Heizungsgesetz: Kabinett kippt 65-Prozent-Pflicht fĂĽr Erneuerbare
14.05.2026 - 06:35:20 | boerse-global.deDas Kabinett verabschiedete am Mittwoch das „Gebäudemodernisierungsgesetz" (GModG), das das hochumstrittene Gebäudeenergiegesetz (GEG) der Vorgängerregierung ablöst. Die Ampelkoalition verspricht mehr Technologieoffenheit und weniger Bürokratie für Hausbesitzer. Doch Handwerksverbände und Klimaexperten schlagen Alarm: Die neuen Regeln seien praxisfern, schafften neue Hürden und gefährdeten die deutschen Klimaziele.
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Das Ende der 65-Prozent-Vorgabe
Der Kern der Reform: Die Pflicht, dass neue Heizungen zu mindestens 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden müssen, ist Geschichte. Diese Regelung, noch ein Eckpfeiler der Heizungswende von 2024, wurde komplett gestrichen. Unter dem neuen GModG bleibt der Einbau von Öl- und Gasheizungen auf unbestimmte Zeit erlaubt. Die Regierung betont, dies gebe Hausbesitzern mehr Flexibilität und stoppe den Zwangstausch funktionierender Anlagen, der 2024 und 2025 für erhebliche politische Verwerfungen gesorgt hatte.
Statt einer festen Vorgabe pro Heizung führt das Gesetz eine sogenannte „Biotreppe" ein. Der Fokus verschiebt sich von der Technik auf den Brennstoff. Ab Januar 2029 müssen Besitzer neuer fossiler Heizungen sicherstellen, dass mindestens zehn Prozent ihres Energieverbrauchs aus klimafreundlichen Quellen wie Biomethan oder Wasserstoff stammen. Diese Quote steigt schrittweise: 15 Prozent ab 2030, 30 Prozent ab 2035 und 60 Prozent ab 2040. Auffällig: Das geplante vollständige Verbot fossiler Heizungen nach 2045 fehlt im Entwurf – sehr zur Freude von Immobilienbesitzern, aber zur Sorge von Klimaforschern.
Handwerk warnt vor „Biotreppen"-Chaos
Die praktische Umsetzung der neuen Regelung stößt beim Fachhandwerk auf massive Kritik. Der Zentralverband Sanitär, Heizung, Klima (ZVSHK) bemängelt vor allem die unzumutbare administrative und rechtliche Belastung für Installateure. Ein zentraler Streitpunkt: die Haftung für die Brennstoffqualität. Handwerker hätten keinerlei Einfluss darauf, was die Energieversorger tatsächlich liefern oder wie die globalen Lieferketten funktionieren. Sollten die geforderten Biokraftstoff-Quoten nicht erreicht werden oder es zu technischen Störungen durch schwankende Brennstoffqualität kommen, drohten den Installateuren komplizierte Rechtsstreitigkeiten.
Der ZVSHK kritisiert zudem die ständigen Kurswechsel in der Gesetzgebung. Viele Betriebe hätten nach dem Boom 2024 massiv in Schulungen und Ausrüstung für Wärmepumpen investiert. Doch die jüngste Volatilität habe die Dynamik spürbar gebremst. Laut Verbandsdaten stammen fast 83 Prozent der Branchenumsätze aus dem Bestandsgeschäft – nicht aus Neubauten. Die Auftragsbücher der Heizungsbauer sind im Frühjahr 2026 auf durchschnittlich 11,5 Wochen geschrumpft, ein Rückgang von rund vier Wochen im Vergleich zum Vorjahr.
Auch die IG Metall zeigt sich besorgt. Die Komplexität des GModG könne zu anhaltender Investitionszurückhaltung führen. Der Mangel an strategischer Klarheit in der Baupolitik gefährde spezialisierte Arbeitsplätze in der Heizungsindustrie – gerade weil Hersteller zwischen der Produktion traditioneller Kessel und dem Umbau auf erneuerbare Technologien balancieren müssten.
