Immunsystem im Alter: Studie zeigt Umbruchphasen um 40 und 60 Jahre
Veröffentlicht am: 02.11.2026 um 16:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deDas menschliche Immunsystem verÀndert sich im Verlauf des Lebens nicht kontinuierlich, sondern durchlÀuft markante Umbruchphasen. Eine Untersuchung der Duke-NUS Medical School in Singapur an 1828 gesunden Personen im Alter von 19 bis 97 Jahren zeigt, dass sich die biologische Abwehr insbesondere um das 40. sowie nach dem 60. Lebensjahr radikal wandelt.
WĂ€hrend sich um das 40. Lebensjahr vor allem koordinierende Abwehrzellen verĂ€ndern, sind nach dem 60. Lebensjahr besonders jene Zellen betroffen, die infizierte Körperzellen erkennen und beseitigen. Gleichzeitig können in dieser spĂ€teren Phase EntzĂŒndungen im Körper zunehmen.
Geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Immunalterung
Die Auswertungen der Duke-NUS Medical School weisen zudem auf deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern hin. Bei Frauen blieben bestimmte Abwehrzellen lĂ€nger aktiviert, wĂ€hrend bei MĂ€nnern andere VerĂ€nderungen frĂŒher und eher vorĂŒbergehend auftraten. Studienautor Jacques Behmoaras sieht darin einen möglichen, bislang unbewiesenen ErklĂ€rungsansatz dafĂŒr, warum Autoimmunerkrankungen bei Frauen hĂ€ufiger vorkommen.
Generell erkranken Frauen deutlich öfter an Fehlsteuerungen der Abwehr: Bei Lupus erythematodes liegt das VerhÀltnis im Vergleich zu MÀnnern bei 9 zu 1, bei Multipler Sklerose bei 4 zu 1. Zudem besitzen Frauen auf dem X-Chromosom 900 bis 1000 kodierende Gene, wÀhrend das Y-Chromosom etwa 100 Gene umfasst.
Weibliche Geschlechtshormone wie Ăstrogene und Progesteron fördern die Bildung von Antikörpern, wĂ€hrend Testosteron diesen Prozess bremst. Weltweit betrachtet leben Frauen im Schnitt vier bis fĂŒnf Jahre lĂ€nger als MĂ€nner.
WÀhrend der Corona-Pandemie infizierten sich zwar mehr Frauen mit COVID-19 und entwickelten eher Long-COVID, MÀnner wiesen jedoch hÀufiger schwere VerlÀufe auf oder verstarben an der Infektion.
Auch eine Untersuchung im Fachjournal Mechanisms of Ageing and Development an 1.825 kardiometabolisch gesunden Erwachsenen der ATTICA-Studie im Alter von 18 bis 89 Jahren belegt geschlechtsspezifische Dynamiken: Der Ăbergang zu einer erhöhten Immunaktivierung lag nach einem kombinierten Score bei MĂ€nnern bei etwa 26 Jahren und bei Frauen bei etwa 35 Jahren.
WĂ€hrend die EntzĂŒndungsmarker IL-6 und Fibrinogen bei beiden Geschlechtern mit dem Alter stetig anstiegen, legte der Marker TNF-alpha bei Frauen erst spĂ€ter im Leben stĂ€rker zu.
Organe und molekulare Mechanismen im Wandel
Das biologische Altern des Abwehrsystems betrifft zentrale Gewebe. Immunorgane wie die Milz und die Lymphknoten weisen ab einem Alter von etwa 50 Jahren molekulare Alterungsprozesse auf. In diesen Lebensabschnitt fÀllt auch das gehÀufte Auftreten der meisten Autoimmunerkrankungen, wobei T-Zellen im Alter pathogen werden können.
