Arbeitsstress: 54 Prozent fühlen sich stärker belastet als vor zwei Jahren
Veröffentlicht am: 27.09.2026 um 07:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Zunehmende Unerreichbarkeit, toxische Arbeitsumgebungen und die fortschreitende Entgrenzung zwischen Berufs- und Privatleben beeinträchtigen laut aktuellen Medienberichten und wissenschaftlichen Untersuchungen die psychische Gesundheit von Arbeitnehmern massiv.
Verschiedene Analysen aus den Jahren 2025 und 2026 verdeutlichen, dass der Druck auf Beschäftigte in zahlreichen Branchen steigt, während die Erholungsphasen oft nicht mehr ausreichen, um die Belastungen zu kompensieren.
Überstunden und mangelnde Erholung als Stressfaktoren
Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung für das Jahr 2025 belegen eine hohe Arbeitsbelastung in Deutschland. Demnach leisteten Beschäftigte im Durchschnitt 27,2 Überstunden. Besonders auffällig ist dabei der Anteil der unbezahlten Arbeit: Mit 15,6 Stunden entfiel der Großteil der Mehrarbeit auf nicht vergütete Zeit, während lediglich 11,6 Stunden bezahlt wurden.
Diese hohe Arbeitsintensität wirkt sich unmittelbar auf die Regenerationsfähigkeit aus. Eine Umfrage zum Thema Stress im Urlaub aus dem Jahr 2025 ergab, dass 42 Prozent der Befragten mindestens zwei Wochen benötigen, um sich zu erholen; 17 Prozent gaben an, sogar drei Wochen oder länger zu brauchen.
Ein Viertel der Teilnehmer berichtete, in den vergangenen drei Jahren nach dem Urlaub gestresster gewesen zu sein als zuvor. Als Hauptursache wird das fehlende Abschalten identifiziert, oft bedingt durch ineffiziente Prozesse, unnötige Meetings und eine Kultur der ständigen Anwesenheit.
Steigendes Stressempfinden und gesundheitliche Folgen
Die gesundheitlichen Auswirkungen dieser Entwicklung spiegeln sich in Versichertendaten wider. Laut einer KKH-Umfrage unter über 1.000 Versicherten im Jahr 2025 erleben 54 Prozent der Menschen heute mehr Stress als noch vor ein bis zwei Jahren.
Die Symptome sind vielfältig: 61 Prozent der Befragten berichten von Müdigkeit oder Schlafstörungen, 57 Prozent fühlen sich erschöpft oder ausgebrannt. Mehr als ein Drittel der Teilnehmer gab an, unter gedrückter Stimmung bis hin zu depressiven Verstimmungen zu leiden.
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Zudem zeigt sich eine Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit bei der Gesundheitsvorsorge. Zwar halten knapp 70 Prozent der Befragten langfristige Gesundheit für wichtig, doch nur 33 Prozent nehmen sich in stressigen Phasen ausreichend Zeit dafür. Neben beruflichen Faktoren belasten auch globale Krisen wie Kriege, der Klimawandel und steigende Preise das psychische Wohlbefinden.
Spezifische Belastungen zeigen sich auch in der Landwirtschaft. Eine Studie des Thünen-Instituts und der Universität Göttingen aus dem Jahr 2021 stellte fest, dass etwa jede fünfte Frau in diesem Sektor Burnout-gefährdet ist. In der Altersgruppe zwischen 35 und 55 Jahren stieg dieser Wort auf rund 26 Prozent.
Flexibilisierung und Digitalisierung als zweischneidige Schwerter
Unternehmen reagieren unterschiedlich auf die veränderten Rahmenbedingungen. Während die Mercedes-Benz Group laut einem internen Entwurf für eine neue Konzernbetriebsvereinbarung plant, die Präsenzpflicht in Deutschland auf bis zu vier Tage pro Woche zu erhöhen und mobiles Arbeiten damit stark einzuschränken, fordern Arbeitnehmervertreter neue Formen der Entlastung.
Der Deutsche Bankangestellten-Verband (DBV) verlangt in aktuellen Tarifverhandlungen bis zu drei zusätzliche freie Tage pro Quartal für Mitarbeiter, die Künstliche Intelligenz nutzen, um der neuen Arbeitsintensität Rechnung zu tragen.
Die Digitalisierung führt indes nicht überall zu einer Entlastung. Eine Untersuchung des ifo Instituts, des IAB und der Universität Konstanz zeigt, dass bei überwiegend körperlichen Tätigkeiten eine stärkere Digitalisierung mit schlechterer Gesundheit einhergeht. Digitalisierungsbedingt wurden in diesem Bereich rund 20 Prozent mehr Fehltage pro Jahr registriert.
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Experten raten zu kleinen Schritten gegen das „Popcorn-Gehirn“
Fachleute wie der Arbeitsforscher Hans Rusinek betonen die Bedeutung der Arbeit als sozialen Ort und warnen vor dem Phänomen der inneren Kündigung („quiet quitting“), wenn soziale Aspekte verkümmern. Die Psychologin Prof. Eva Asselmann weist zudem auf Warnsignale wie ständige Gereiztheit und das sogenannte „Popcorn-Gehirn“ hin – ein Zustand des ständigen Umschaltens durch zu viele Reize und Aufgaben.
Asselmann empfiehlt zur Prävention kleine, konkrete Schritte. So könne es bereits helfen, den Tag zehn Minuten ohne Smartphone zu beginnen oder bewusst Aufgaben zu streichen, um die mentale Last zu reduzieren. Trotz dieser Empfehlungen sinkt die allgemeine Arbeitszufriedenheit laut dem Kununu Zufriedenheitsatlas 2026 das dritte Jahr in Folge und liegt im bundesweiten Durchschnitt nur noch bei 52,1 Prozent.
