Essstörungen, Kinder

Nur ein Apfelschnitz am Tag: Mehr Essstörungen bei MÀdchen

25.01.2026 - 07:00:18

Essstörungen bei MÀdchen nehmen Experten zufolge dramatisch zu. Mehr Kinder kommen ins Krankenhaus. «Toxische Energie» könne sich bei sozialen Medien entfalten, warnt eine digitale Streetworkerin.

  • Essstörungen gehen hĂ€ufig mit weiteren psychischen Erkrankungen einher. (Archivbild) - Foto: Annette Riedl/dpa/dpa-tmn

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  • Essstörungen bei MĂ€dchen und jungen Frauen nehmen weiter zu. (Archivbild) - Foto: Elisa Schu/dpa

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  • Ein Zusammenhang zwischen Essstörungen und hĂ€ufigem Social-Medien-Konsum ist laut Experten belegt.  - Foto: Elisa Schu/dpa

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Essstörungen gehen hÀufig mit weiteren psychischen Erkrankungen einher. (Archivbild) - Foto: Annette Riedl/dpa/dpa-tmnEssstörungen bei MÀdchen und jungen Frauen nehmen weiter zu. (Archivbild) - Foto: Elisa Schu/dpaEin Zusammenhang zwischen Essstörungen und hÀufigem Social-Medien-Konsum ist laut Experten belegt.  - Foto: Elisa Schu/dpa

Bei Marie fing es mit 14 Jahren an. Zuerst wollte sie bloß keine SĂŒĂŸigkeiten mehr, dann erlaubte sie sich immer weniger Nahrung, verlor extrem an Gewicht. «Ich hatte komplett den Überblick verloren, was eine normale Mahlzeit ist, wie ich meinen Körper versorgen soll», schildert die heute 25-JĂ€hrige. «Ich wollte immer dĂŒnner werden. Schon ein Apfelschnitz war mir zu viel.» Sieben mal war sie wegen Magersucht in klinischer Behandlung, oft viele Monate lang. Das erste Mal mit 15 Jahren. «Da war es schon fast zu spĂ€t. Ich hatte meinen Willen verloren und komplett die Nahrung verweigert.»

Essstörungen nehmen bei MĂ€dchen, weiblichen Jugendlichen und jungen Frauen erheblich zu, sagt Wissenschaftlerin Beate Herpertz-Dahlmann. Ein Zusammenhang zwischen Social-Media-Konsum und Essstörungen sei durch viele Studien belegt, sagt die frĂŒhere Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Aachen. Am hĂ€ufigsten und am gefĂ€hrlichsten sei Magersucht, sie komme bei jungen Menschen hĂ€ufiger in stĂ€dtischer Umgebung vor als im lĂ€ndlichen Raum. 

Es ist wie ein Hilfeschrei

Marie verlor erst schleichend, dann rasanter an Gewicht. Immer wieder ist sie rĂŒckfĂ€llig geworden, war im lebensgefĂ€hrdenden Bereich. «Bei Essstörungen ist es so, dass man gesehen werden möchte - also: guck mal, wie schlecht es mir geht. Es ist wie ein Hilfeschrei.» Sie warnt: «Das Thema Social Media ist brennend.» Gepostete Videos und Bilder auf den Plattformen seien idealisiert. «Das ist eine Scheinwelt und macht mir totalen Druck.» Und: «Wer erst wieder lernen muss zu essen, empfindet solche Ideale oft als neue Messlatte.»

Scharfe Kritik an sozialen Medien und Influencerinnen 

«Die sozialen Medien sind eine riesige kommerzielle Maschine geworden und viele Influencerinnen im Bereich Beauty sind VolksverfĂŒhrerinnen», kritisiert die digitale Streetworkerin Sabine Dohme vom ANAD Versorgungszentrum Essstörungen in MĂŒnchen. Dass etwa eine Schauspielerin – optisch an der Grenze zur Magersucht - eine Saftkur fĂŒr eine schlanke Bikinifigur anpreise, hĂ€lt sie fĂŒr nicht akzeptabel: «Wenn man 600.000 Followerinnen hat, trĂ€gt man auch eine Verantwortung, der man gerecht werden muss.»

Digitale Streetworkerin spricht von toxischer Energie 

Dohme ist seit knapp zwei Jahren als bundesweit wohl einzige digitale Streetworkerin im Bereich Essstörungen aktiv. Im Netz. StĂ¶ĂŸt sie in Chats auf Fragen oder BeitrĂ€ge, die auf essgestörtes Verhalten hindeuten, schreibt sie Usern, bietet Hilfe an, verweist auf Beratung oder Wohngruppen von ANAD. «Ich kommentiere auch Influencer und Influencerinnen. Denn von vielen geht ganz starke toxische Energie aus, gerade in puncto Essstörungen und Körperbild.» Die PĂ€dagogin hĂ€lt mit Kommentaren und Infos dagegen.

Soziale Medien haben auch gute Seiten, sagt sie. «Unsere Aufgabe ist es, den Jugendlichen zu zeigen, wie sie darin agieren, Positives fĂŒr sich herausziehen, wem sie trauen können.» Die Streetworkerin hĂ€lt Influencer und Streamingdienste mitverantwortlich fĂŒr steigende Krankheitszahlen. Sie machten «MassenumsĂ€tze auf Kosten unserer Kinder und Jugendlichen» – und sollten sich zumindest an Behandlungskosten konstruktiv beteiligen, fordert sie.

