden mehr Menschen zu Haftstrafen verurteilt, sie erhalten auch lĂ€ngere Haftstrafen. Bereits vor Monaten warnte Nick Hardwick von der Londoner Uni Royal Holloway: «Die WasserhĂ€hne sind voll aufgedreht und der Abfluss verstopft.»
Justizminister Alex Chalk steht nun vor der schwierigen Aufgabe, konservative Vorstellungen einer strafenden Justiz aufrechtzuerhalten und gleichzeitig die GefĂ€ngnisse zu entlasten. Dabei stehen rund 65.000 Verfahren aus. Im Juni warteten 15.000 Angeklagte in Untersuchungshaft auf ihren Prozess, 2019 waren es noch 9500. Der RĂŒckstau stammt gröĂtenteils noch aus der Pandemie, ein Anwaltsstreik lieĂ die Zahlen zusĂ€tzlich in die Höhe schnellen.
Keine Milde fĂŒr Vergewaltiger
Berichten, auch Urteile gegen Vergewaltiger könnten wegen der ĂberfĂŒllung auf die lange Bank geschoben werden, schob Minister Chalk einen Riegel vor. Er werde sicherstellen, dass solche TĂ€ter ihre gesamte Strafe hinter Gittern verbringen. «Eine Verurteilung zu 15 Jahren Haft wird auch 15 Jahre im GefĂ€ngnis bedeuten», betonte Chalk.
Klingt erst einmal nach noch mehr Druck auf die GefĂ€ngnisse. Doch Chalk kĂŒndigte auch deutlich Entlastungen an. Dazu legt er dem Parlament am Montag eine ganze Reihe von Initiativen vor, die schon in kurzer Zeit gesetzlich verankert werden könnten.
So soll etwa die Sonderregel, dass verurteilte AuslĂ€nder frĂŒhzeitig entlassen werden können und von der auch der deutsche Ex-Tennis-Star Boris Becker nach seiner Verurteilung zu zweieinhalb Jahren Haft profitiert hatte, ausgeweitet werden. «AuslĂ€ndische Kriminelle mĂŒssen bestraft werden, aber es kann nicht sein, dass einige im GefĂ€ngnis sitzen und den Steuerzahler 47.000 Pfund im Jahr kosten, anstatt abgeschoben zu werden», sagte Chalk. Derzeit sitzen etwa 10.500 AuslĂ€nder in englischen und walisischen GefĂ€ngnissen.
Sozialarbeit fĂŒr Kleinkriminelle
Weitere Ideen: HaftplĂ€tze könnten im Ausland angemietet werden. Kleinkriminelle sollen statt zu Haft zu Sozialarbeit verurteilt werden - in Gemeinden aufrĂ€umen oder Graffiti entfernen. Die RĂŒckfĂ€lligkeit bei denen, die weniger als ein Jahr im GefĂ€ngnis verbringen, liege bei mehr als 50 Prozent, schrieb Chalk in einem Gastbeitrag fĂŒr den «Telegraph».
«Zu hĂ€ufig kehren StraftĂ€ter routinemĂ€Ăig wieder zur KriminalitĂ€t zurĂŒck, sobald sie das GefĂ€ngnistor verlassen.» Die kurze Spanne reiche nicht, um sie zu rehabilitieren, entfremde sie aber von Familie und Arbeit. Da klingt der Justizminister, dessen Konservative Partei immer stĂ€rker nach rechts rĂŒckt, ĂŒberraschend liberal.


