Perimenopause: Bipolare Diagnosen steigen laut Studie um 112 Prozent
Veröffentlicht am: 24.10.2026 um 15:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deIm Schnittfeld von Endokrinologie und Neurowissenschaften rückt der Einfluss von Botenstoffen auf das seelische Wohlbefinden verstärkt in den Fokus. Am 23. Oktober 2026 nahm in Salzburg die Hormonal Intelligence Initiative mit sechs Mitarbeitenden ihre wissenschaftliche Arbeit auf. Das neue Forschungsinstitut widmet sich der systematischen Untersuchung hormoneller Einflüsse auf die psychische Gesundheit. Das erklärte Ziel der Einrichtung besteht darin, Risiken im Zuge markanter hormoneller Übergangsphasen wie Pubertät, Schwangerschaft und Menopause frühzeitig zu erkennen.
Salzburger Schwerpunkt auf Menopause und Prävention
Geleitet wird die Hormonal Intelligence Initiative von der Neurowissenschaftlerin Belinda Pletzer. Vor der Gründung der Initiative erforschte Pletzer bereits die Auswirkungen hormoneller Kontrazeptiva auf das Gehirn. Ihre früheren Arbeiten zeigten, dass neuronale Reaktionen auf die Antibabypille stark vom jeweiligen Wirkstoff sowie der Lebensphase abhängen und individuell sehr unterschiedlich ausfallen.
Die erste geplante Studie der neuen Salzburger Einrichtung widmet sich der Menopause. Ziel dieses Projekts ist es, spezifische Risikofaktoren für Depressionen bereits lange vor dem eigentlichen Eintritt der Wechseljahre messbar zu machen und so präventive Ansätze zu ermöglichen.
Statistische Häufung psychischer Erkrankungen in Übergangsphasen
Dass hormonelle Transitionen mit einer erhöhten Anfälligkeit für seelische Erkrankungen einhergehen, belegen auch groß angelegte internationale Erhebungen.
Eine in Nature Mental Health veröffentlichte Untersuchung der Universität Cardiff in Kooperation mit Bipolar UK und der UK Biobank analysierte die Daten von 128.294 Frauen im Vereinigten Königreich mit einem Fokus auf die vier Jahre rund um die letzte Menstruation.
Die Wissenschaftler verzeichneten in der Perimenopause einen Anstieg neu diagnostizierter bipolarer Störungen um 112 Prozent, während klinische Depressionen um 30 Prozent zunahmen.
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Laut Arianna Di Florio von der Universität Cardiff entwickeln rund 80 Prozent der Menschen in dieser Phase vegetative oder psychische Symptome, wobei die Auswirkungen auf schwere Verläufe lange unzureichend erforscht blieben.
Clare Dolman von der Organisation Bipolar UK hob hervor, dass hormonelle Veränderungen einen wesentlichen Einflussfaktor für Stimmungsstörungen darstellten und ein besseres Verständnis lebensrettend sein könne.
Bereits im monatlichen Zyklus berichten laut Daten von frauenärzte-im-netz.de und dem MSD Manual 70 bis 90 Prozent aller Frauen in der zweiten Zyklushälfte von körperlichen oder psychischen Veränderungen im Sinne eines prämenstruellen Syndroms, während die schwerere dysphorische Störung weltweit etwa 3 bis 8 Prozent betrifft.
Neuronale Signalmuster und kognitive Folgen
Parallel zu populationsbezogenen Studien untersuchen neurobiologische Arbeitsgruppen die konkreten Abläufe im Gehirn. An der Universität Barcelona zeigte eine Untersuchung von Forschenden um Macià Buades-Rotger an 116 gesunden, natürlich zyklierenden Frauen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren, dass ein höherer Progesteronwert im Speichel mit einer geringeren Klassifikationsgenauigkeit neuronaler Aktivitätsmuster im lateralen frontalen Pol (r = -0,25) sowie im Striatum (r = -0,26) bei Aufgaben zur Emotionskontrolle korreliert.
Schärfere Signalmuster im lateralen frontalen Pol waren zugleich mit einer besseren Stimmung in den vorangegangenen sieben Tagen assoziiert (r = 0,26). Das daraus abgeleitete statistische Modell erklärte 7,1 Prozent der Stimmungsvarianz, während Estradiol entgegen den Erwartungen keinen eigenständigen Effekt aufwies.
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Ergänzend startete an der US-Universität Yale eine longitudinale Studie unter der Leitung von Carolyn Fredericks mit 150 gesunden perimenopausalen Frauen im Alter von 35 bis 55 Jahren. Das Vorhaben verknüpft Schwankungen von Hormonen wie FSH, LH, Estradiol, Testosteron und Progesteron über zwei Zyklen hinweg mit multimodalen MRT-Hirnscans und Kognitionstests.
Den Hintergrund bildet der Befund, dass von den mehr als sechs Millionen Alzheimer-Betroffenen in den USA rund zwei Drittel Frauen sind. Die Salzburger Initiative reiht sich damit in weltweite Bestrebungen ein, hormonelle Dynamiken als neurobiologische Schlüsselkomponenten besser zu verstehen.
