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Warum Gorilla-Weibchen lange nach letzter Geburt weiterleben

14.10.2025 - 08:00:06

Nicht viele Tierarten leben bedeutend lÀnger als sie sich fortpflanzen können - denn das scheint aus evolutionÀrer Sicht unsinnig zu sein. Warum ist das bei Walen, Menschen und Gorillas anders?

Obwohl es aus biologischer Sicht fĂŒr Tiere eher ungewöhnlich ist, können weibliche Berggorillas noch sehr viele Jahre nach ihrer letzten Fortpflanzung weiterleben - Ă€hnlich wie Menschen. Das zeigt eine im Fachjournal «Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS)» erschienene Studie vom Institut fĂŒr Biologie der UniversitĂ€t Turku in Finnland und dem Max-Planck-Institut fĂŒr evolutionĂ€re Anthropologie in Leipzig.

Die Forschenden werteten ĂŒber drei Jahrzehnte Lebensverlaufs- und Verhaltensdaten von 25 wildlebenden Berggorillas im Bwindi Impenetrable National Park in Uganda aus. Demnach lebten sieben der untersuchten Weibchen mehr als zehn Jahre nach ihrer letzten Geburt – mehr als doppelt so lange wie der durchschnittliche Abstand zwischen zwei Geburten. Sechs dieser Tiere waren Ă€lter als 35 Jahre, das höchste bislang beobachtete Fortpflanzungsalter bei Berggorillas.

Da wildlebende Gorilla-Weibchen nach Forscherangaben selten 50 Jahre alt werden, machen diese postreproduktiven Jahre, also die Lebensjahre nach der Fruchtbarkeit, mindestens ein Viertel ihrer erwachsenen Lebenszeit aus. 

Wie kommt es dazu?

Die Forschenden diskutieren mehrere mögliche ErklĂ€rungen dafĂŒr, warum Gorilla-Weibchen so lange ohne Fortpflanzung weiterleben, obwohl dies aus evolutionĂ€rer Sicht keinen Vorteil fĂŒr die Art zu bieten scheint. Die sogenannte Großmutter-Hypothese geht davon aus, dass Weibchen lĂ€nger leben, um ihren Enkeln zu helfen – etwa durch Schutz oder das Weitergeben von Wissen. Diese Hypothese gibt es auch fĂŒr Wale oder Menschen.

Der Großmutter-Effekt beim Menschen geht Experten zufolge vermutlich darauf zurĂŒck, dass sich GroßmĂŒtter schon frĂŒh in der Menschheitsgeschichte um die Enkel gekĂŒmmert haben. Die Kindheit dauert beim Menschen verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig lange, weil das Nervensystem viel Zeit zum Ausreifen braucht. Die Überlebenschance des Nachwuchses war unter diesen Bedingungen besser, wenn sich Oma möglichst lange um die Enkel kĂŒmmern und ihre Töchter entlasten konnte, so die Theorie.

Großmutter- oder Mutter-Hypothese?

Solche generationenĂŒbergreifenden Hilfen seien bei Gorillas jedoch unwahrscheinlich, da sowohl Weibchen als auch MĂ€nnchen ihre Geburtsgruppen oft verlassen, bevor sie sich fortpflanzen und so seltener mit Verwandten zusammenleben, so die Forschenden.

Wahrscheinlicher erscheint ihnen die Mutter-Hypothese. Sie besagt, dass Ă€ltere Weibchen die Fortpflanzung einstellen, um Energie und andere Ressourcen zu sparen und stattdessen in ihre bereits vorhandenen Nachkommen zu investieren. TatsĂ€chlich zeigen Beobachtungen, dass MĂŒtter auch fĂŒr erwachsene Tiere eine wichtige Rolle spielen und dass sich nicht mehr fortpflanzende Weibchen oft in besserer körperlicher Verfassung befinden als Ă€ltere, sich fortpflanze Weibchen.

Die Forschenden halten es aber auch fĂŒr möglich, dass die lange Lebenszeit nach der Fortpflanzung bei Gorillas kein gezieltes evolutionĂ€res Merkmal, sondern ein Nebenprodukt lĂ€ngerer Lebensdauer ist. In freier Wildbahn sterben viele Tiere frĂŒh. Gene, die erst im Alter Probleme verursachen, werden deshalb nicht aussortiert. Wenn aber Tiere heute lĂ€nger leben – etwa aufgrund einer geringeren Zahl an Raubtieren oder besserer Bedingungen – können diese spĂ€ten Effekte sichtbar werden, etwa das Weiterleben lange nach dem Ende der Fortpflanzung.

@ dpa.de

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