Chronische, Schmerzen

Chronische Schmerzen: 150 Millionen EuropÀer betroffen, Kosten bis zu zehn Prozent

Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 16:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
RĂŒckenschmerz und MigrĂ€ne verursachen hohe AusfĂ€lle; Fachleute fordern mehr vernetzte Angebote, wĂ€hrend Studien VR-Therapien untersuchen.
Ein leerer, ruhiger Aufenthaltsraum mit ordentlich aufgestellten StĂŒhlen und einfallendem Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

Chronische Schmerzen entwickeln sich in Industrie- und SchwellenlÀndern zu einer wachsenden ökonomischen und gesundheitspolitischen Belastung. Nach Angaben der European Pain Federation EFIC sind rund 20 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Europa von anhaltenden Beschwerden betroffen, was etwa 150 Millionen Menschen entspricht.

Die damit verbundenen direkten medizinischen BehandlungsaufwĂ€nde sowie die indirekten ProduktivitĂ€tsverluste erreichen in einzelnen LĂ€ndern bis zu zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Vor diesem Hintergrund rĂŒckt der EuropĂ€ische Tag gegen Schmerzen am 21. Oktober 2026 das Thema unter dem Leitmotiv der versteckten Kosten in den Fokus.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO und Fachgesellschaften stufen chronischen Schmerz inzwischen als eigenstĂ€ndiges Krankheitsbild ein. Die Betroffenheit ist ungleich verteilt: Frauen leiden statistisch hĂ€ufiger darunter als MĂ€nner, wĂ€hrend HĂ€ufigkeit und funktionelle BeeintrĂ€chtigungen mit zunehmendem Alter ansteigen. Zudem beeinflussen Bildungsstand und das soziale Umfeld das Erkrankungsrisiko maßgeblich.

Massive AusfÀlle bei Arbeit und Sozialsystemen

Die sozioökonomischen Folgen schlagen sich vor allem in hohen Fehlzeiten und Erwerbsminderungen nieder. FĂŒr Tschechien verzeichneten Berichte fĂŒr das Jahr 2023 rund 4,1 Millionen Patienten, die wegen Muskel-Skelett-Erkrankungen behandelt wurden, darunter 1,6 Millionen mit der Hauptdiagnose RĂŒckenschmerz.

Im Jahr 2025 summierten sich die Fehlzeiten durch Muskel-Skelett-Beschwerden dort auf 23,2 Millionen ArbeitsunfĂ€higkeitstage, wobei ein einzelner Fall im Schnitt ĂŒber zwei Monate dauerte. Zudem bildeten diese Beschwerden 2025 die hĂ€ufigste Ursache fĂŒr neu bewilligte InvaliditĂ€tsrenten der Stufen I und II.

Ähnliche Muster zeigen sich in weiteren Staaten. Im Nationalen Gesundheitsbericht 2025 fĂŒr Portugal wurde festgehalten, dass rund 3,2 Millionen Menschen ab 15 Jahren – entsprechend 31,7 Prozent der Bevölkerung – an chronischen RĂŒckenschmerzen leiden. Laut der WHO stellt die sogenannte Lumbalgie weltweit die fĂŒhrende Ursache fĂŒr Behinderungen dar.

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Auch spezifische Schmerzformen verursachen erhebliche AusfĂ€lle: In Deutschland wurden fĂŒr das Jahr 2024 rund eine Million FĂ€lle von ArbeitsunfĂ€higkeit durch MigrĂ€ne registriert, die zu etwa 3,4 Millionen Ausfalltagen fĂŒhrten.

Davon entfielen rund 2,4 Millionen Fehltage auf 710.000 weibliche und etwa 990.000 Tage auf 317.000 mÀnnliche Betroffene. Fachleute gehen zudem davon aus, dass fast 40 Prozent aller MigrÀneerkrankungen nicht formell diagnostiziert sind.

Globale Dimension und Risikofaktoren

Internationale Untersuchungen verdeutlichen das globale Ausmaß. Eine in der Fachzeitschrift Nature Medicine publizierte weltweite Untersuchung aus dem Oktober 2026, die Daten von 6,1 Millionen Personen aus 118 LĂ€ndern auswertete, dokumentierte PrĂ€valenzen zwischen etwa 2 Prozent bei Gesichtsschmerzen und bis zu 40 Prozent bei RĂŒckenschmerzen.

Frauen waren in sĂ€mtlichen elf untersuchten Körperregionen hĂ€ufiger betroffen, wobei der stĂ€rkste Zuwachs vor dem 55. Lebensjahr verzeichnet wurde. Rund 18,3 Prozent der weltweiten Schmerzlast ließen sich dabei auf Einflussfaktoren wie Tabakkonsum, Adipositas und ein niedriges Einkommensniveau zurĂŒckfĂŒhren.

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Nationale Erhebungen bestĂ€tigen dieses Bild. In Costa Rica gaben 28,8 Prozent der Erwachsenen an, mit chronischen Schmerzen zu leben. In Chile ergab eine Erhebung aus dem Jahr 2023, dass 25 Prozent der Bevölkerung lĂ€nger als drei Monate unter Schmerzen litten – aufgeteilt in 32,9 Prozent bei den Frauen und 18,9 Prozent bei den MĂ€nnern.

In China bezifferte die Nationale Gesundheitskommission die Zahl der Betroffenen auf ĂŒber 300 Millionen Menschen, bei einem jĂ€hrlichen Zuwachs von 10 bis 20 Millionen.

VersorgungsengpÀsse und interdisziplinÀre LösungsansÀtze

Die wachsende Nachfrage ĂŒberfordert vielerorts die bestehenden Versorgungsstrukturen. So verzeichneten tschechische Schmerztherapiezentren einen Anstieg von 1.714 Konsultationen im Jahr 2010 auf mehr als 100.000 Besuche im Jahr 2022. Auch aus Regionen wie Andalusien wurden Überlastungen der spezialisierten Einheiten und Verzögerungen bei Überweisungen gemeldet.

Vertreter aus der Medizin fordern daher strukturierte Gegenmaßnahmen. Die Österreichische Schmerzgesellschaft drĂ€ngt auf einen flĂ€chendeckenden Ausbau interdisziplinĂ€rer und multimodaler Schmerzzentren sowie ambulanter Angebote.

ÖSG-PrĂ€sident Richard Crevenna verwies darauf, dass eine adĂ€quate Behandlung neben der reinen SchmerzintensitĂ€t auch Beweglichkeit, SelbststĂ€ndigkeit, SchlafqualitĂ€t und gesellschaftliche Teilhabe einbeziehen mĂŒsse. Dies erfordere Angebote verschiedener Berufsgruppen.

Parallel dazu gewinnen neue Methoden Beachtung: Eine Metaanalyse von 122 randomisierten kontrollierten Studien mit 9.138 Patienten zeigte fĂŒr den Einsatz von Virtual-Reality-Therapien eine signifikante Schmerzreduktion (SMD = ?0,65; p < 0,001), mit besonders ausgeprĂ€gten Effekten bei Patienten mit höherem Ausgangsschmerz.

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