Schlaf, Psychologe

Schlaf: Psychologe warnt vor Einschlafdruck und starren 8-Stunden-Regeln

Veröffentlicht am: 14.08.2026 um 16:04 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Schlafexperten raten zu individuellen Rhythmen statt pauschaler Vorgaben. NĂ€chtliches Erwachen ist normal, Schlaftracking wird kritisch gesehen.

Schlafexperten: Individuelle Rhythmen statt starrer Regeln fĂŒr erholsame NĂ€chte
Eine entspannt ruhende Person in einem ruhig gestalteten Schlafzimmer bei sanftem Mondlicht. Illustration mit AI erstellt ĂŒbermittelt durch boerse-global.de

Wissenschaftliche Untersuchungen und Expertenanalysen verdeutlichen zunehmend, dass erholsamer Schlaf weniger von starren Regeln als von individuellen psychologischen Strategien und der BerĂŒcksichtigung biologischer Rhythmen abhĂ€ngt. Schlafpsychologe Markus Specht von der Helios Klinik Wiesbaden betont in diesem Kontext die Bedeutung einer Abkehr vom sogenannten Einschlafdruck.

Statt sich an einer pauschalen Acht-Stunden-Vorgabe zu orientieren, sei ein fester individueller Rhythmus entscheidend. Der Experte vergleicht den persönlichen Schlafbedarf dabei mit der SchuhgrĂ¶ĂŸe eines Menschen – er ist individuell und lĂ€sst sich nicht standardisieren.

Psychologische AnsĂ€tze und individuelle BedĂŒrfnisse

Laut Specht ist nĂ€chtliches Aufwachen ein normaler biologischer Vorgang. Problematisch werde es erst, wenn Schlafstörungen ĂŒber einen Zeitraum von mehr als drei Monaten anhalten. In solchen FĂ€llen empfiehlt der Psychologe eine kognitive Verhaltenstherapie.

Kritisch bewertet er zudem das weitverbreitete Schlaftracking mittels Smartwatches. Anstatt sich auf die Daten der GerĂ€te zu verlassen, sollten Betroffene ihr Augenmerk verstĂ€rkt auf das eigene ErholungsgefĂŒhl legen.

Auch Ă€ußere EinflĂŒsse wie extreme Sommertemperaturen erfordern psychologische Anpassungen. Die Schlafforscherin Christine Blume von der UniversitĂ€t Basel rĂ€t bei Hitze dazu, erst bei tatsĂ€chlicher MĂŒdigkeit ins Bett zu gehen. Dies helfe, den psychischen Druck zu minimieren.

Hitze fĂŒhrt physiologisch zu einer lĂ€ngeren Einschlafdauer, vermehrtem Erwachen sowie einer Reduktion von Tief- und REM-Schlafphasen, begleitet von einem beschleunigten Herzschlag.

Die Rolle der Chronobiologie im Arbeitsalltag

Ein wesentlicher Faktor fĂŒr die Schlafgesundheit ist die Übereinstimmung von Lebensstil und innerer Uhr. Der Chronobiologe Till Roenneberg weist darauf hin, dass lediglich etwa 20 % der Menschen dem Typ der „Lerchen“ (FrĂŒhaufsteher) entsprechen.

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Die Mehrheit, laut Professorin Olga Ramich vom Deutschen Institut fĂŒr ErnĂ€hrungsforschung (DIfE) etwa 50 % bis 70 %, gehört zum mittleren Chronotyp, den sogenannten „Tauben“. Ein dauerhafter „Social Jetlag“ – das Leben gegen den eigenen Rhythmus – fördert laut Roenneberg gesundheitliche Risiken wie Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Expertin Camilla Kring konstatiert eine strukturelle Benachteiligung von SpÀtaufstehern in der modernen Arbeitswelt. Sie empfiehlt Kernarbeitszeiten zwischen 10:00 und 15:00 Uhr. Dass solche Anpassungen ökonomisch sinnvoll sein können, zeigt eine Studie aus dem Jahr 2021, wonach Investmentbanker in ihrer biologischen Hochphase bessere Entscheidungen treffen.

Ein Praxisbeispiel aus Norwegen belegt zudem, dass die Mitarbeiterzufriedenheit durch die Verlegung von Meetings auf Zeiten ab 10:00 Uhr von 48 % auf 95 % gesteigert werden konnte.

Externe Stressfaktoren und gesundheitliche Folgen

Die SchlafqualitĂ€t wird massiv durch Umweltfaktoren beeinflusst. Eine Studie der Johannes Gutenberg-UniversitĂ€t Mainz aus dem Jahr 2020 belegt, dass nĂ€chtlicher VerkehrslĂ€rm Stresshormone freisetzen kann, die den Blutdruck und Cholesterinspiegel erhöhen – selbst wenn der LĂ€rm im Tiefschlaf nicht bewusst wahrgenommen wird.

ZusĂ€tzliche Belastungen entstehen durch klimatische Extreme. Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) wiesen fĂŒr den Zeitraum vom 22. bis zum 28. Juni insgesamt 9.600 Hitzetote aus. Der Neurologe Wenzel Glanz warnt, dass Hitze zu einer verminderten Durchblutung des Gehirns und Elektrolytverlusten fĂŒhrt, was insbesondere fĂŒr Menschen mit Demenz gefĂ€hrlich ist, da bei extremer Belastung die Blut-Hirn-Schranke durchlĂ€ssig werden kann.

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Regenerationsmethoden und wissenschaftliche Einordnung

Zur kurzfristigen Steigerung der kognitiven LeistungsfÀhigkeit zeigen Untersuchungen des University College London die Wirksamkeit von Powernaps zwischen 5 und 15 Minuten. Diese könnten Konzentration und Stimmung verbessern.

Schlafmediziner warnen jedoch, dass solche Ruhephasen kein Ersatz fĂŒr den Nachtschlaf sind. Sie sollten idealerweise zwischen 14:00 und 16:00 Uhr stattfinden und 20 Minuten nicht ĂŒberschreiten.

In Bezug auf populĂ€re Gesundheitstrends warnen Fachleute vor ungesicherten Diagnosen. Die Endokrinologin Birgit Harbeck von der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Endokrinologie (DGE) stellt klar, dass eine „NebennierenschwĂ€che“ keine medizinisch anerkannte Diagnose ist, was durch eine Metastudie mit 58 Untersuchungen aus dem Jahr 2016 gestĂŒtzt wird.

Sogenannte Cortisol-Cocktails seien wirkungslos. Stattdessen verweist die WHO auf evidenzbasierte Methoden zum Stress abbau: Eine Studie aus dem Jahr 2023 zeigt, dass bereits fĂŒnf Minuten tĂ€gliche AtemĂŒbungen das Stressniveau signifikant reduzieren können.

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