Wer sich mit den Auswirkungen von Immunprozessen und EntzĂŒndungen im Körper befasst, sollte die Rolle stiller EntzĂŒndungen nicht unterschĂ€tzen. Dieser kostenlose Selbsttest verrĂ€t, ob Ihr Körper heimlich unter EntzĂŒndungen leidet und welche 12 natĂŒrlichen Lebensmittel zur Linderung beitragen können. Kostenlosen Ratgeber zu EntzĂŒndungs-Killern herunterladen
Zwar bildet der Körper tĂ€glich Millionen B- und T-Zellen neu, Myeloidzellen altern aufgrund ihrer kurzen Lebensdauer jedoch stĂ€rker. Zudem wandern B- und T-Zellen vermehrt in tertiĂ€re lymphoide Strukturen auĂerhalb klassischer Abwehrorgane.
Ein wesentlicher Faktor ist die RĂŒckbildung der ThymusdrĂŒse. Diese Thymus-Involution senkt die Produktion naiver T-Zellen und verengt das Repertoire an verfĂŒgbaren T-Zellen.
Bei rheumatoider Arthritis verlÀuft diese Immunalterung beschleunigt, wÀhrend sie bei Riesenzellarteriitis möglicherweise verzögert ist. In letzterem Fall behalten stammzellartige CD4+-T-Zellen ihre jugendliche TeilungsfÀhigkeit, wÀhrend das alternde Arteriengewebe Neoantigene ansammelt.
Suche nach verlĂ€sslichen MessgröĂen
Das individuelle Immunsystem altert unterschiedlich schnell. Faktoren wie genetische Veranlagung, Luftverschmutzung, Rauchen, ErnĂ€hrung und frĂŒhere Infektionen steuern das Tempo. Das biologische Immunalter steht wiederum im Zusammenhang mit dem Auftreten von Neurodegeneration, Krebs sowie dem allgemeinen Sterblichkeitsrisiko.
Da die Alterung des Abwehrsystems und EntzĂŒndungswerte eng mit der allgemeinen Gesundheit verknĂŒpft sind, ist eine prĂ€zise Einordnung der eigenen Werte entscheidend. Dieser kostenlose 25-seitige Report erklĂ€rt verstĂ€ndlich, welche Laborwerte wirklich wichtig sind und wie Sie VitalstoffmĂ€ngel frĂŒhzeitig erkennen. Kostenlosen Laborwerte-Selbstcheck jetzt sichern
In der medizinischen Praxis fehlen bisher standardisierte Routinetests zur Bestimmung des Immunalters, da Laborwerte wie weiĂe Blutkörperchen oder das C-reaktive Protein unspezifisch bleiben. Zwar schĂ€tzten KI-Modelle in Forschungsarbeiten das Alter der Abwehr anhand von GenaktivitĂ€ten, ein verlĂ€ssliches persönliches Immunalter lĂ€sst sich damit jedoch noch nicht abbilden.
Das Human Immunome Project sammelt daher Daten, um eine skalierbare Messreihe fĂŒr klinische Entscheidungen zu entwickeln. Neben der Blutanalyse zur PrĂŒfung von EntzĂŒndungs- und Aktivierungsmarkern sowie der Untersuchung von Lymphozyten-Rezeptoren dient dabei auch die Reaktion vor und nach Impfungen als standardisierter Test.
Parallel dazu entschlĂŒsselt die Genomforschung erbliche EinflĂŒsse auf die Abwehr. Im Rahmen des australischen TenK10K-Projekts wurden die Genome von 1.925 Personen sequenziert und die Genexpression in 5 Millionen einzelnen Immunzellen untersucht. Dabei zeigte sich unter der Leitung von Joseph Powell und Daniel MacArthur unter anderem, dass bei 83 Prozent von 21.404 analysierten Genen Varianten existieren, welche die Genexpression in Immunzellen regulieren.
Zudem belegen Arbeiten der UniversitĂ€t Lund, dass eine variante des Gens CLEC7A den Dectin-1-Rezeptor in der Lunge schwĂ€cht. Dieser Defekt erhöht bei den betroffenen TrĂ€gern â etwa jedem siebten EuropĂ€er â das Risiko einer LungenentzĂŒndung um rund 12 Prozent.
