PrÀsentismus: 95,2 Prozent arbeiten trotz Krankheit
Veröffentlicht: 17.07.2026 um 02:09 Uhr, Redaktion boerse-global.de
Die Fehlzeiten steigen, doch das Bild ist komplex: Viele gehen krank zur Arbeit, andere melden sich krank, obwohl sie fit sind.
Fehlzeiten auf Rekordniveau
Der Krankenstand in deutschen Unternehmen hat deutlich zugelegt. Lag er 2021 noch bei durchschnittlich 13 Tagen, stieg er von Januar bis November 2025 auf 18,6 Tage. Eine Untersuchung der Pronova BKK zeigt: 60 Prozent der Befragten haben sich schon krankgemeldet, obwohl sie sich fit fĂŒhlten. Rund 7 Prozent tun dies sogar hĂ€ufig.
Eine Yougov-Umfrage ergab zudem: Mehr als jeder vierte Arbeitnehmer hat schon einmal unter falschen Angaben gefehlt.
Das PhĂ€nomen âLeisure Sicknessâ
Parallel dazu gibt es das PhĂ€nomen der âLeisure Sicknessâ. Eine Befragung der IU Internationalen Hochschule aus dem Jahr 2025 zeigt: 72 Prozent der 2.000 Teilnehmer kennen es. Krankheitssymptome treten genau dann auf, wenn der Urlaub beginnt. Experten fĂŒhren das auf den plötzlichen Abfall von Stresshormonen wie Cortisol zurĂŒck.
PrÀsentismus: Die stille Gegenbewegung
Trotz hoher Fehlzeiten arbeiten viele trotz Krankheit. Eine Civey-Erhebung Mitte Juni 2026 unter 2.000 ErwerbstĂ€tigen zeigt: 95,2 Prozent haben bereits trotz Krankheit gearbeitet. 72 Prozent verspĂŒren einen erheblichen Rechtfertigungsdruck bei einer Krankmeldung.
Besonders betroffen: Junge BeschĂ€ftigte. Bei den 18- bis 29-JĂ€hrigen spĂŒren rund 82 Prozent diesen Druck. Bei den ĂŒber 50-JĂ€hrigen sind es nur 50,7 Prozent.
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Juristen betonen: Eine Krankmeldung ist ein legitimer Ausnahmezustand. Arbeitgeber dĂŒrfen grundsĂ€tzlich keine Diagnose verlangen. Dennoch befĂŒrchten laut der Juni-Umfrage 64,7 Prozent der BeschĂ€ftigten berufliche Nachteile durch Fehlzeiten.
PrÀvention: Bewegung als Strategie
Unternehmen setzen verstĂ€rkt auf prĂ€ventive Gesundheitsförderung. Ein Beispiel: Die Brauerei Veltins bietet seit 2017 das Programm âVeltins Vitalâ an. Dazu gehören Bike-Leasing, FirmenlĂ€ufe, orthopĂ€dische Sprechstunden und Vitamin-D-Tests. Auch Kooperationen zur medizinischen Vorsorge, etwa bei BrustkrebsfrĂŒherkennung, sind Teil des Angebots.
Experten raten zudem zu Feierabend-Ritualen und Mikropausen. Das soll die psychische Gesundheit fördern und den Ăbergang in Erholungsphasen erleichtern.
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Hitze kostet Milliarden
Neben individuellen Erkrankungen belasten externe Faktoren die ProduktivitÀt. Eine Hitzewelle im Juni mit Temperaturen um 40 Grad verursachte Kosten von mindestens 6,3 Milliarden Euro. Das hat das Institut Prognos berechnet. Rund 97 Prozent der SchÀden entfallen auf sinkende ProduktivitÀt. Besonders betroffen: das verarbeitende Gewerbe und das Gesundheitswesen.
ReformplÀne: Attestpflicht ab Tag eins
Die Bundesregierung plant Reformen bei der Krankmeldung. Vorgesehen sind die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung und eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag.
ĂrzteverbĂ€nde kritisieren das. Die KassenĂ€rztliche Bundesvereinigung warnt vor ĂŒberfĂŒllten Praxen und steigender BĂŒrokratie. Laut HausĂ€rzteverbĂ€nden machen telefonische Krankschreibungen derzeit nur 0,8 bis 1,2 Prozent aller ArbeitsunfĂ€higkeitsbescheinigungen aus.
Manche Branchen bleiben von den Neuregelungen wohl unberĂŒhrt. FĂŒr tarifgebundene Apothekenangestellte gilt beispielsweise: Eine Bescheinigung muss erst ab dem vierten Kalendertag vorliegen â es sei denn, der Arbeitgeber verlangt eine frĂŒhere Vorlage.
Fachleute kritisieren zudem einen paradoxen Effekt: Die Pflicht zum Praxisbesuch am ersten Tag könnte zu lĂ€ngeren Krankschreibungen fĂŒhren.
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