Hochdosis-Grippeimpfung: Studie sieht 55 Prozent weniger Alzheimer-Risiko
Veröffentlicht am: 10.10.2026 um 19:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Frage nach einem möglichen Schutz vor neurodegenerativen Erkrankungen durch Routineimpfungen gewinnt in der Altersmedizin zunehmend an Bedeutung. Eine im Fachjournal Neurology erschienene Beobachtungsstudie der UTHealth McGovern Medical School in Houston (Bukhbinder et al., 2026) liefert dazu detaillierte Auswertungen: Demnach könnte eine Hochdosis-Grippeimpfung (H-IIV) das Risiko für eine Alzheimer-Demenz bei Personen ab 65 Jahren im Vergleich zu einer herkömmlichen Standarddosis um fast 55 Prozent senken. Die Untersuchung stützt sich auf Abrechnungsdaten von rund 165.000 Seniorinnen und Senioren.
Vierfache Antigenmenge und statistisch messbare Risikodifferenz
Im Zentrum der Analyse stand der Vergleich zwischen dem Hochdosis-Vakzin, das die vierfache Antigenmenge einer Standarddosis (S-IIV) enthält, und den herkömmlichen Präparaten. Das Forschungsteam griff auf die Datenbank IQVIA PharMetrics Plus aus den Jahren 2014 bis 2019 zurück.
Die Kohorte umfasste 120.775 Personen mit H-IIV (185.183 Personentrials; Durchschnittsalter 74,4 Jahre; 57,3 Prozent Frauen) sowie 44.022 Teilnehmende mit S-IIV (53.918 Trials; Durchschnittsalter 73,0 Jahre; 56,4 Prozent Frauen).
In einem Nachbeobachtungszeitraum von 25 Monaten zeigte sich unter der Hochdosis-Vakzine eine Reduktion des Alzheimer-Risikos um rund 0,54 Prozentpunkte gegenüber der Standarddosis (maximale Risikodifferenz: 0,0054). Dieser Effekt erwies sich zwar als statistisch signifikant, der absolute Unterschied fällt jedoch gering aus.
Im Per-Protocol-Design (PP) blieb das Alzheimer-Risiko über 1 bis 25 Monate nach der Verabreichung verringert, mit einer minimalen Number Needed to Vaccinate (NNT) von 185,2 im 25. Monat. In der Intention-to-Treat-Analyse (ITT) war der Unterschied über einen Zeitraum von 1 bis 28 Monaten signifikant, bei einer minimalen NNT von 270,3 im Monat 28.
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Geschlechtsspezifische Unterschiede und saisonale Wiederholung
Die Daten der UTHealth McGovern Medical School deuten zudem auf deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern hin. Frauen profitierten konsistenter und länger von der Hochdosis: In dieser Gruppe waren etwa 417 Impfungen erforderlich (minimales NNT 416,7 im 13. Monat), um einen zusätzlichen Alzheimer-Fall zu verhindern.
Der Schutzeffekt war im PP-Design über 1 bis 13 Monate und im ITT-Modell über 1 bis 17 Monate messbar. Bei Männern zeigte sich in der primären Hauptanalyse hingegen kein signifikanter Unterschied; lediglich in der ITT-Analyse ergab sich für die Monate 17 bis 24 eine Signifikanz mit einer minimalen NNT von 232,6 im 24. Monat.
Auch das Impfmuster spielt eine Rolle: Bei einer saisonalen Wiederimpfung hielt die Risikosenkung über 27 Monate an, bei einer NNT von 294. Beim Vergleich eines adjuvierten Impfstoffs mit der Standarddosis zeigte sich in der ITT-Analyse ein signifikanter Vorteil über 22 bis 35 Monate (minimale NNT von 62,1 im 35. Monat).
Eine generelle Grippeimpfung im Vergleich zu keiner Impfung wies eine NNT von 137,0 auf. Frühere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass eine Standardimpfung das Alzheimer-Risiko über vier Jahre um rund 40 Prozent verringern konnte.
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Methodische Grenzen und fehlende Kausalität
Trotz der auffälligen statistischen Zusammenhänge betonen die Autoren Einschränkungen der Evidenzklasse-II-Studie. Ein kausaler Nachweis lässt sich aus den retrospektiven Daten nicht ableiten. Zudem war der Beobachtungszeitraum mit maximal drei Jahren relativ kurz.
Wichtige Einflussfaktoren wie Mortalitäts-, Sozial- und Lebensstildaten sowie biologische Marker fehlten in den Datensätzen, sodass Verzerrungseffekte durch ein generell gesundheitsbewussteres Verhalten der Geimpften (Health-User-Bias) sowie Fehlklassifikationen in Versicherungsdaten nicht ausgeschlossen werden können.
Auffällig war zudem, dass das Risiko für leichte kognitive Beeinträchtigungen (MCI) in bestimmten ICD- und medikamentenbasierten Definitionen zwischen den Monaten 13 und 24 erhöht erschien, was sich bei strengeren Definitionen jedoch nicht bestätigte.
Wurden Personen mit Impfungen in den vorangegangenen zwei Jahren ausgeschlossen, blieb der Effekt zudem nur in der ITT-Analyse über 1 bis 4 Monate signifikant. Weitere prospektive Studien sind erforderlich, um die biologischen Mechanismen hinter den beobachteten Effekten genauer zu klären.

