Chronische Schmerzen: Über 12 Millionen Menschen brauchen bessere Versorgung
Veröffentlicht am: 31.10.2026 um 17:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deExperten weisen auf einen gravierenden Mangel an spezialisierten Behandlungsplätzen für Patienten mit chronischen Schmerzen und schweren Erschöpfungssyndromen hin. In Nürnberg thematisierten Fachleute die schwierige Versorgungslage von Betroffenen mit Depressionen sowie anhaltenden Schmerzzuständen und gaben Hinweise für den Umgang mit der Unterversorgung.
Menschen mit chronischen Erschöpfungskrankheiten stehen oft vor der Hürde, dass bereits kleinste Anstrengungen im Alltag eine deutliche Überlastung nach sich ziehen.
Hohe Krankheitslast und fehlende Therapiemöglichkeiten
Die Dimensionen der Unterversorgung sind beträchtlich. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für ME/CFS leiden in Deutschland mehr als 650.000 Menschen an der Myalgischen Enzephalomyelitis beziehungsweise dem Chronischen Fatigue-Syndrom (ME/CFS). Rund 60 Prozent der Betroffenen gelten als arbeitsunfähig, während jeder Vierte das Haus nicht mehr verlassen kann. Eine anerkannte Heilung für das Krankheitsbild existiert bislang nicht.
Darüber hinaus leben in Deutschland über 12 Millionen Menschen mit chronischen Schmerzen. Auch die Fibromyalgie, von der hierzulande 2 bis 6 Prozent der Bevölkerung betroffen sind, stellt das Gesundheitssystem vor erhebliche Aufgaben. Bis zur gesicherten Diagnosestellung vergehen bei Betroffenen mitunter bis zu 16 Jahre.
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Zusätzlich vergrößern Spätfolgen von Virusinfektionen den Bedarf an spezialisierten Kapazitäten. Laut einer Bestandsaufnahme des Robert Koch-Instituts aus dem Jahr 2026 von Nübel et al. im Journal of Health Monitoring werden in epidemiologischen Studien bei etwa 10 bis 15 Prozent der Erwachsenen nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 länger anhaltende Beschwerden beschrieben.
Der Long-Covid-Experte Gregory Fretz warnte davor, dass das Überschreiten individueller Energiegrenzen eine sogenannte Post-Exertionelle Malaise auslösen könne, deren Symptome über Wochen bis Monate anhalten.
Klinikschließungen verschärfen den Versorgungsengpass
Gleichzeitig geraten spezialisierte Versorgungsstrukturen im stationären Bereich weiter unter Druck. Das St. Christophorus Krankenhaus Werne stellt die vollstationäre Schmerztherapie ein und schließt die Sektion Schmerzmedizin unter der Leitung von Dr. Claudia Bald.
Als Gründe für diese Maßnahme gelten abrechnungstechnische Vorgaben, wachsender Kostendruck und die allgemeine Verlagerung hin zu ambulanten Behandlungsformen. Während ambulante Behandlungen künftig weiterhin in Lünen erfolgen sollen, wird die vollstationäre Schmerztherapie künftig im Marienhospital Schwerte innerhalb des Paulus-Verbunds konzentriert.
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Bürokratische Hürden und wachsende Öffentlichkeit
Für Betroffene bedeuten die Versorgungslücken häufig zähe Auseinandersetzungen mit Behörden und Gerichten. Julia Janicki aus Dettenhausen kann nach der Beurteilung ihrer behandelnden Ärzte nicht mehr arbeiten und leidet an ME/CFS. Nach der Ablehnung ihres Antrags auf Erwerbsminderungsrente muss sie voraussichtlich noch anderthalb Jahre auf eine Entscheidung des zuständigen Sozialgerichts warten.
Angesichts dieser Belastungen bemühen sich Erkrankte verstärkt um öffentliche Aufmerksamkeit. Die 30-jährige Alina Schmälzle aus Stockach, die seit dem Jahr 2019 nach einer Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus an ME/CFS leidet, klärt auf Instagram über den Kanal alina_snowwhite mit mehr als 15.000 Followern sowie in ihrem Podcast „Spoons out of control“ über die Realität der Krankheit auf.
Auch die Medien greifen das Thema auf: Eine 96-minütige Dokumentation des ZDF aus dem Jahr 2026 mit dem Titel „ME/CFS: Hoffnung für Betroffene?“ widmet sich dem aktuellen Forschungsstand und systemischen Versäumnissen.
Unter der Moderation von Eric Mayer diskutieren Expertinnen und Experten wie Prof. Dr. Carmen Scheibenbogen von der Charité Berlin und Prof. Dr. Norbert Suttorp von der Leopoldina gemeinsam mit Betroffenen über Behandlungsaussichten und die gesellschaftliche Verantwortung.