Magersucht, Bulimie und EssanfÀlle als hÀufigste Formen 

Essstörungen fĂŒhren oft zu ernsthaften, langfristigen GesundheitsschĂ€den. Bei Magersucht (Anorexia nervosa) haben Betroffene selbst in ausgezehrtem Zustand Angst vor Gewichtszunahme, ihr Selbstbild ist gestört. In ExtremfĂ€llen endet das tödlich. Magersucht gilt als eine der gefĂ€hrlichsten psychischen Erkrankungen fĂŒr Kinder und Jugendliche. Beispiel Marie: Sie wurde mehrfach kĂŒnstlich ernĂ€hrt. Sie fror stĂ€ndig, hatte starken Haarausfall, die Darmflora war gestört. Bis heute kĂ€mpft die 25-JĂ€hrige mit Osteophenie als Vorstufe von Osteoporose, bei KĂ€lte schmerzen ihre HĂ€nde wegen Durchblutungsstörungen.

Bei Bulimie fĂŒhren die Erkrankten selbst Erbrechen herbei. Manche haben normales Gewicht, ihre heimlichen BrechanfĂ€lle nach dem Essen bleiben umso lĂ€nger unbemerkt. Beim sogenannten Binge Eating werden zwanghaft große Mengen verschlungen - oft, um negative GefĂŒhle zu kompensieren. 

Es gibt viele Ursachen und Faktoren

Es gibt fast immer mehrere Ursachen und Faktoren, erklĂ€rt Seniorprofessorin Herpertz-Dahlmann: «Bei jungen Menschen haben Depressionen, Einsamkeit oder auch Sozialangst zugenommen. Social Media kann eine einfache Methode sein, Kontakte zu haben, ohne sich einer Interaktion im freien Feld mit Klassenkameraden oder im Sportverein stellen zu mĂŒssen.» 

Wer als User ohnehin schon Probleme in dieser Richtung habe, sich sehr viele Gedanken ĂŒber das eigene Aussehen mache und weniger rausgehe, sei bei hĂ€ufiger Social-Media-Nutzung besonders anfĂ€llig fĂŒr dort gezeigte riskante Schlankheitsideale. In Richtung Politik regt die Forscherin an, Restriktionen beim Social-Media-Zugriff fĂŒr Kinder und Jugendliche zu prĂŒfen. 

Auch das Bundesinstitut fĂŒr Öffentliche Gesundheit (Biög) in Köln warnt vor einem bedenklichen Schlankheitsideal, das durch soziale Medien gepusht werde. Viele Kinder und Jugendliche folgten tĂ€glich Influencerinnen, sie sich mit Filtern und speziellen Programmen kĂŒnstlich aufhĂŒbschten. «Eine Gefahr darin liegt, die digitale Welt als real anzusehen», so das Biög. Soziale Medien könnten aber auch beim Überwinden einer Essstörung helfen - Betroffene könnten sich dort gegenseitig Mut machen und unterstĂŒtzen. 

Steigende Diagnose-Zahlen und mehr Klinik-Behandlungen

Nach DAK-Daten bekamen in Deutschland 2024 rund 23.000 jugendliche MĂ€dchen zwischen 15 und 17 Jahren die Diagnose Essstörung - das waren 38 Prozent mehr als im Vor-Pandemie-Jahr 2019. Auch bei MĂ€dchen zwischen 10 und 14 Jahren war das Niveau zuletzt erhöht. Nach Barmer-Hochrechnung waren vor der Pandemie 2018 unter den 12- bis 17-JĂ€hrigen etwa 7 von 1.000 MĂ€dchen der Altersgruppe erkrankt, 2023 waren es 10 von 1.000. Hinzu kommt eine grĂ¶ĂŸere Dunkelziffer. 

Bei den Klinikeinweisungen wegen schwerer Essstörungen hat sich die Zahl in der weiblichen Gruppe 10- bis 17-JÀhriger binnen 20 Jahren auf 6.000 Patientinnen (2023) verdoppelt. Sie machen laut Statistischem Bundesamt fast die HÀlfte aller stationÀr wegen Essstörungen behandelter Personen aus.

Warnzeichen und was kann das Umfeld tun?

Essstörungen bleiben lange verborgen. Es gibt Warnzeichen, die fĂŒr das Umfeld oft nur schwer mit einem gestörten Essverhalten in Verbindung zu bringen sind. «Wenn jemand plötzlich ganz auf gesundes Essen umsteigt, viel mehr Sport treibt, dauernd Kalorien zĂ€hlt oder das FrĂŒhstĂŒck weglĂ€sst, wenn jemand Kontakte vermeidet, sich zurĂŒckzieht, traurig oder auch oft gereizt wirkt, können das alles Anzeichen fĂŒr eine Störung sein», sagt Herpertz-Dahlmann. 

FĂŒr Marie waren ihre Eltern immer ein Anker, wie sie erzĂ€hlt. 2022 machte sie Abitur - ein Meilenstein nach einer langen Phase der Ungewissheit. «Ich hatte vom Essen und von der Stimmung her aber immer wieder schwierige Phasen.» Ein RĂŒckfall verhinderte den geplanten Studienbeginn 2024. Sie sieht sich nun auf einem guten Weg. Aber: «Ich bin noch nicht ĂŒber den Berg. Es bleibt ein Restrisiko und viel mentale Arbeit.»

@ dpa.de