Leistungssport: Initiative „Mehr als Muskeln“ rückt mentale Gesundheit ins Licht
Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 12:14 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Mentale Stärke und die gezielte Ausrichtung des eigenen Denkens rücken in der Diskussion um kognitive Leistungsfähigkeit zunehmend in den Mittelpunkt.
Ob im Leistungssport oder im Berufsalltag: Aktuelle Ratgeber und sportpsychologische Konzepte thematisieren verstärkt, wie ein trainierbares Mindset, emotionale Selbststeuerung und strukturierte Arbeitsmethoden das persönliche Leistungspotenzial heben können. Mentale Widerstandskraft wird dabei weniger als angeborene Eigenschaft, sondern als erlernbare Praxis verstanden.
Mindset als trainierbare Fähigkeit
Einen systematischen Ansatz zur inneren Haltung formuliert Michael Ilgner, ehemaliger Wasserball-Nationalspieler bei den Olympischen Spielen in Atlanta sowie früherer Vorstand der Stiftung Deutsche Sporthilfe und Personalchef der Deutschen Bank.
In einem 209 Seiten umfassenden Buch beschreibt er das Mindset als entscheidenden Erfolgsfaktor und fasst diesen in der Formel zusammen, dass Erfolg dem Produkt aus Talent, Training und Mindset entspreche. Nach Ilgners Modell lässt sich die eigene Denkhaltung gezielt weiterentwickeln, erfordert dafür jedoch tägliches Training.
Der Triathlet Jan Frodeno, Olympiasieger und dreifacher Ironman-Hawaii-Gewinner, hob zu diesem Ansatz hervor, dass mentale Stärke hierbei nicht als bloßes Versprechen, sondern als konkretes Handwerk verstanden werde.
Gleichzeitig wächst im Hochleistungssport das Bewusstsein dafür, psychische Belastungen nicht zu tabuisieren. Anlässlich des Welttags für psychische Gesundheit am 10. Oktober 2026 zielt die Initiative „Mehr als Muskeln“, getragen in Zusammenarbeit mit Athleten Deutschland, darauf ab, die Sichtbarkeit mentaler Gesundheit im Spitzensport zu erhöhen, Vorbehalte abzubauen und strukturelle Anpassungen anzustoßen.
Léa Krüger, frühere Säbelfechterin sowie Mitgründerin und Vizepräsidentin des Vereins Athleten Deutschland, unterstrich in diesem Kontext, dass die mentale Gesundheit im Leistungssport keineswegs ein Randthema bleiben dürfe.
Schnelle Emotionsregulation unter Wettkampfdruck
Wie mentale Techniken in akuten Drucksituationen greifen, veranschaulicht Sportpsychologin Kathrin Seufert am Beispiel des Eishockeysports. Zwischen zwei Spieleinsätzen verbleiben Akteuren häufig lediglich 30 bis 60 Sekunden Zeit. In solchen Phasen rät die Expertin dazu, aufkommende Emotionen nach Fehlern wahrzunehmen, statt sie zu unterdrücken, und die tiefere Fehleranalyse bewusst auf einen späteren Zeitpunkt zu vertagen.
Als theoretische Grundlage dient dabei das Modell von Stephen R. Covey, das zwischen kontrollierbaren, beeinflussbaren und nicht beeinflussbaren Einflussbereichen differenziert.
Wer im stressigen Alltag Höchstleistungen erbringen will, muss seine mentalen Ressourcen effektiv verwalten. Dieser kostenlose Ratgeber liefert Ihnen sieben bewährte Methoden, mit denen Sie Aufgaben in kürzerer Zeit bewältigen und Ihren Fokus schärfen. 7 Zeitmanagement-Techniken kostenlos herunterladen
Für die Praxis empfiehlt Seufert eine vierstufige Routine, die sich aus den Schritten Wahrnehmen, Einordnen, Entscheiden und Refokussieren zusammensetzt. Der entscheidende Unterschied zum Verdrängen liege darin, die eigene Emotion anzuerkennen und den Verarbeitungszeitpunkt selbstbestimmt festzulegen.
Strukturierte Arbeitsphasen und kognitiver Schutz
Über den Sport hinaus gewinnen Methoden zur Steuerung der kognitiven Aufmerksamkeit auch im Berufsleben an Gewicht. Das von Cal Newport begründete Konzept der vertieften Arbeit („Deep Work“) sieht feste Fokusblöcke von 60 bis 90 Minuten vor, in denen Benachrichtigungen deaktiviert werden und pro Block ausschließlich eine einzelne Aufgabe bearbeitet wird. Newport unterscheidet dabei vier Herangehensweisen: einen monastischen, bimodalen, rhythmischen und journalistischen Ansatz.
Als Obergrenze für hochkonzentriertes Arbeiten gelten für Geübte rund vier Stunden pro Tag, während für Einsteiger etwa eine Stunde realistisch ist. Zwei bis drei Fokusblöcke täglich gelten als praxistauglich; ein beispielhafter Wochenplan umfasst elf bis zwölf Stunden konzentrierte Fokuszeit.
Hinter diesen Vorgaben stehen wissenschaftliche Erkenntnisse über kognitive Wechselkosten, das Verharren von Aufmerksamkeit bei vorherigen Aufgaben sowie die disruptive Wirkung von Unterbrechungen.
Ein strukturierter Tag ist das Fundament für mentale Gesundheit und beruflichen Erfolg gleichermaßen. Erfahren Sie in diesem Gratis-Download, wie Sie mit einfachen Maßnahmen für mehr Ausgeglichenheit sorgen und die Balance zwischen Job und Freizeit wiederherstellen. 5 Sofortmaßnahmen für mehr Work-Life-Balance sichern
Auch der Einfluss von Substanzen auf die Regeneration wird thematisiert: Während die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit Einzeldosen von bis zu 200 Milligramm und Tagesdosen von 400 Milligramm Koffein als unbedenklich einstuft, können 400 Milligramm Koffein sechs Stunden vor dem Schlafengehen die nächtliche Schlafdauer um mehr als eine Stunde verkürzen.
Innere Distanz und realistische Zielsetzung
Für Fach- und Führungskräfte betont der Führungsratgeber Matthias Hero die Notwendigkeit innerer Distanz. Führungsqualität bedeute, die eigene Arbeit ernst zu nehmen, nicht jedoch das Bild von sich selbst als ununterbrochen funktionierende Person.
Verantwortung zu tragen bedeute nicht, sich emotional in jede Problemlage zu werfen. Zu den praktischen Ansätzen zählen Übungen, Vorfälle nicht persönlich zu nehmen, Perfektionismus einzudämmen und ein Leistungsniveau von 85 Prozent statt 120 Prozent als ausreichend zu betrachten.
Die aktuellen Veröffentlichungen verdeutlichen damit ein übergreifendes Muster: Kognitive Leistungsfähigkeit beruht nicht auf dauerhafter Maximalbelastung, sondern auf klar abgegrenzten Routinen, gezielter Erholung und einer bewussten Steuerung der eigenen mentalen Ressourcen.
