Nach Corona-Schock droht Gastronomie eine Pleitewelle
23.11.2023 - 14:40:05Der Gastronomie in Deutschland droht wegen der nicht ĂŒberwundenen Corona-Flaute und spĂŒrbar zurĂŒckhaltenden Kunden eine neue Pleitewelle. Nach EinschĂ€tzung des Finanzinformationsdienstes Crif gelten zurzeit mehr als 15.000 Restaurants, GaststĂ€tten, Imbisse und CafĂ©s in Deutschland als insolvenzgefĂ€hrdet.
Das Statistische Bundesamt belegte mit Zahlen, dass die Branche den UmsĂ€tzen aus dem letzten Vorkrisenjahr 2019 immer noch deutlich hinterherhinkt. Es fehlt auch an Personal, was zu kĂŒrzeren Ăffnungszeiten und einem geringeren Angebot gefĂŒhrt hat.
Mehrwertsteuer soll wieder angehoben werden
Steigende Preise fĂŒr Energie und Lebensmittel sowie der Personalmangel machen der Branche zu schaffen. Nun soll nach dem Willen der Regierungskoalition im Bund die wĂ€hrend der Corona-Pandemie von 19 Prozent auf 7 Prozent gesenkte Mehrwertsteuer auf Speisen in der Gastronomie zum 1. Januar 2024 wieder auf den normalen Satz angehoben werden. Bayern hat fĂŒr die Sitzung des Bundesrats an diesem Freitag beantragt, die gesenkte Umsatzsteuer auf GetrĂ€nke auszudehnen und dauerhaft einzurichten. DafĂŒr solle der Vermittlungsausschuss angerufen werden.
In der Gastronomie ist laut Crif inzwischen jeder achte Betrieb (12,6 Prozent) von der Pleite bedroht - Tendenz weiter steigend. Wegen der zum Jahreswechsel geplanten RĂŒckkehr zum normalen Mehrwertsteuersatz bei Speisen erwarten die Branchenbeobachter weitere Insolvenzen. «Die Anhebung der Mehrwertsteuer wird vor allem fĂŒr bereits finanziell angeschlagene Gastronomiebetriebe die Lage weiter verschĂ€rfen», erlĂ€uterte Crif-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Frank Schlein. Vor der Pandemie galten nur 10,7 Prozent der Betriebe als insolvenzgefĂ€hrdet.
In diesem Jahr erwartet Schlein in der Gastronomie rund 1600 InsolvenzfÀlle und damit 36,5 Prozent mehr als 2022. «Im kommenden Jahr werden die Insolvenzen in der Gastronomie weiter steigen», prognostizierte der Finanzexperte.
Der Dehoga-Verband hat die Hoffnung auf eine dauerhaft reduzierte Speisen-Besteuerung noch nicht aufgegeben, macht HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrerin Ingrid Hartges deutlich. Man fordere seit Jahrzehnten die steuerliche Gleichbehandlung von Essen in Restaurants und CafĂ©s mit den zum Mitnehmen angebotenen Speisen zum Beispiel in SupermĂ€rkten und der Essenslieferung. «Es kann nicht sein, dass nur das Essen auf unseren Porzellantellern ab 1. Januar mit 19 Prozent besteuert wird. Steuerfairness sieht anders aus», sagte Hartges der dpa.
Umsatz unter dem Niveau vom 2019
Laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes lag auch mit dem niedrigeren Steuersatz der preisbereinigte Umsatz der Betriebe im September 12,6 Prozent unter dem Niveau vom 2019. Besonders hart getroffen sind getrĂ€nkeorientierte Kneipen, die von der zwischenzeitlichen Mehrwertsteuerabsenkung fĂŒr Speisen kaum profitieren konnten. Im Bereich GetrĂ€nkeausschank gingen die Erlöse innerhalb von vier Jahren um 34,5 Prozent zurĂŒck. Restaurants, GaststĂ€tten und CafĂ©s mussten mit einer LĂŒcke von 8,1 Prozent zurechtkommen.
Mit den sinkenden UmsÀtzen und nach zwischenzeitlichen Lockdowns ist auch die BeschÀftigtenzahl geschrumpft. Sie lag im September zwar 4,0 Prozent höher als vor einem Jahr, aber immer noch 6,7 Prozent unter dem Vorkrisen-Niveau von 2019. Im Kampf um das in der Pandemie knapper gewordene Personal können die Betriebe trotz einiger Tarifsteigerungen nicht auf gute Verdienstmöglichkeiten verweisen. Laut Bundesamt arbeitete im Oktober 2022 exakt die HÀlfte der Gastronomie-BeschÀftigten zu Niedriglohnbedingungen - im Vergleich zu 15,2 Prozent in der Gesamtwirtschaft.
Die Gewerkschaft NGG hĂ€lt daher den ArbeitskrĂ€ftemangel fĂŒr hausgemacht. «Ohne Restaurantfachleute, Köchinnen und Fachleute, die den Laden am Laufen halten, mĂŒssen in Zukunft die Ăffnungszeiten noch kĂŒrzer und die Karten noch kleiner werden und damit UmsĂ€tze weiter schrumpfen», mahnt NGG-Chef Guido Zeitler.
Er verlangt einen echten Neustart fĂŒr die Branche: «Die Löhne mĂŒssen flĂ€chendeckend steigen und die TarifvertrĂ€ge endlich von allen Arbeitgebern angewendet werden. Nur mit besseren Arbeitsbedingungen und fairen Löhnen wird die Branche wieder attraktiv und kann die groĂen PersonallĂŒcken schlieĂen.»
Die Dehoga setzt eher auf Impulse des Staates. «Auf dem Arbeitsmarkt brauchen wir mehr Anreize, dass es sich lohnt, eine Arbeit aufzunehmen», sagt HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrerin Hartges. «Wir sind die Branche der Chancen und der Integration. Wer erst einmal in Arbeit ist, bekommt auch Chancen auf qualifiziertere TĂ€tigkeiten.»