Kommunen unter Zeitdruck
Die Reform kommt zu einem kritischen Zeitpunkt für die deutschen Städte. Laut Wärmeplanungsgesetz müssen Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern ihre strategischen Wärmepläne bis zum 30. Juni 2026 vorlegen. Diese Dokumente sollen den Bürgern Klarheit verschaffen: Kommt ihr Viertel ans Fernwärmenetz oder sind individuelle Lösungen wie Wärmepumpen gefragt?
Aktuelle Berichte des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zeigen: Die Fortschritte are unterschiedlich. Bis Ende 2025 hatten nur 38 von 83 deutschen Großstädten ihre Pläne fertiggestellt. Einige Städte wie Bonn waren früh dran und verabschiedeten ihre Strategie bereits im Juli 2025 – fast ein Jahr vor Ablauf der Frist. Viele andere Kommunen stecken jedoch noch in der Planungsphase.
Forscher schätzen, dass bis Mitte 2026 etwa die Hälfte der deutschen Bevölkerung in Gebieten mit fertigem Wärmeplan leben könnte – sofern das Tempo gehalten wird. Für kleinere Gemeinden unter 100.000 Einwohnern gilt die Frist Mitte 2028. Die Branche warnt: Ohne diese lokalen Pläne bleiben Hausbesitzer in einer „Planungslähmung" gefangen – unsicher, welche Heiztechnik sich langfristig rechnet.
Markt in der Schwebe – Klimaziele in Gefahr?
Die wirtschaftlichen Folgen der ständigen Regulierungswechsel sind deutlich sichtbar. Nach einem kurzen Boom 2023, ausgelöst durch die Angst vor einem drohenden Verbot, brachen die Wärmepumpenverkäufe im ersten Halbjahr 2024 um mehr als 50 Prozent ein. Zwar erholte sich der Markt 2025 leicht mit rund 300.000 verkauften Geräten – doch das bleibt weit unter dem ursprünglichen Regierungsziel von 500.000 Installationen pro Jahr.
Erstmals übertrafen im ersten Halbjahr 2025 die Verkaufszahlen von Wärmepumpen die von Gasheizungen, so der Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie (BDH). Dennoch bleibt der Gesamtmarkt für Heizgeräte schwach: Ein Minus von 22 Prozent bei den Gesamtverkäufen zu Beginn 2025 spricht Bände. Experten von Agora Energiewende weisen darauf hin, dass die Treibhausgasemissionen im Gebäudesektor 2025 um rund drei Millionen Tonnen gestiegen sind – auch bedingt durch einen kalten Jahresstart und die anhaltende Abhängigkeit von Öl und Gas.
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Marktanalysten sehen die Branche an einem Scheideweg. Die Rückkehr zur „Technologieoffenheit" 2026 mag kurzfristig Herstellern traditioneller Systeme helfen. Doch der langfristige Trend zur Elektrifizierung bleibt durch europäische Vorgaben und steigende CO2-Preise getrieben. Entscheidend sei ein günstiges Verhältnis von Strom- zu Gaspreisen, um Wärmepumpen für breite Bevölkerungsschichten wirtschaftlich attraktiv zu machen – insbesondere für einkommensschwache Haushalte, die derzeit die höchsten Kosten im Heizungssektor tragen.
Das GModG geht nun in die parlamentarische Beratung im Bundestag. Die Verabschiedung ist noch vor der Sommerpause im Juli 2026 geplant. Ob das Gesetz den versprochenen „Rechtsfrieden" bringt, bleibt fraglich. Kritiker fürchten, dass die „Biotreppe" zur bürokratischen Falle für Verbraucher und Handwerk werden könnte – denn die Verfügbarkeit und die Kosten klimaneutraler Brennstoffe sind auf dem volatilen Weltmarkt mehr als ungewiss.
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